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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1980 :::

DIE FAMILIE IN DER MIGRATION

GESELLSCHAFTSPOLITISCHE PROBLEME UND AUFGABEN

Referat auf der 41. Tagung des
KATHOLISCHEN KOMITTEES
FÜR INNEREUORPÄISCHE WANDERUNGEN (CCMIE)
vom 25.-27. November 1980 in Einsiedeln, Schweiz

A

Eine Bildbetrachtung

Ich beginne mit einer Bildbetrachtung: Eine – wohl türkische Familie – die Eltern mit ihren drei Kindern. Sie stehen irgendwo in einer imaginären Landschaft. Wie aus einem Block gefügt bilden sie eine untrennbare Einheit. Die Gruppe ist aber aus dem Lot. Eine unbekannte Macht hat sie entwurzelt. Die Beine der Familienmitglieder gehen in Wurzeln über, die zum allergrößten Teil freiliegen. Dennoch macht die Familie keinen entwurzelten Eindruck. Vielleicht beginnt sie sich neu zu verwurzeln. Der Vater reicht mit seinen Wurzeln bereits oder noch tief ins Erdreich. Er ist wie seine Kinder westeuropäisch gekleidet. Die Mutter hängt am weitesten in der Luft, gekleidet wie eine anatolische Bäuerin.

Ein Bild der Familie in der Migration. Entwurzelung gleich Desintegration; Verwurzelung gleich Integration; oder ein Schwebezustand zwischen Desintegration und Integration?

Das Bild ist ambivalent, doppeldeutig, ambivalent wie das, was der Familie in der Migration widerfährt.


B

1. Die Familie – das unbekannte Wesen

Aber wissen wir das? Kennen wir die Familie in der Migration? Ich finde; Nein! So ist auch meine Formulierung zu verstehen: die Familie in der Migration – das unbekannte Wesen.

Dabei gibt es eine nicht mehr zu übersehende Fülle wissenschaftlicher Untersuchungen über die Arbeitsmigranten, mittlerweile auch über deren eingewanderte, bzw. hier geborenen Kinder, über die sogenannte zweite und dritte Generation. Allerdings gibt es auch immer zahlreichere wissenschaftliche Arbeiten über die emigrierte Frau. Aber die Migrantenfamilie als solche ist in der wissenschaftlichen Literatur unterrepräsentiert, wobei ich natürlich von der Situation in der Bundesrepublik Deutschland ausgehe und es der späteren Diskussion überlasse, wie es in anderen europäischen Länder aussieht.

Wenn die Forschung die Familie in der Migration noch nicht entdeckt hat, ist dies ein Anzeichen dafür, daß die Familie als besonderes Phänomen der Arbeitswanderung im öffentlichen und politischen Bewußtsein keine Rolle spielt, und seitens der mit der Integration befassten gesellschaftlichen Institutionen wissenschaftliche Analysen und Reflexionen nicht abgefragt und nicht in Auftrag gegeben werden.

Die Gründe hierfür sind sicher vielschichtig. Sind es allgemeine gesellschaftspolitische Gründe, weil die Familie. in der westlichen Zivilisation in eine tiefgreifende Krise geraten ist und keinen richtigen Platz in unserer Gesellschaft einnimmt? Das würde sich natürlich auch auf die Bewertung der eingewanderten bzw. der wandernden Familien übertragen.

Oder ist die Familie vielleicht für die arbeitsmarktpolitische Betrachtung der Arbeitswanderung ein zu vernachlässigender Faktor? Die Industriestaaten sind an Arbeitskräften interessiert und nicht an Familien. Familien und Familienzusammenführung könnten ein Störfaktor des mobilen Einsatzes ausländischer Arbeitskräfte sein. Zumal die nachgewanderte Familie zur Seßhaftigkeit neigt und der Rotation der Arbeitskräfte zuwiderläuft. Die Familie könnte in diesem Kontext natürlich auch als Kalkulationsbelastung betrachtet werden.

Ist die Familie in der Migration soziologisch gesehen deswegen ein unbekanntes Wesen, weil sie auf den gesellschaftlichen Kontakt- und Konfliktfeldern wie Arbeitswelt und Schule direkt nicht in Erscheinung tritt? Sie lebt vielleicht zu sehr im Hintergrund von den Kommunikationsstrukturen her sogar in einer Art Untergrund mit der Folge, daß sich unbekannte Substrukturen und Kulturen entwickeln.

