Hessischer Rundfunk Frankfurt/M.
1. Hörfunkprogramm
am 29. Februar 1972
Redaktion: Norbert Kutschki
Eine Gemeinde als Stachel für die Theologie
Bericht über ein Symposion der Integrierten Gemeinde von München
Zu Gast bei einer neuartigen Gemeinde, die sich als Übertragung des Modells der ersten christlichen Gemeinden versteht.
siehe auch:
Kommune, Kibbuz oder Kloster? – „Die integrierte Gemeinde“ in München
Mehr als eine theologische Tagung sollte das Symposion sein, zu dem die Integrierte Gemeinde von München Dozenten theologischer Fakultäten und Publizisten eingeladen hatte. Nach klassischem Vorbild – man denke an Platons Gastmahl – wurde dieses Symposion als eine Begegnung arrangiert, bei dem neben den Diskussionen und Gesprächen das festliche Mahl und musische Darbietungen einen gebührenden Platz einnahmen. In dieser Art von Zusammenkünften ist die Gemeinde, die mittlerweile auf 140 Personen angewachsen ist, kaum zu übertreffen.
Mehr als 40 Gäste, darunter Theologen und Publizisten von Rang und Namen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, versuchten sich in München und Urfeld am Walchensee einen Eindruck von dieser Gemeinschaft zu verschaffen. Den roten Faden für die geistige Auseinandersetzung der Tage bildete die Frage nach der Nähe des eschatologischen Heils. Wie steht es um das Kommen der Herrschaft Gottes? Ist Heil bereits jetzt konkret erfahrbar oder müssen wir damit bis nach dem Tode warten? Was ist mit der Naherwartung, die Jesus, Paulus und die ersten Gemeinden gehabt haben? Warum ist sie in der Kirche zur Fernerwartung geworden?
Für die Integrierte Gemeinde zeigt sich das versprochene Heil mitten in ihrem Zusammenleben. Eine irgendwie geartete Hoffnung auf das Jenseits zählt sie nicht zum spezifisch Christlichen. Wo Menschen darauf setzen, daß die Herrschaft Gottes schon endgültig angebrochen ist, und ihr gesamtes Leben dafür gebrauchen lassen, die Nähe Gottes zu bezeugen, kommt es zu überraschenden Erfahrungen. Sie sollen nur in den biblischen Wundergeschichten eine Entsprechung haben, wo es heißt, daß Kranke gesund werden, Dämonen ausfahren, Gefangene frei und Arme reich werden, daß sogar Tote aufstehen. Das sind natürlich Behauptungen, die einen Theologen in höchste Alarmbereitschaft versetzen. Solche Behauptungen sind zwar aus dem Neuen Testament bekannt, werden aber von heutigen Gemeinden niemals wiederholt, ohne daß ein homerisches Gelächter einsetzte. Die Integrierte Gemeinde sagt diese Behauptung den Theologen und Publizisten ins Angesicht.
Die Wissenschaftler, einmal auf diese Gemeinde angesetzt, legten ihre kritischen Sonden an. Sie trugen Bedenken vor gegen eine einseitige Auslegung der biblischen Botschaft, gegen die Verkürzung der Eschatologie und die Unterschätzung der Tradition. Das mag für die Theologen der Gemeinde sehr hilfreich gewesen sein, die ja keineswegs behaupten, die gesamte Theologie für sich gepachtet zu haben. Man glaubt eher, in eine „Marktlücke“ vorgestoßen zu sein, die die große Theologie offen gelassen hat; daß nämlich die Theologie von den Glaubenserfahrungen der Gemeinde auszugehen hat und nicht im luftleeren Raum reflektieren kann. „Was ist“, so wurde aus der Gemeinde gefragt, „ein Theologe ohne Gemeinde?“
Die Dozenten und Professoren verstanden wohl, daß hier die Kritik der Gemeinde an ihrer Arbeit lag. Ein protestantischer Alttestamentler bezeichnete in einem Gespräch die Gemeinde als einen Stachel für die Theologie. Ein anderer Theologe, diesmal ein Neutestamentler, der den schärfsten Angriff gegen die Gemeinde gefahren hatte, meinte nach der Tagung: „Es müßte mehr solcher Gemeinden geben!“ Damit hat er im Grunde das Problem der Integrierten Gemeinde aufgezeigt. Es fehlt ihr nicht an genialen, aber an kongenialen Gesprächspartnern, nämlich an anderen Gemeinden, die wissen, wovon die Münchner Gemeinde zu sprechen versucht.
Die Theologen wollen wiederkommen. Wenn nicht alles trügt, werden auch die Publizisten nicht ausbleiben. Denn „wo ein Aas ist, da sammeln sich die Geier“. Recht verstanden gibt es vielleicht so etwas wie eine eschatologische Witterung.