Generic selectors
Nur exakte Ergenisse
Suchen in Titel
Suche in Inhalt
Post Type Selectors
HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV ASYL 1995 :::

Eine Art Festansprache

HINWEIS
Rede bei der Einweihungsfeier der neuen Räume des Begegnungs- und Beratungszentrums für Flüchtlinge in Karlsruhe am 17. März 1995

INHALT
Die Veranstalter scheuen sich wohl, die Einweihung neuer Räume des Begegnungszentrums für Flüchtlinge als Fest und die Reden zu dieser Gelegenheit als Festreden zu verstehen. Die Lage der Flüchtlinge und der mit ihnen verbundenen Menschen scheint kein Fest mehr zuzulassen. Eher wäre es angezeigt, sich in Trauer zu hüllen und Wehklagen anzustimmen.

Als Troubadour unterwegs

Ich bedanke mich für die Einladung und Ehre zur Einweihung der neuen Räumlichkeiten des Begegnungs- und Beratungszentrums für Flüchtlinge eine Festansprache zu halten. Genauer gesagt bin ich mit dem freundlichen Einladungsschreiben von Herrn Karl und Frau Meier-Menzel gebeten worden, mich „in einer Art Festansprache“ an die Gäste zu wenden. Ich deute dies so, daß sich die Veranstalter irgendwie scheuen, die Einweihung der neuen Räumlichkleiten als Fest und die Reden zu dieser Gelegenheit als Festreden zu verstehen. Die Lage der Flüchtlinge und der mit ihnen verbundenen Menschen scheint kein Fest mehr zuzulassen. Eher wäre es angezeigt, sich in Trauer zu hüllen und Wehklagen anzustimmen.

Vielleicht traut man mir, nach all dem, was ich bisher so von mir gegeben habe, auch keine richtige Festrede zu. Daß Sie sich nicht täuschen! Ich bin der geborene Festredner und freue mich geradezu über die Gelegenheit, in dieser Feierstunde zu ihnen sprechen zu dürfen. Ginge es nämlich nach mir, dann wollte ich gern landauf, landab drei Botschaften ausrichten, Botschaften des gehobenen, festlichen Genres. Wenn es denn anginge und ich das Zeug zum Poeten und Sänger hätte, würde ich gern als Troubadour der Asylszene auftreten und ein dreistrophiges Lied vortragen. Das, was ich gern in dichterische Form brächte, versuche ich, Ihnen prosaisch zu erläutern.

Die erste Strophe handelte davon, daß die Flüchtlinge den Rang von Botschaftern haben und es verdienten, mit den höchsten Ehren und Privilegien empfangen zu werden.
In der zweiten Strophe würde ich die Menschen preisen, die sich in einer für mich ungewöhnlichen Weise auf die Solidarität mit Flüchtlingen eingelassen haben. Ich würde hymnisch ausdrücken, was sie für unsere Gesellschaft bedeuten.
Mit der dritten Strophe ginge es darum, die Feste zu rühmen, die Flüchtlinge mit ihren Freundinnen und Freunden zusammen feiern und wie diese Feste lebensnotwendig sind.
Die mittelalterliche Liedgattung wäre im übrigen ein Reflex auf die rückwärts gewandte Mentalität, in der sich Deutschland und Europa als Trutzfestung gegen Flüchtlinge auszubauen trachten. Damit würden in meinem Lied auch kritische Töne angeschlagen. Dies entspräche einer besonderen Sparte der höfischen Troubadourgesänge, die als Sirventes in die Literaturgeschichte eingegangen sind. Es handelt sich dabei um Kanzonen, die sich gesellschaftskritisch gaben. Sie wurden aus der Perspektive der Diener vorgetragen. In deutscher Sprache nannte man sie „Rügelieder“.

Die erste Strophe

Ich komme zur ersten Strophe und rühme die Flüchtlinge als Botschafter.
In der Stuttgarter Erklärung des ÖKUMENISCHEN FORUMS FÜR GERECHTIGKEIT, FRIEDEN UND BEWAHRUNG DER SCHÖPFUNG von 1988 werden die Flüchtlinge als „Botschafter“ bezeichnet, und zwar als „Botschafter weltweiten Unrechts“. Diese ungewöhnliche Benennung regt zu einer Reflexion an, die das Kommen von Flüchtlingen und die Verpflichtung, sie aufzunehmen, in einen größeren Zusammenhang stellt.