Ist die Familie vielleicht sogar ein Störfaktor für die Integration und Assimilierung der zweiten und dritten Generation? Sehr häufig ist davon die Rede, die Familien anderer ethnischer Herkunft widersetzten sich der Integration ihrer Kinder. So viel glaubt man natürlich von der Familie in der Migration zu wissen, daß sie der zentrale Bereich ist, in dem die Herkunftskultur und Sprache lebendig bleiben und an die nachfolgende Generation vermittelt werden. Die Familie wäre also ein Irritationszentrum für die Aufnahmegesellschaft und ihre Kultur.

Fassen wir die Problematisierung zusammen: Die Familie in der Migration ist für unsere Gesellschaft ein unbekanntes Wesen. Daraus resultiert eine große Unsicherheit ihr gegenüber. Den Kirchen in der Bundesrepublik und ihren Wohlfahrtsverbänden ist es bislang nicht gelungen, dieses Defizit wirksam zu artikulieren und die integrationspolitischen Programme maßgeblich zu beeinflussen.

Ausgangspunkt aller Überlegungen muß aber sein, daß ohne die Emigrantenfamilie, geschweige denn gegen sie, eine Integration nicht betrieben werden kann, die diesen Namen verdient, also nicht bloß eine Assimilationspolitik mit dem entsprechenden Anpassungsdruck. Andererseits ist die Familie in der Migration, vor allem wenn sie gesellschaftlich allein gelassen wird, ein durchaus ambivalentes Gebilde, das neben seiner Stärke eine erheblich Schwäche aufweist.

2. Aus dem Familienbericht der Bundesregierung

Es muß wie ein Widerspruch klingen, wenn ich jetzt darauf hinweise, daß es eine regierungsamtliche Einschätzung der Familie in der Migration gibt. Es handelt sich um einen ausführlichen Exkurs über die ausländischen Familien in der Bundesrepublik, im dritten Familienbericht der Bundesregierung: „Die Lage der Familien in der Bundesrepublik Deutschland“. Diesen Bericht hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr dem Bundesrat vorgelegt. Der Widerspruch löst sich dahingehend auf, daß dieser Exkurs eine wichtige Analyse der Familie in der Migration darstellt, er aber weder in der Öffentlichkeit noch in der Politik eine Rolle gespielt hat.

Der Exkurs im Familienbericht der Bundesregierung bezeichnet die Unsicherheit der Zukunftsplanung als ein Hauptmerkmal der ausländischen Familien in der Bundesrepublik.

Durch den Anwerbestopp, der für Nicht-EG-Bürger eine Rückkehr in die Bundesrepublik, nach längerem Aufenthalt in der Heimat, unmöglich mache, hätten sich die nur für kurze Zeit geplanten Trennungsphasen von Familien erheblich verlängert. Der Familiennachzug stehe immer noch unter restriktiven Bedingungen, nach denen der ausländische Arbeitnehmer in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis stehen, einen für den Nachzug angemessene Wohnung nachweisen müsse und für den Nachzug nur der Ehepartner und die unter 18 Jahre alten Kinder in Betracht kämen.

Es wird eingeräumt, daß der Nachzug von Familienangehörigen sehr groß gewesen sei, zumal die Behörden aus Personalmangel bestimmte Kontrollen gar nicht hätten vornehmen können. Dennoch bleibe die Unsicherheit, da im Einzelfall die restriktive Anwendung der Bestimmungen immer möglich sei, und dies gelegentlich vorkomme. Nach dem Familienbericht stehen die getrennt lebenden Familien unter großen Belastungen. Die Rückkehr des in der Bundesrepublik erwerbstätigen Teils ist nur für wenige eine Alternative, die langfristig ihre Existenz sichert.

Für den Nachzug von Frau und Kindern müßten große finanzielle Anstrengungen gemacht werden, die oft ohne ein Mitverdienen der Ehefrau gar nicht möglich sind. Diese dürfe auf Jahre nicht in der Bundesrepublik arbeiten; jetzt verhindern es sogenannte Wartezeiten. Für eine Rückkehr kann dann auch nicht mehr gespart werden.

