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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1976 :::

Buchbesprechung

Eine Pfarrei wird zur Gemeinde

(veröffentlicht in: Christ in der Gegenwart, Katholische Wochenzeitschrift, Nr. 19, 9. Mai 1976)

INHALT
Eine Pfarrei am Stadtrand von Frankfurt macht durch eine neue Gesprächskultur Erfahrungem lebendiger Gemeinschaft.

Ein für das Leben der Kirche an der „Basis“ ganz bedeutsamer Beschluß der Würzburger Synode war der über „Die pastoralen Dienste in der Gemeinde“. Darin heißt es zu Beginn: „Aus einer Gemeinde, die sich pastoral versorgen läßt, muß eine Gemeinde werden, die ihr Leben im gemeinsamen Dienst aller und in übertragbarer Eigenverantwortung jedes einzelnen gestaltet.“ Was hier mit wenigen Worten umschrieben wird, dürfte für die meisten Gemeinden in der Zukunft noch zu einem langen Weg der Auseinandersetzung und des Sich-Zusammenfindens werden.

Von dem Auszug einer Pfarrei weg von einer traditionell gesicherten religiösen Versorgung in eine partnerschaftliche Gemeinschaft hinein ist in einem Buch die Rede, das Heinz-Manfred Schulz geschrieben hat: „Damit Kirche lebt. Eine Pfarrei wird zur Gemeinde“ (bei Grünewald, 123 S., 13.50 DM). Schulz ist Pfarrer in Eschborn, einer Neubaugemeinde am Rande von Frankfurt. Zur Pfarrei gehören fünftausend Katholiken in einem Städtchen von 18.000 Einwohnern. Ein bescheidener alter Ortskern mit einer zwölfhundertjährigen Geschichte ist umgeben von einer Anhäufung strukturloser Wohnmaschinen.

Das Buch liest sich wie ein Expeditionsbericht über ein risikoreiches Unternehmen. Beschrieben wird die erste Etappe einer „Reise“, an der eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft teilnimmt. Diese Reise dauert bereits sieben Jahre. Der seelsorgliche Aufbruch sollte nicht aus der Großkirche herausführen; er hat es bislang – trotz äußerst kritischer Einstellung zu ihr – auch nicht getan. Schulz ist von dem nachkonziliaren Glauben getragen, daß diese Kirche mit ihren Pfarreien bei aller institutionellen Schwerfälligkeit reformierbar ist. Die Erfahrungen in der Pfarrei Eschborn sind ihm dafür der Beweis. Keine Sondereliten, keine Personalgemeinden. Keine Gemeinschaften von Gesinnungsgenossen lösen für ihn das gesamtkirchliche Problem. Die normale Pfarrei soll sich mit Sack und Pack aufmachen, um an neuen rettenden Ufern zu landen. Das Ziel ist die Gemeinde, die sich von der Basis her in Gruppen aufbaut. Deren Glaubensgeist und Miteinander soll Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit deutlich machen.

Das Rezept in Eschborn: Gespräch und noch einmal Gespräch, naturgemäß in der überschaubaren Gruppe. Und so wird in dem Büchlein auf sehr anschauliche Weise eine Art Theologie des Dialogs geboten, von der man vieles lernen könnte.

Angefangen hat der Prozeß in Eschborn mit den ersten Wahlen zum Pfarrgemeinderat. „Da kam der Gedanke auf“, so erinnert sich Pfarrer Schulz, „könnten wir nicht alle Pfarrangehörigen zu kleinen Diskussionsgruppen einladen, um in der Pfarrei erst einmal das Gespräch untereinander in Gang zu setzen und mehr Kontakt zu schaffen?“ 350 Personen nahmen ein entsprechendes Angebot an und diskutierten in fünfzig Gesprächsrunden.

Das große Gespräch, das mit diesem Experiment einsetzte, ist nicht mehr verstummt und hat tatsächlich Pfarrei und Pfarrer von Grund auf verändert. In welch vielseitiger Form die Kommunikation gepflegt wurde, welch unterschiedliche Themen behandelt wurden, welche Folgerungen sich daraus ergeben haben, ist hier nachzulesen. Zwar sind bei dem Auszug nach innen nicht Tausende in Bewegung geraten, aber doch wohl einige hundert. Bei ihnen sind Glaube, Hoffnung und Liebe stärker geworden und tragen deutlicher bei zur Daseinsbewältigung. Ein paar Dutzend haben sich inzwischen noch enger zusammengeschlossen, und zwar zu sogenannten „Kristallisationspunkten“. Sie wollen sich in der Gruppe gegen eine Gesellschaft stellen, die es ihnen durch Konsumzwang und Prestigedenken so schwer macht, Christen zu sein. Wie sich das auswirkt, sagt ein Mitglied: „Man hat das Gefühl, der Tag wird von der Gemeinschaft mitgetragen. Man ist nicht allein. Das gibt Kraft, Sicherheit und Bereicherung.“


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