Botschafter ist ein Ehrentitel. Er gibt dem Flüchtling einen besonderen Rang, den Rang eines Diplomaten, der mit der Vertretung der Interessen seines Herkunftslandes betraut ist. Das, was er zu sagen hat, erheischt besondere Aufmerksamkeit und erfordert gegebenenfalls ernsthafte politische Konsequenzen. Botschafter genießen bei der akkreditierten Regierung große Achtung und eigene Vorrechte wie den Schutz des Botschaftsgebäudes, die Befreiung von Zöllen, Steuern und Abgaben und die Freistellung von der Strafgerichtsbarkeit. Das wichtigste Privileg ist aber das der persönlichen Unverletzlichkeit. Die Würde des Botschafters ist unverletzlich! Ein diplomatisches Grundrecht!

Verstehe ich den Flüchtling als Botschafter oder Botschafterin, dann gebe ich ihm eine hohe Stellung, und bin bereit, ihn mit allen Ehren zu empfangen, mit seinen spezifischen Privilegien auszustatten und seine Botschaft respektvoll entgegenzunehmen.

Ihre besondere Bedeutung erhalten die Flüchtlinge als Botschafter durch das, was sie uns als Aide-mémoire vorlegen; es ist eine Botschaft über die globale Situation der Welt, wie sie in diesen Tagen – ohne Flüchtlinge – auf dem Weltsozialgipfel verhandelt wurde. Gemäß der Stuttgarter Erklärung ist es die Botschaft über weltweites Unrecht und Unterdrückung. Im Unterschied zu den Regierungschefs und den Delegationsteilnehmern in Kopenhagen sind die Flüchtlinge leibhaftige Zeugen und unmittelbare Opfer der weltweiten Ungerechtigkeit. Sie kommen aus den Regionen, in denen fast alle Kriege der letzten Jahrzehnte, oft als Stellvertreterkriege, geführt wurden. Diese Kriege, überwiegend im eigenen Land wütend, sind Unterdrückungs- und Terroraktionen gegen die Freiheit und die Gerechtigkeit der Menschen und Völker. Weil sie eine schlimme Botschaft auszurichten haben, geraten die Flüchtlinge in die Gefahr aller Unglücksboten, für ihre Botschaft bestraft zu werden.

Die Christen unter uns möchte ich daran erinnern, daß Botschafter in der griechischen Übersetzung der Bibel, der Angelos, der Engel, ist. Engel sind Botschafter Gottes, mit einer noch größeren Aura der Unantastbarkeit ausgestattet, Die Botschaft, die Engel auszurichten haben, ist Unheils- und Heilsbotschaft zugleich: Unheilsbotschaft für eine Welt, die sich nicht bekehrt und die „Strukturen der Sünde“ verfestigt, aber auch die Botschaft der Rettung für die, die sich Gott und dem Menschen, seinem Ebenbild, zuwenden und ihm die gebührende Ehre erweisen. Die stumme und doch beredte Botschaft der Flüchtlinge wird in dieser Sehweise eine prophetische, aufrüttelnde und auf Veränderung drängende.

Vor mehr als fünf Jahren habe ich ähnliche Gedanken auf einem politischen Forum des Evangelischen Kirchentages von Berlin vorgetragen. Ich hatte den Eindruck, daß mich dort anwesende Politiker seit damals nicht mehr ganz ernst genommen haben. Aber, so kann es einem Troubadour allemal ergehen, wenn er bei Hofe allzu Ungewöhnliches zu singen wagt!

Die zweite Strophe

Ich komme zum Inhalt der zweiten Strophe und hier fühle ich mich als Troubadour ganz in meinem Element. Denn ich möchte in größter Verehrung ein Lied singen, das den Menschen gewidmet ist, die sich auf die Solidarität mit Flüchtlingen eingelassen haben. Ich bin nun mehr als 35 Jahre Priester der katholischen Kirche und war acht Jahre Sprecher von PRO ASYL. Ich habe kaum etwas Eindrucksvolleres erlebt als diese Verbundenheit mit fremden, geflüchteten Menschen. Dabei handelt es sich nicht nur um Hunderte, sondern um Tausende, die bis hin zur Identifizierung mit den Flüchtlingen an deren Schicksal teilgenommen haben. Es waren in der Überzahl Frauen! Der Troubadour durfte die hohen Frauen in strenge höfische Regeln eingebunden und aus gehöriger Distanz verherrlichen. Er durfte sie hinausheben über das irdische Dasein in die Sphäre ästhetischer und ethischer Vollkommenheit. Das möchte ich auch tun können. Dabei brächte ich gern zum Ausdruck, daß mich ihr und ähnlich sensibler Männer Engagement in der schwindelnden Höhe eines Bundessprechers für Flüchtlinge stabilisiert und vor dem Absturz in das schwarze Loch der Verzweiflung bewahrt hat. Das läßt sich eigentlich nur in einem Lied besingen.