Zur Erziehungsleistung ausländischer Familien sagt der Regierungsbericht, daß diese auf dem Hintergrund der wirtschaftlichen Verhältnisse in der Heimat und hier zu interpretieren sei. Die Struktur der Familie habe sich im Rahmen der Auswanderung wesentlich verändert. Die Bereitschaft ins Ausland zu gehen, sei oft eine Fortsetzung der bereits im Heimatland angelaufenen Mobilität und der damit verbundenen Verkleinerung der zusammenlebenden Familie. Und so gehe der Weg vom Land über die Stadt ins Ausland. Isolation und Vereinsamung der Kleinfamilie in der Emigration seien ein großes Problem für die ausländischen Familien.

Oft müssten sich diese nach einer Trennung wieder neu zusammenfinden, alte Autoritätsstrukturen seien in den Zwischenphasen durchbrochen worden und führten zu Konflikten und zu einer starken Verunsicherung der Kinder. Auf eine Stabilisierung ihrer Situation könne sich die ausländische Familie zudem nicht verlassen. Die Unmöglichkeit einer klaren Zukunftsplanung werde außerordentlich erschwert und wirke sich insbesondere auf die Ausbildungsplanung für die Kinder und ihre spätere Einordnung in das Berufsleben aus.

Die wirtschaftlichen Bedingungen sind eine hohe Frauenerwerbsquote, geringere Stundenlöhne, aber doch mittlere Familieneinkommen durch erhöhten Arbeitseinsatz, hohe Anteile von un- und angelernten Arbeitskräften mit überhöhtem Arbeitsplatzrisiko und schließlich Wohnungen mit geringem Standard und höheren Mieten in infrastrukturell ungünstig ausgestatteten Wohngegenden

Was die Familiengröße angeht, hätten ausländische Frauen trotz allmählicher Angleichung der Kinderzahl an deutsche Durchschnittszahlen mehr Kinder zu versorgen, andererseits seien die Familien aber stärker auf den Verdienst der Frau angewiesen. Aufgrund des relativ hohen Familieneinkommens seien Kindergärten, -horte, -krippen und -pflegestellen ziemlich teuer.

Die Verständigungsschwierigkeiten in den Familien werden als sehr groß bezeichnet. Besondere Probleme ergeben sich für die Familien durch die arbeits- und ausbildungslosen Jugendlichen. Sie stellten u.a. eine finanzielle Belastung dar. Wenn die beiden Eltern berufstätig seien, hätten sie zu wenig Zeit die Probleme der Jugendlichen aufzunehmen. Viele Jugendliche fielen dadurch aus dem Familienverband heraus.

Der kurz zusammengefasste Exkurs ist kritisch und erhellend. Er müßte in seinen Feststellungen noch ergänzt, wissenschaftlich unterbaut und auf die neueste Entwicklung hin fortgeschrieben werden. Vor allem wird es natürlich von entscheidender Bedeutung sein, daß die gewonnenen Erkenntnisse politisch angemessen umgesetzt werden.

3. Weitere Probleme der Familie

Was wissen wir z.B. über die Konsequenzen der Familientrennungen? Mehr als eine Million Kinder, für sie wird reduziertes Kindergeld in der Heimat gezahlt, leben noch heute getrennt von ihrem Vater, von ihrer Mutter oder von beiden Eltern. Entfremdung von den Eltern ist die unvermeidliche Konsequenz; vor allem dann, wenn beide Elternteile im Ausland arbeiten. Das Verhältnis der Kinder zu den Eltern reduziert sich darauf, daß diese als besserer Weihnachtsmänner fungieren, die mit Fernsehgerät, Waschmaschine, Kühlschrank, Spielzeug, Radio und Uhren bepackt zu einem kurzen Aufenthalt zu ihren Kindern kommen. Die Eltern erfüllen zwar materielle Konsumbedürfnisse, verlieren aber die entscheidende Funktion emotionalen und erzieherischen Einflusses. Die Kinder entwickeln ein emotionsfreies, konsumgüterorientiertes Verhältnis zu ihren abwesenden Eltern.

Die Geschwister entfremden sich untereinander. Sie sind vielleicht nicht nur von ihren Eltern getrennt, sondern leben auf verschiedene Familien verteilt in verschiedenen Gegenden oder auch Internaten.

4. Einschätzungen durch Kirche und Sozialdienste

Die Bundesvereinigung der Spanischen Sozialberater hat auf dem Europaseminar in Dublin/Irland im vergangenen Jahr eine Einschätzung der Situation der durch die Emigration getrennten Familien vorgelegt, Die Sozialberater stellen darin fest, daß die größten Schwierigkeiten für die Emigranten nicht die Fragen der Arbeitswelt, sondern die Frage nach der Familie seien.

