Generic selectors
Nur exakte Ergenisse
Suchen in Titel
Suche in Inhalt
Post Type Selectors
HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV Kirche-Migration 1996 :::

4. Dezember 1996
KATHOLISCHE NACHRICHTENAGENTUR (KNA)
Interview

„Die Asylpolitik gleicht der des Herbergsbetreibers“

„Pro Asyl“-Europareferent Leuninger über Weihnachten und Asyl

Die deutsche und die europäische Asylpolitik glichen der des Herbergsbetreibers von Bethlehem, sagt der Europareferent der Arbeitsgemeinschaft für Flüchtlinge „Pro Asyl“, Herbert Leuninger. „Fenster und Türen verriegeln! Die Unterkunft für die, die drinnen sind, komfortabel halten!“ Weihnachten sei Kritik an dieser Haltung, so Leuninger am Mittwoch in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Frankfurt. Leuninger ist katholischer Priester; er war viele Jahre Sprecher von „Pro Asyl“.
KNA

Pfarrer Leuninger, für die schwangere Maria und für Josef ist kein Platz in der Herberge. Nach Jesu Geburt sieht sich die Familie gezwungen, nach Ägypten zu fliehen, weil König Herodes dem Kind nach dem Leben trachtet. So jedenfalls steht es in der Bibel. Was bedeutet es für Sie, daß es in biblischen Erzählungen über die Geburt Jesu auch um die Schwierigkeit geht, ein Dach über dem Kopf zu finden, daß es da auch um Verfolgung und Flucht geht?

Leuninger

Die biblischen Erzählungen sind in die Sagenwelt des Vorderen Orient eingebettet. Dabei haben sie ihre Aktualität bis heute nicht eingebüßt. Es gibt viele Mythen, die sich mit dem Machtwechsel befassen. Danach erfährt der alternde König in einer Weissagung – denken wir an König Herodes -, daß ihn ein jugendlicher Fürst töten wird, weil er sein Nachfolger werden will. Der König befiehlt die Verfolgung, der Junge muß flüchten. Irgendwann kehrt er als junger Mann zurück, um den König umzubringen und den Thron zu besteigen.

Was Wunder, wenn Jesus, der verheißene König, nach der Bibel zur Flucht gezwungen wird; stellt er doch für den Machthaber in Jerusalem und seinesgleichen eine echte Gefahr dar: Die Mächtigen stürzt er nämlich vom Thron, und die Niedrigen hebt er aufs Podest. So hat Maria, als sie mit ihm schwanger ging, sein künftiges Tun besungen.

Viele Menschen, die heute flüchten, sind den Mächtigen ihrer Heimat ein Dorn im Auge. Sie betrachten sie als Gefahr für ihr Unrechtsregime. Um den fälligen Machtwechsel zu verhindern, verfolgen, foltern oder vertreiben sie.

KNA

Gibt es so etwas wie eine weihnachtliche Theologie des Asyls?

Leuninger

Die geschlossene Herberge ist auch ein theologisches Bild. Nach dem Evangelienschreiber Johannes kam Gottes Sohn in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf! Der Kronprinz kommt, er hat keinen Königsmord, sondern einen stillen und absolut friedlichen Wandel im Sinn. Er kommt in sein eigenes Land, und seine Untertanen verweigern ihm den Platz. Sie lehnen ihn und seine Botschaft ab: ein Gott, eine Erde, eine Menschheit, eine neue Gerechtigkeit. Der neue Mann ist gegen ethnische und konfessionelle Säuberungen, gegen geschlossene Grenzen für Flüchtlinge, gegen die Kluft zwischen armen und reichen Ländern.

KNA

Weihnachten ein Fest pro Asyl?

Leuninger

sage an Diktatoren, aber auch an die geschlossene Herberge einschließt, dann ist es das Fest pro Asyl.

KNA

Sie haben die deutsche Asylpolitik, die Asylpolitik der westeuropäischen Länder überhaupt wiederholt scharf kritisiert. Was ist das für eine Asylpolitik, gemessen an Weihnachten?

Leuninger

Die deutsche und die europäische Asylpolitik gleichen der des Herbergsbetreibers von Bethlehem. Fenster und Türen verriegeln! Die Unterkunft für die, die drinnen sind, komfortabel halten! Die Parole verbreiten, es ist kein Platz mehr da, nicht einmal für schwangere Frauen. Flüchtlinge? Die wollen nur an unseren Fleischtöpfen mitlöffeln!

Weihnachten ist Kritik an dieser Haltung. Vielleicht schafft es ein bißchen schlechtes Gewissen, sogar bei denen, die auf den Seychellen schwitzen, während im Bayerischen Wald nachts eine junge Frau erfriert. Sie hatte „illegal“ die Grenze überschritten, um Schutz vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka zu finden. Legal konnte sie es nicht mehr.

Interview: Peter de Groot (KNA)


Nach oben