Insgesamt haben die Asyl-Gruppen in der Bundesrepublik ihre Lähmung überwunden, in die sie durch die Änderung des Asylrechts geraten waren. Mit den Hiobsbotschaften, die aus der ganzen Republik eintrafen, waren gleichzeitig auch die Informationen darüber verbunden, daß sich neue Initiativen bilden und die bestehenden sich der Kraft der Vernetzung bewußter wurden. Die Gruppen und Initiativen haben sich auf schwierige Aufgaben eingelassen. Dabei geht es nicht nur um die Verhinderung unmenschlicher Abschiebungen, sondern auch um den Protest gegen die Unterversorgung der Flüchtlinge nach den neuen Leistungsgesetzen. Schließlich hat nicht nur eine Kürzung der Sozialhilfe und eine Umstellung auf Sachleistungen stattgefunden. Es wurde ein ganzes Bündel von Gesetzen geändert, um Asylbewerber schlechter zu stellen. Geändert wurden das Bundeserziehungsgeldgesetz, das Bundeskindergeldgesetz und das Unterhaltsvorschußgesetz. Die kontinuierlichen Verschlechterungen der früheren Jahre seine hier nicht einmal aufgeführt. Ein weiteres Feld für die Intervention waren die kritikwürdigen Bedingungen, unter denen Flüchtlinge, die in Abschiebehaft genommen wurden, leben müssen und die Erschwernisse, die sich für das Asylverfahren insgesamt ergeben haben.

Dabei darf in keinem Augenblick vergessen werden, daß das, was Flüchtlingen widerfährt, – darauf wurde in der Auseinandersetzung um das Grundrecht auf Asyl immer wieder hingewiesen – ihnen exemplarisch widerfährt. So geht es nicht nur um die Fremden im staatsrechtlichen Sinne, sondern um alle „Fremdlinge“, die als randständig eingestuft werden und nicht in den nationalen Bezugsrahmen des Standorts Deutschland passen. Entsprechende Warnungen im Zusammenhang mit der Asylrechtsänderung sind nur von einzelnen Gruppierungen verstanden worden. Weder sie noch wir konnten allerdings voraussehen, wie schnell und rücksichtslos soziale und individuelle Grundrechte zur Disposition gestellt wurden.

Es ist wichtig, den derzeitigen Umgang mit Flüchtlingen in einen größeren gesellschaftspolitischen Kontext zu stellen. Dann wird deutlicher, daß unsere Auseinandersetzung mit der Politik kein isoliertes Phänomen ist, sondern Teil eines Prozesses, in dem universale Vorstellungen von den Menschenrechten zugunsten nationaler und partikulärer Interessen aufgegeben werden. In dieser Auseinandersetzung, die vielleicht nur an der Oberfläche national drapiert ist, wird Minderheiten, die aus den wirtschaftlich und politisch destabilisierten Zonen der Welt flüchten, die Rechtfertigung für ihr Kommen abgesprochen. Sie werden in einer Konsequenz, die mit der Hartherzigkeit von Innenministern allein nicht erklärbar ist, abgewiesen, dehumanisiert und abgeschoben. Dieser Prozeß wird so lange weitergehen, wie die übergroße Wählermehrheit von ihrem nationalen Vorrecht überzeugt ist und in den Flüchtlingen die Boten für die Forderung nach einer Umverteilung großen Ausmaßes sieht; sie als diejenigen einschätzt, die in unzulässiger, wenn nicht gar unverschämter Weise an den mühsam erarbeiteten , aber auch gefährdeten Errungenschaften Westeuropas teilhaben wollen.

Wir befinden uns in einer Phase, in der die Partikularisierung der Menschenrechte und damit ihre Aushöhlung vorangetrieben werden. Dabei ist das Asylrecht untrennbarer Teil einer menschenrechtlichen Sicht des Individuums. Gegen diese Entwicklung sind auf absehbare Zeit keine Mehrheiten mehr zu mobilisieren. Wir müssen im Gegenteil davon ausgehen, daß der Abbau von Rechten, die sich auf Flüchtlinge beziehen, noch nicht an sein Ende gelangt ist.