Von den verheirateten spanischen Arbeitsmigranten haben 6 % ihre Frauen und 28 % ihre Kinder in Spanien. Gründe hierfür sind vorwiegend die schulische Ausbildung und die hohen Mietkosten in der Bundesrepublik.

Der Einfluß der Trennung auf die familiären Beziehungen wird von 41 % der emigrierten Spanier als negativ und sehr negativ eingestuft. Diese pessimistische Beurteilung liegt bei den Frauen aber noch höher.

Die Stellungnahme der spanischen Sozialberater hebt vor allem darauf ab, daß die Kinder durch das Fehlen der Vaterfigur in ihrer Sozialisation erheblich beeinträchtigt werden.

Dies alles wirft nur ein Schlaglicht auf eine spezifische Problematik der Familie in der Emigration.

Auch die spanischen katholischen Missionare in Deutschland haben im vergangenen Jahr ein Dokument über die zweite Generation vorgelegt. Sie haben dabei versucht, die Familie aus dem Blickpunkt der jungen Menschen zu betrachten, die sich von ihren Eltern mehr Verständnis wünschen und familiäre Harmonie für einen der Grundwerte halten. Die Familien böten ihnen in der Emigration besonderer Schutz und ökonomische Sicherheit. Das sei für die jungen Menschen so wichtig, daß es den verdeckten Generationskonflikt und auch andere Konflikte der Identitätsfindung relativiere.

Die spanischen Priester verweisen auf den Versuch der Eltern aufgetretene Spannungen dadurch zu lösen, daß sie mit der ganzen Familie in die Heimat zurückkehren, vor allem dann, wenn sie meinen, sie müßten ihre Kinder – und dabei wieder vor allem ihre Töchter – vor der deutschen Gesellschaft retten. Die Eltern selbst lebten in dem Zwiespalt, in dem sie sich auf der einen Seite autoritär verhielten und auf der anderen den Kindern viel zu große Freiheiten ließen.

Noch ausführlicher haben sich die italienischen Priester in der Bundesrepublik mit der Familie befasst und eine Analyse vorgelegt, die das Ergebnis eigener Untersuchungen und Beobachtungen ist.

Sie beschreiben die Entwicklung der Familie in der Emigration als einen Zerfallsprozess, der ein starkes Gefühl der Unsicherheit erzeuge. Zentrales Moment dieses Prozesses ist die Autoritätskrise in der Familie. Es kristallisiert sich die Kernfamilie heraus, deren Belastungen sich in den stark ansteigenden Zahlen von Trennungen und Ehescheidungen – gerade junger Ehepaare (unter 30) – zeigen.

Die jungen Familien kennen zwar weitgehend noch die traditionellen Leitbilder von Familien, diese treten aber immer mehr zurück. Unter jungen Leuten steigt die Zahl der nur bürgerlich geschlossenen Ehen und der Heirat mit nichtitalienischen Partnern.

Ein anderes Symptom ist die Tendenz zu verringerter Kinderzahl. Das Verhältnis der Geschlechter in Ehe und Familie scheint immer noch von der Unterprivilegierung der Frau gekennzeichnet zu sein. Ob sie Mutter oder Tochter ist, immer ist sie es, die unter den durch die Verpflanzung und die provisorischen Zustände der Emigration entstehenden Mißlichkeiten am meisten zu leiden hat.

Auch die italienischen Pfarrer wissen von den schweren Konflikten zwischen Eltern und Kindern. Diese werden entweder durch die völlige Resignation der Eltern vor den Vorstellungen der Kinder oder durch den totalen Bruch gelöst.

Bei Familien mit Ehepartnern, die älter als 35 Jahre sind, verläuft die Entwicklung nicht im gleichen Tempo wie die gegenwärtige Krise der Familie im Allgemeinen.

Ursachen hierfür: Sprachschwierigkeiten verhindern die Möglichkeit, sich mit der Kultur des Aufnahmelandes zu befassen, von ihr beeinflusst zu werden und mit ihr zu wachsen. Die soziale Isolierung fixiert den kulturellen Prozess auf dem Stand des Augenblicks der Auswanderung und verhindert eine mögliche Beeinflussung durch die hiesige Kultur.

Die vorrangige Sorge um Arbeit und Verdienst verweist jedes Bildungs- und Erziehungsangebot auf den zweiten Platz.

