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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1968 ::: ARCHIV KIRCHE 1968 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 19. – 24. Februar 1968

RADIO KURZPREDIGTEN

Der wahre Pharisäer


In unserer Sprache bedeutet das Wort „Pharisäer“ soviel wie Heuchler. Es ist geradezu ein Schimpfwort, das wir ziemlich ungeniert verwenden. Das Recht dazu leiten wir aus dem Neuen Testament ab, in dem scharfe Angriffe gegen Pharisäer enthalten sind.

Mit den unbedachten Verwendung des Wortes „Pharisäer“ ist es spätestens in dem Augenblick vorbei, wo wir die herbe Kritik eines Landesrabbiners zur Kenntnis nehmen, die dieser an dem Artikel eines prominenten christlichen Bibelwissenschaftlers übt. Der Artikel „Die Pharisäer sind unter uns“ stimmt den jüdischen Gelehrten traurig, weil „die Pharisäer und der Pharisäismus wie eh und je karikiert“ werden. Er findet es bedauerlich, wie selbst Theologen achtlos an neuen Erkenntnissen über die Pharisäer vorbeigehen.

Ohne Frage müsste im Zeichen der jüdisch-christlichen Verständigung alles vermieden werden, was auch nur entfernt nach Antisemitismus aussieht, und das Klima zwischen Juden und Christen belastet.

Was machen wir aber mit den einschlägigen Stellen im Neuen Testament? Wir könnten sie einfach streichen oder durch die Auslegung entschärfen. Diese Möglichkeiten nennen, heißt sie im Grunde auch zurückweisen; denn damit würden wir die Schrift unzulässig manipulieren. Vorderhand scheint uns keine andere Wahl zu bleiben, als um der Bibel willen das Befremden der jüdischen Seite in Kauf zu nehmen. Der Geist der Toleranz wird uns jedoch keine Ruhe lassen, ehe wir auch dieses Problem gelöst haben.

Der Landesrabbiner besteht in seiner Kritik darauf, die Pharisäer verdienten ihrem Ursprung und ihrer Absicht nach eine bessere Beurteilung. Das über sie gemeinhin entworfene Bild sei einseitig und verzerrt. Die Korrektur dieses Bildes würde auch zur Befriedung unter den Religionen beitragen.

Tatsächlich waren die Pharisäer von Hause aus ausgesprochen fromme Menschen. Sie versuchten als strenggläubige Juden ihr gesamtes Leben dem Willen Gottes unterzuordnen. Dabei waren sie in ihrer Art zu denken und zu leben weniger radikal als manche andere religiöse Gruppe, die es bei den Juden gab. Ihre Frömmigkeit war von großer Tiefe. Der geistigen Kraft dieser Pharisäer verdankt das Judentum die Rettung aus zwei seiner schwersten Katastrophen. Ihnen ist es auch gelungen, die jüdische Religion inmitten einer feindlichen Umwelt bis auf den heutigen Tag zu erhalten. Ein Beispiel der unerbittlichen Gesetzestreue dürfte die Ablehnung des Fernsehens sein. Einer Pressenotiz war zu entnehmen, daß der orthodoxe religiöse Gerichtshof in Jerusalem die Juden aufgefordert hat, sich keine Fernsehsendungen anzuschauen, weil sie einen zerstörenden Einfluß auf das Familienleben hätten. Der Verkauf von Fernsehgeräten ging daraufhin erheblich zurück.

Weiterhin muss man wissen, dass in den pharisäischen Schriften selbst Kritik geübt wird am Pharisäismus, und daß das, was Jesus an den Pharisäern getadelt hat, sich schon vor Jesus in der jüdischen Literatur findet. Schließlich sind Veräußerlichung, Selbstgerechtigkeit und Heuchelei nicht auf eine einzelne Religion oder Gruppe beschränkt, wir kennen sie ebenso aus dem Christentum. Wenn das Neue Testament die Fehlhaltungen der Pharisäer anprangert, dann prangert es für alle Zeiten auch unsere Fehlhaltungen an. Denn die falschen Frommen sind unter uns; und unter Umständen gehören auch wir dazu.


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