Generic selectors
Nur exakte Ergenisse
Suchen in Titel
Suche in Inhalt
Post Type Selectors
HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV Kirche-Migration 1989 :::

Die Flüchtlinge als Botschafter

INHALT
In der Stuttgarter Erklärung des ÖKUMENISCHEN FORUMS FÜR GERECHTIGKEIT, FRIEDEN UND BEWAHRUNG DER SCHÖPFUNG von 1988 werden die: Flüchtlinge als „Botschafter weltweiten Unrechts“ bezeichnet. Diese ungewöhnliche Benennung regt zu einer Reflexion an, die dem Kommen der Flüchtlinge Verkündigungs-charakter einräumt.

HINWEIS
Einführung zu einer Podiumsdiskussion über Flüchtlinge
auf dem Evangelischen Kirchentag 1989 in Berlin

Im „Jahrhundert des Flüchtlings“ versagen die schlichten Appelle nach menschlicher Aufnahme der Asylsuchenden, die Zahlen der Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten, steigen. Offiziell zählt der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen 15 Millionen Menschen, die unter die Genfer Flüchtlingskonvention fallen. Andere Schätzungen, die einen umfassenderen Flüchtlingsbegriff zugrunde legen, kommen auf ein paar hundert Millionen. Ende des Jahrhunderts könnten es, die Umweltflüchtlinge mit einbezogen, vielleicht eine Milliarde sein.

Die Christen brauchen neue Tiefendimensionen des Denkens, Fühlens und Handelns, um vor dieser Anforderung an ihren Glauben einigermaßen bestehen zu können.

In der Stuttgarter Erklärung des ÖKUMENISCHEN FORUMS FÜR GERECHTIGKEIT, FRIEDEN UND BEWAHRUNG DER SCHÖPFUNG von 1988 werden die: Flüchtlinge als „Botschafter weltweiten Unrechts“ bezeichnet. Diese ungewöhnliche Benennung regt zu einer Reflexion an, die dem Kommen der Flüchtlinge Verkündigungscharakter einräumt.

Der Botschaftertitel ist ein Ehrentitel und gibt dem Flüchtling einen besonderen Rang, den Rang eines Diplomaten, der mit der Vertretung der Interessen seines Herkunftslandes in der Fremde betraut ist. Das, was er zu sagen hat., erheischt besondere Aufmerksamkeit und erfordert gegebenenfalls ernsthafte politische Konsequenzen. Botschafter genießen bei der akkreditierten Regierung große Achtung und Vorrechte wie den Schutz des Botschaftsgebäudes, die Befreiung von Zöllen, Steuern und von der Strafgerichtsbarkeit. Das wichtigste Privileg ist aber das der persönlichen Unverletzlichkeit. Die Würde des Botschafters ist unverletzlich! Ein diplomatisches Grundrecht.

Verstehe ich den Flüchtling als Botschafter, dann gebe ich ihm einen hohen Rang, und erkläre mich bereit, ihn mit Ehren zu empfangen, mit Privilegien auszustatten und seine Botschaft respektvoll entgegenzunehmen.

Ganz besondere Bedeutung erhalten die Flüchtlinge als Botschafter durch das, was sie als Botschaft auszurichten haben; es ist eine Botschaft über die globale Situation der Welt. Gemäß der Stuttgarter Erklärung ist es die Botschaft über weltweites Unrecht. Was das alles inhaltlich bedeutet, führt nicht zuletzt die Enzyklika „DIE SOZIALE SORGE DER KIRCHE“ auf. Sie ist die Analyse einer Weltlage , die sich in den letzten 20 Jahren dramatisch verschlechtert hat und sich in der wachsenden Unausgewogenheit der Weltwirtschaft und in den damit einhergehenden verschärften Konflikten zeigt. Diese Entwicklung macht Johannes Paul II für die Millionen Flüchtlinge verantwortlich, denen „Kriege, Naturkatastrophen, Verfolgungen und Diskriminierungen aller Art, Heimat, Arbeit, Familie und Vaterland geraubt“ hätten (Nr.24). So sind die Flüchtlinge als leibhaftige Zeugen und unmittelbare Opfer Botschafter weltweiter Ungerechtigkeit. Sie kommen aus den Regionen, in denen fast alle Kriege der letzten Jahrzehnte, zumeist als Stellvertreterkriege, geführt wurden. Diese Kriege, überwiegend im eigenen Land wütend, sind Unterdrückungs- und Terroraktionen gegen die Freiheit und die Gerechtigkeit der Menschen und Völker.

Daher sind die Flüchtlinge nicht so sehr in ihrer Zahl sondern in ihrer Qualität die eigentliche Herausforderung für die westliche Welt. Dabei geraten sie in die Gefahr aller Unglücksboten, für ihre Botschaft bestraft zu werden, zwar nicht durch den Tod aber durch die Verletzung ihrer Menschenwürde.

Sicher genügt es nicht, Flüchtlinge in den Rang von diplomatischen Botschaftern zu erheben. Die Aura, die einen Botschafter im diplomatischen Dienst umgibt, würde, selbst wenn man sie auf die Flüchtlinge übertrüge, nicht ausreichen, um ihnen und ihrer Botschaft das nötige Gewicht zu geben. Christen müßten daran erinnert werden, daß Botschafter in der griechischen Übersetzung der Bibel, der Angelos, der Engel, ist. Engel sind Botschafter Gottes, mit einer noch größeren. Aura der Unantastbarkeit ausgestattet, mit der nämlich, die Gott umgibt. Die Botschaft, die Engel auszurichten haben, ist Unheils- und Heilsbotschaft zugleich, Unheilsbotschaft für eine Weit, die sich nicht bekehrt und die „Strukturen der Sünde“ (Enzyklika) verfestigt, aber auch die Botschaft der Rettung für die, die sich Gott und dem Menschen, seinem Ebenbild, zuwenden und ihm die gebührende Ehre erweisen. Die stumme und doch beredte Botschaft der Flüchtlinge wird in dieser Sehweise eine prophetische, aufrüttelnde und auf Veränderung drängende.

Die Botschaft der Flüchtlinge ist eine Verkündigung an die Kirche. Sie zu verstehen und anzunehmen bedeutet nicht nur eine tiefe Solidarität mit den schutzsuchenden Menschen sondern auch ein zentraler Aufruf zur Ökumene, um die gemeinsame Verantwortung für die Welt wahrzunehmen. Die Flüchtlinge, die Grenzen überschreiten, reißen auch die Grenzen zwischen den Kirchen ein, die sie davon abhalten, das Zeichen der Einheit unter den Völkern zu sein. In einem Maße und in einer Art wie kaum in einem anderen Bereich wird die Erfüllung des Willens Gottes beschleunigt, Menschen aller Rassen und Kulturen unter seiner Herrschaft und Gerechtigkeit zu einen und zu einer großen Menschheitsfamilie zusammenzuführen.


Einführung zu einer Podiumsdiskussion über Flüchtlinge auf dem Evangelischen Kirchentag 1989 in Berlin


Nach oben