Die italienischen Priester in Deutschland sehen aber auch die positive Seite der neuen Entwicklung und sprechen von neuen Werten, die entdeckt werden:

  • in der Familie gibt es nicht mehr nur den Vater und seine Autorität;
  • die Frau gewinnt eine neue Würde;
  • die Sexualität erlangt den ihr angemessenen Wert;
  • die Menschenwürde der Kinder wird entdeckt;
  • die Familie wird sich ihrer Verantwortung in der Gesellschaft bewusst.

Es ist nicht verwunderlich, daß die nationalitätenspezifischen Dienste der Kirche aufgrund ihrer Aufgabenstellung und ihrer Familiennähe an stärksten mit der Familie in der Emigration befasst sind. Aber ihnen fehlt natürlich das wissenschaftliche und auch politische Instrumentarium, um die entsprechenden Konsequenzen aus den Überlegungen zu ziehen. Inwieweit die eigenen Analysen die Arbeit befruchten und ausrichten, läßt sich noch nicht sagen. Feststellbar ist, daß die Analysen die Schwellen der nationalitätenbezogenen Arbeit nicht überschreiten, also eine Vermittlung der Gedanken und Ideen in Kirche und Gesellschaft nicht erfolgt.

Eine Ausnahme sind vielleicht die italienischen Priester im Bistum Limburg,. Wo ich tätig bin; sie haben eine Konferenz aller Priester in Gemeinden von Katholiken anderer Muttersprache angeregt und erwarten vom Bistum das Angebot einer angemessenen Erziehungs-, Mütter-, Ehe- und Familienberatung, wie sie auch für die Einheimischen angeboten wird.

5. Integrationsprogramme ohne Familienpolitik

Es gibt – nimmt man den Familienbericht der Bundesregierung und die verschiedenen Analysen der Sozialberatung und Pastoral — vom Ansatz her bereits ausreichende Kenntnisse, um die Familie in der Migration stärker in den Mittelpunkt der Integrationspolitik zu rücken. Dennoch bleibt sie am Rande, ja es gibt sogar politische Vorstellungen, die nachgerade als familienfeindlich bezeichnet werden können.

Ein erster, entscheidender Eindruck: In den letzten zwei Jahren haben sich in der Bundesrepublik die Integrationskonzepte und -programme gehäuft, ein an sich begrüßenswerter Vorgang. Nur, befragt man sie nach ihren familienpolitischen Vorstellungen, so sind solche entweder überhaupt nicht, oder nur so rudimentär vorhanden, daß sie im Grunde keine Rolle spielen. Dies hängt damit zusammen, daß die Integrationsprogramme ausnahmslos auf die zweite und dritte Generation, d.h. auf die Kinder und Jugendlichen der Arbeitsmigranten abgestellt sind.

Als eine Art Zusammenfassung der jüngsten Integrationsprogramme kann das Integrationsprogramm der deutschen Bundesregierung vom März dieses Jahres gelten. Es trägt die Überschrift „Weiterentwicklung der Ausländerpolitik“ und setzt sich als Schwerpunkt die Integration der zweiten und dritten Ausländergeneration.

Das Konzept vermittelt den Eindruck, daß die Bundesregierung keine Alternative zur vollen Eingliederung der nichtdeutschen Kinder und Jugendlichen sieht, von denen sicher der größere Teil auf Dauer in der Bundesrepublik bleiben werde.

Nehmen wir das Integrationsprogramm der Bundesregierung einmal als das Ergebnis und die Zusammenfassung dessen, was heute in der Bundesrepublik „eine sämtliche Interessen beachtende, ausgewogene und behutsame Weiterentwicklung der Ausländerpolitik“ ausmacht, so möchte ich an dieses Programm die Frage stellen, welche Rolle die Familie in ihm spielt.