Gruppen, die an dem bisherigen Werte-Kanon festhalten, müssen sich ihrer Minderheitenposition bewußt werden und diese auch aushalten. Eine schnelle Verbesserung wird es nicht geben, wenn es denn überhaupt in absehbarer Zeit noch einmal zu einer solchen kommt. Wer sich auf die Solidarität mit Flüchtlingen eingelassen hat, braucht einen langen Atem. Er muß bereit sein zum Handeln, das kaum Hoffnung kennt, dennoch aber für das eigene moralische und politische Überleben, für das nackte Überleben der Flüchtlinge und für die Revitalisierung bisher geltender Werte unerläßlich ist. Gesellschaftsanalytiker verweisen darauf, daß kleine Gruppierungen mehr denn je die ebenso schwierige wie notwendige Aufgabe haben, die Elemente eines gesellschaftlichen Wertekonsenses gegen alle Widerstände lebendig zu erhalten. Sie haben die Aufgabe, ihn exemplarisch durchzusetzen und immer wieder politisch anzumahnen. Der Flüchtlingssolidarität kommt hierbei eine spezifische Aufgabe zu, die sich aus einer ganz eigenen Kompetenz ergibt. Sie rührt her aus dem direkten Kontakt mit Flüchtlingen und deren Willen zum Leben und zu einer lebenswerten Zukunft, aber auch von deren Vorstellungen und Erwartungen an eine gerechte und menschenwürdige Behandlung.

Die dritte Strophe

Die dritte Strophe meines Gesangs ist relativ kurz, aber für das, was ich Ihnen heute sagen wollte, vielleicht nicht ganz unwichtig. Es geht um das gemeinsame Fest in der Asylszene. Hier erlaube ich mir persönliche Erfahrungen einzubringen.

Ich habe mich vor mehr als zehn Jahren in Hofheim einer Friedensgruppe angeschlossen. Sie sah ihre Hauptaufgabe darin, Partnerschaft und Freundschaft mit den in der Kreisstadt lebenden Flüchtlingen zu pflegen. Wenn Sie mich fragen, was ich aus dieser Zeit als besonders wichtig betrachte, so würde ich an erster Stelle die gemeinsamen Feste nennen, wozu ich auch die achttägigen Urlaube zähle, die wir viermal miteinander verlebt haben. Zu den glücklichsten Tagen, die wir und viele Flüchtlinge in den letzten Jahren erlebt haben, zählen die unseres letzten Urlaubs im Vogelsberg. Dort waren wir die Gäste und die Flüchtlinge die großzügigsten Gastgeber, die man sich vorstellen kann. Sie verwöhnten uns mit allen Köstlichkeiten, die die iranisch-armenische, die afghanische, die eritreische oder die Küche der Ahmadiya aus Pakistan zu bieten hat. Die Feste des Jahres, die Geburtstage, Tauffeiern, die Hochzeit, bei der wir mehr als eine Stunde auf die wunderschöne eritreische Braut warteten, Abschiedspartys mit den Armeniern, die nach Amerika oder Australien weiterwandern, die Sommerfeste auf der Wiese, bei der wir 100 Luftballons mit einer Friedensbotschaft aufsteigen ließen, die ökumenischen Gottesdienst im Erstaufnahmelager in Schwalbach mit anschließender Agape, das jährliche Treffen vor Weihnachten mit Menschen aller Regionen und Religionen, ja auch die archaische Totenklage mit den klagenden Frauen für Angehörige, die in der fernen Heimat umgekommen oder gestorben sind.

Alle, die ähnliche Feste erlebt haben, wissen, daß sie wesentlich zum respekt- und würdevollen Miteinander gehören, Freundschaften entstehen lassen und befestigen, seelische Not lindern, die Freude am Leben erhalten. Kaum besser als im Fest erfahren wir die universale und gleichrangige Zusammengehörigkeit. Jedes Fest ist ein deutlicher Protest gegen die gesetzliche und strukturelle Entwürdigung der Flüchtlinge. Diese Feste geben uns allen neue Kraft zum Weiterleben.

Sie sehen, die dritte Strophe meines Minnegesangs durfte nicht fehlen. Vielleicht verstehen Sie jetzt besser als am Anfang, daß ich in diesem Haus vor Ihnen allen und besonders vor Frau Meier-Menzel, die ich aus der Distanz verehre, sehr gern diese Art Festrede gehalten habe.
Feiern Sie also, was das Zeug hält!


Rede bei der Einweihungsfeier der neuen Räume des Begegnungs- und Beratungszentrums für Flüchtlinge in Karlsruhe am 17. März 1995


Nach oben