Höchster Kreisblatt
26.08.1986
Ökumenischer Gottesdienst im Asylantenlager
Es goß in Strömen: So ungemütlich ist ein Zelt
Schwalbach (babs). – Ein Haus aus Steinen, mit Blumen und Licht, gebaut auf dem Altar als Tisch der Hoffnung und Gemeinschaft, Ausdruck für die Sehnsucht des Menschen nach Sicherheit und Geborgenheit. Ein Symbol mit ganz konkretem Hintergrund, denn die Kinder, die es Stein für Stein zusammengesetzt haben, wohnen im Zelt. 200 Asylbewerbern aus aller Welt konnte im Lager Schwalbach nur noch ein luftiges Zeltdach über dem Kopf geboten werden – es fehlt an Unterkünften.
Petrus selbst schien beim 17. ökumenischen Gottesdienst mit Flüchtlingen darauf aufmerksam machen zu wollen, wie ungemütlich es unter einem Leinwanddach in unseren Breiten sein kann: Es regnete in Strömen. So erlebten die Besucher der Sonntagsfeier, welche Zumutung die Zeltbehausung sein kann. Immerhin war man schon froh, den Gottesdienst nicht unter freiem Himmel durchführen zu müssen, wie es zunächst mangels Raum geplant war.
Ihre christlichen Mitbrüder und -schwestern nicht „im Regen stehen zu lassen“ war an diesem Tag oberstes Ziel der Besucher aus den umliegenden Gemeinden. „Wir sind ganz besonders hier, weil wir gegen die Unterbringung in Zelten sind“, begründeten Bärbel Lemke und Dagmar Hudel aus Bad Soden ihre Teilnahme. „Und ein wenig Sonnenschein zu bringen“ und ihre Solidarität zu bekunden, waren auch Dr. Leonhard Korfhage und seine Frau Marie-Luise aus Hofheim zum Gottesdienst ins Lager gekommen.
Wie viele andere sind sie in der Pax-Christi-Gruppe um Pfarrer Leuninger aktiv, die sich um Verbesserungen für die Flüchtlinge bemüht. Dazu gehört auch der Aufruf an die Bewohner benachbarter Gemeinden, vorübergehend Müttern mit kleinen Kindern, die in Zelten untergebracht sind, private Unterkünfte zu bieten. Die notwendigen Kontakte sollten nach dem Gottesdienst bei Tee und Kuchen geknüpft werden. Der Eschborner Thomas Royen war aus diesem Grund ins Lager gekommen. „In unserer Gemeinde gab eș einen Appell, ein paar Frauen mit Kindern unterzubringen. Es war wie eine Provokation, daß sich nur zwei Leute gemeldet haben“, erklärt er.
Der hessische Sozialminister Armin Clauss war der Einladung zum Gottesdienst aus terminlichen Gründen nicht gefolgt. Er schickte seinen Regierungsdirektor Dirk Hummel. Der konnte gleich die Resolution entgegennehmen, mit der sich der Arbeitskreis „Hilfe und Beratung für Asylbewerber“, Eschborn, am Ende des Gottesdienstes an alle Teilnehmer wandte. Gefordert wird der umgehende Abbau der Zelte und die Einweisung der Flüchtlinge in feste Unterkünfte. Schon in vierzehn Tagen möchte man sich in vier Wänden um den Altar versammeln. Das allerdings konnte der Regierungsdirektor aus Wiesbaden nicht versprechen. Zwar laufe das Baugenehmigungsverfahren, um die alte Wohnplatzkapazität von 500 Unterkünften wiederherzustellen, doch dauere das eben seine Zeit.
Zur Frage, wie lange nun die Flüchtlinge noch in Zelten wohnen müßten, verwies Dirk Hummel auf den prasselnden Regen: „Die Witterungsbedingungen setzen ein ganz natürliches Ende. Von uns aus ist dieser Notanker nur vorübergehend geworfen. Die Zeit läuft ab.“ Im Moment bemüht man sich in Wiesbaden um die Verlegung der Asylbewerber in andere Lager.

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