Bevor ich diese Frage beantworte, wäre noch einiges zur Interessenlage zu sagen, die im Regierungsprogramm nur kurz gestreift wird. Die besondere Aufmerksamkeit unserer Gesellschaft gegenüber den Jugendlichen Ausländern hat vornehmlich drei Gründe:

  1. Es ist die unübersehbare Präsenz großer Anteile nichtdeutscher Kinder in Schulen und Stadtvierteln unserer Großstädte und die immer offensichtlicher zutage tretenden Folgen einer gescheiterten schulischen Integration. Hiermit gekoppelt ist die Angst vor dem, wie sich die Desintegration einer nach Hunderttausenden zählenden Jugend anderer ethnischer Herkunft im Aufnahmeland auswirken wird.
  2. Die Wirtschaft meldet seit kurzem ein zentrales Interesse an, für die mageren Jahre eines abnehmenden Schülerberges ausbildungsmäßig vorzusorgen. Mitte der 80-er Jahre wird die Zahl der deutscher Jugendlichen, die ein Ausbildungsverhältnis antreten, erheblich abgenommen haben. Der erforderliche Nachwuchs an Fachkräften könnte dann dadurch gesichert werden, daß mehr ausländische Jugendliche ausgebildet würden.
  3. Ein spezifisches Interesse an der Integration der nichtdeutschen Jugendlichen meldet auch die Bundeswehr an. Eine Studie verweist darauf, daß die Bundeswehr für die 90-er Jahre nicht mehr die für die Nato erforderliche Soll-Stärke aufweisen kann. Deswegen wird eine großzügigere Einbürgerung von jungen Gastarbeitern empfohlen.

Genau diese Empfehlung leitet zu einem Spezifikum der neuen Ausländerpolitik über, die die Familien unmittelbar betrifft und deren politische Einschätzung durch die Politik enthüllt. Die Regierung will nämlich eine Einbürgerung für die Jugendlichen erleichtern, wenn sie das 18. Lebensjahr vollendet haben und seit dem 12. Lebensjahr rechtmäßig einen dauernden Aufenthalt im Inland hatten, wenn sie sich außerdem davor insgesamt mindestens zwei Jahre hier aufgehalten haben und die bisherige Staatsbürgerschaft aufgeben.

Die Gewährung eines Einbürgerungsanspruches ist sicher zu begrüßen, weil Einbürgerung eines der wichtigsten Instrumente des Einwanderungsprozesses darstellt.

Daß eine in der Bundesrepublik aufgewachsene Generation für eine Einbürgerung naturgemäß eher und zahlreicher in Frage kommt, ist unbestritten Dennoch ist es bedenklich, wenn die erste Generation nicht in eine erleichterte Einbürgerung einbezogen wird. Damit wird die Spaltung in den Familien vertieft Die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände sind für eine Erleichterung der Einbürgerung bei ausländischen Jugendlichen, allerdings in Verbindung mit einer Überprüfung des Ausländerrechts, die das Ziel einer größeren Rechtssicherheit ausländische Arbeitnehmer und ihre Familien haben sollte

Wir stoßen hier aber an die Grenzen der bundesdeutschen Integrationspolitik, die sich dann etwa auch in dem Satz aus dem Programm der Bundesregierung verdeutlicht, wo es heißt: „Ob der Aufenthalt in der Bundesrepublik und die Integration in unser gesellschaftliches Leben im Einzelfall (!) in die Einwanderung mündet, muß der Ausländer selbst entscheiden.“ Die Ausländerpolitik solle lediglich die rechtliche Voraussetzung für einen solchen freien Entschluß erleichtern, nicht jedoch ein solches Ziel vorgeben. Auch dürfe die Absicht jener Ausländerfamilien, die die Bundesrepublik wieder verlassen wollten, nicht entgegengewirkt werden. Dies ist eine individualistische, restriktive und im Grunde unrealistische Vorstellung vom Einwanderungsprozess, der in der Bundesrepublik verläuft.

6. Integration nicht ohne die Familie

Auch wenn das Programm der Bundesregierung kein familienpolitisches ist, so geht es doch davon aus, daß die Umsetzung der Integrationspolitik auch von der Mithilfe der ausländischen Eltern abhängt. Daher hält es die Bundesregierung für notwendig, die Elternarbeit zu intensivieren, die Inanspruchnahme von Angeboten der Eltern- und Familienbildung, der Ehe-, Familien- und Erziehungsberatung, der familienergänzenden Erziehung zu erleichtern, die Eltern- und Familienbildung im vorschulischen Bereich zu verstärken, die Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus zu verbessern und Jugendlich und Eltern über Schulpflicht und Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren. Wenn dies alles flächendeckend umgesetzt würde, müßte die Familie zwangsläufig stärker in das Zentrum einer realistischen Integrationspolitik rücken.

Familie als Zentrum der Integrationspolitik bedeutete die prinzipielle Überwindung eines individualistischen Eingliederungsansatzes. Ein solcher ist – wenn überhaupt realistisch – in seiner konsequenten Umsetzung eine Art Nadelöhr-Politik, mit der assimilierbare Eliten bevorzugt werden. Mit der Familie ist aber nicht nur ein Sozialgebilde im Gegensatz zum Individuum, also eine Gruppe im Blick, sondern im Gefolge davon die in der Einwanderung begriffene oder bereits eingewanderte ethnische Gruppe. Wenn dies so ist, muß nämlich eine Antwort darauf gegeben werden, wie diese in den Integrationsprozeß einbezogen wird, welche Minderheiten- und Gruppenrechte eingeräumt, wie die besondere kulturelle Identität ins Gefüge der Aufnahmegesellschaft eingeordnet wird und welche Formen der Selbstorganisation, Interessenvertretung und Mitbestimmung nicht nur eingeräumt, sondern gefördert werden.

Wir sind hier an der Stelle, wo die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände in der Bundesrepublik ihre kritische Stimme gegenüber den Politikern erheben. Drei oder besser gesagt vier Themen sind es mittlerweile, die die Kirche als wichtiges Element einer künftigen Ausländerpolitik in die Entscheidungsfindung einführen möchte:

  1. Die Bundesrepublik ist ein Einwanderungsland und es muß eine entsprechende Einwandererpolitik programmiert werden.
  2. Es gibt keine Integration, sprich Einwandererpolitik, ohne die Familien in der Migration einzubeziehen.
  3. Einwandererpolitik muß die Organisierung der Interessen der Einwanderer in Vereinen und Gruppen akzeptieren als ein unverzichtbarer wichtiger Bestandteil der Integration.
  4. Ein viertes Thema ergibt sich mittlerweile aus den drei bisherigen. Es bezieht sich auf die Qualität und Beschreibung des Einwanderungslandes: Wir, die Bundesrepublik, sind ein multikulturelles Land. Es geht um ein neuartiges Miteinander der Kulturen, und vor allem um einen Respekt der Mehrheit vor den Minderheitengruppen.

Diese vier Themen zusammengenommen zeigen sehr deutlich, wie zentral hierbei die Rolle der Familie als Vermittler neuer Identität ist, bzw. zwangsläufig sein muß, selbst wenn sie dieser Aufgabe kaum gewachsen ist.

Die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände nehmen die genannten Themen, das kann zumindest von den damit befaßten Experten gesagt werden, sehr ernst. Sie haben es sogar auf einen Eklat gegenüber der Regierung ankommen lassen, als sie im Frühjahr demonstrativ die Sitzung eines Koordinierungskreises bei Bundesarbeitsministerium verließen. Damals waren die Regierungsvertreter in einer entscheidenden Phase politischer Willensbildung nicht bereit, das genannte Thema, wie etwa das des Einwanderungslandes zu diskutieren.

7. Familie, Verein, Volksgruppe

Ein Beispiel dafür, wie Familie, Volksgruppe, Vereinswesen und Einwanderung zusammengehören, ist für mich der Bund der Spanischen Elternvereine. Er zählt bezeichnenderweise seine Mitglieder nicht nach Köpfen sondern nach Familien. In einer Selbstdarstellung gibt er an, daß derzeit 113 Ortsvereine mit 9.000 Familien, zu denen mehr als 16.000 Kinder zählen, zu diesem Bund gehören.

Ende der 60er Jahre entstanden im Umkreis der Katholischen Spanischen Gemeinden und der Sozialberatung des Caritasverbandes die ersten Vereine spanischer Eltern. Sie fühlten sich durch die miserable Schulsituation ihrer Kinder herausgefordert, die Problematik der Beschulung ihrer Kinder selbst in die Hand zu nehmen. Sie entdeckten aber bald, daß es sich hierbei nicht um ein lokales, sondern um ein nationales Phänomen handelte, und schlossen sich 1973 zu einem Dachverband zusammen. Er vertritt als Selbstorganisation das Ziel der Einfügung des spanischen Kindes in das deutsche Schulsystem, fordert aber dabei auch den zusätzlichen Spanisch-Unterricht an dieser Schule. Damit vertritt der Bund ein bestimmtes Modell der Integration.

Eine große Rolle spielt die selbstbetriebene Elternbildung durch Vorträge, Diskussionen, Begegnungen und Wochenendseminare, an denen die Familien teilnehmen. Elternbildung führt dazu, daß sich die Väter und Mütter ihrer besonderen Lage in der Emigration bewusst werden, gemeinsam in die Analyse eintreten, ihre Forderungen formulieren und Aktionen beschließen. Mit einem durch die Gruppe gestärkten Selbstbewußtsein treten sie an deutsche und spanische Behörden und Regierungsstellen heran und verstehen sich als kompetente Gesprächs- und Verhandlungspartner. Sie wollen darüber hinaus in allen Gremien vertreten sein, in denen über ihre Belange entschieden wird. Mittlerweile bestehen auch internationale Kontakte.

Wer die erstaunliche Integrationsleistung des Bundes der Spanischen Elternvereine kennt und wertet, der außer einem regelmäßigen Zuschuß kirchlicherseits keine öffentliche Förderung erfährt, versteht das Selbstbewußtsein dieser Organisation, die von sich behauptet, viel besser, effektiver und mit weniger Geldaufwand arbeiten zu können als große Einrichtungen. Wie gesagt ein Beispiel, ein Beispiel dafür, daß ethnische Selbstorganisation weder die Integration behindert, noch ins Ghetto führt, sondern die Integrationsleistung der Familien stabilisiert und fördert. Diesen Prozess verfolgen die Gewerkschaften mit Sorge und Kritik. Sie haben Angst vor Spaltungstendenzen in der Gewerkschaft selbst, erweisen sich damit aber als unfähig, die Notwendigkeit der Selbstorganisation innerhalb der Emigration zu würdigen. Ihre Politik ist es, die Ausländer in die bestehenden Organisationen aufzunehmen, ohne ihnen das Recht eigener Organisationen einzuräumen. Die entscheidende Rolle, die die Gewerkschaften in der Ausländerpolitik spielen, macht es unmöglich, eine bestimmte Politik gegen sie durchsetzen zu wollen. Hier müssen die Kirchen und ihre Wohlfahrtsorganisationen intensiver mit den Gewerkschaften zusammenarbeiten.

Als Ergänzung zu dem Gesagten möchte ich noch auf die Notwendigkeit hinweisen, daß unsere Führungseliten in einer neuartigen Weise zur Kooperation und zum Dialog mit den Einwanderern bereit sein müßten. Ich halte dies auch für eine entscheidende Anfrage an die Integrationsprogramme, wie sie es mit der Beteiligung derer halten, um deren Eingliederung es geht: Ob das Programm ein Ergebnis von Kommunikation und gemeinsamem Lernen ist; wie ein Programm – falls es ein solches kooperatives Ergebnis nicht ist – sein entscheidendes Lerndefizit kompensieren will, und wie es Partnerschaft, Dialog und gemeinsame Lernfähigkeit organisiert. In den mir bekannten Integrationsprogrammen ist zwar sehr viel von dem Lernen die Rede, das für die nichtdeutschen Kinder und Jugendlichen, ja auch für ihre Eltern notwendig ist, zu wenig aber von dem Lernen, in das die Aufnahmegesellschaft einzubeziehen wäre, ein Lernen, das von vorneherein ein gemeinsames Lernen wäre.

Noch ist die Partizipation der Betroffenen und die Kommunikation mit ihnen, also den Personen, Familien und Volksgruppen, um deren Eingliederung es geht, in der Bundesrepublik kein Teil und kein Moment der Integrationsprogramme.


C

Zusammenfassung

Ich fasse zusammen:

  • Die Familie in der Migration ist ein weithin unbekanntes Wesen.
  • Sie gehört aber in das Zentrum einer Einwandererpolitik, die Menschen anderer nationaler Herkunft nicht instrumentalisiert und auch die Einwanderergenerationen nicht voneinander trennt.
  • Die Familie in der Migration als wichtigste Hilfe für die Integration darf nicht wie bisher zurückgesetzt und im Stich gelassen werden. Es bedarf einer umfassenden Kenntnis ihrer Lage und ausreichender Angebote für ihre schwierige Aufgabe
  • Die Familie in der Migration gehört in den Kontext einer multikulturellen Gesellschaft, an deren Gestaltung sie im Rahmen geeigneter Vereinigungen und besonderer Formen der Mitbestimmung mitwirkt.
  • Die Familie in der Migration als Zentrum der gegenseitigen Integration in einer multikulturellen Gesellschaft: Das ist eine gesellschaftspolitische Zielsetzung, für die die Kirche eine besondere Verantwortung trägt.

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