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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1969 ::: ARCHIV KIRCHE 1969 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 13. – 18. Oktober 1969

RADIO KURZPREDIGTEN

Der katholische Holländer


Wer seinen Wohnsitz verlegt und bei der polizeilichen Anmeldung nicht unterlässt die Konfession anzugeben, taucht über kurz oder lang in der Kartei seines zuständigen Pfarramtes auf und zwar in der Form einer sorgsam angelegten Karte, die gegebenenfalls zur besseren Einordnung noch mit einem bunten Reiter versehen wird. In vielen Fällen hat es damit sein Bewenden. Nichts Weiteres geschieht, weder von Seiten der Gemeinde, noch von Seiten des neu Zugezogenen. Ein Christ mehr ist pfarramtlich erfaßt, er verschwindet im Friedhof der Kartothek. Handelt es sich hingegen um eine moderne Gemeinde, dann ist das Anlegen eines Karteiblattes nur der erste, unumgängliche, wenn auch unpersönliche Schritt, den das Pfarramt unternimmt.

Da nur in den seltensten Fällen ein Neuzugezogener auf den Einfall kommt, seinen Pfarrer aufzusuchen, um sich mit ihm bekannt zu machen, laufen von der Gemeinde aus verschiedene Aktionen an. Das nächste ist ein Anschreiben, in dem das neue Mitglied der Gemeinde freundlich begrüßt und zu den Veranstaltungen eingeladen wird. Welche Erfolge mit dieser Methode erzielt werden, läßt sich schwer feststellen. Erkennbare Reaktionen sind jedenfalls sehr spärlich.

Daher werden schwerere Kaliber einesetzt, um den einzelnen Christen aus seiner Reserve zu locken. Durch Besuchsdienste, die von der Gemeinde organisiert werden, sollen persönliche Kontakte aufgenommen werden. Die Krönung aller derartigen Bemühungen ist aber der Besuch des Pfarrers selbst, der sich auf den Weg macht, um an den einzelnen Wohnungstüren vorzusprechen. Er darf durchwegs einer ebenso freundlichen wie zumeist folgenlosen Aufnahme gewiß sein.

Umso überraschender war für den fortschrittlichen Pfarrer einer Großstadtgemeinde die Reaktion eines holländischen Christen. Dieser erscheint eines Tages in seinem Pfarramt und möchte den Pfarrer sprechen. Diesem gegenüber beanstandet er, dass ihm ein Begrüßungsschreiben zugegangen sei. Vor allem möchte er wissen, auf welche Weise die Gemeinde an seine Adresse gekommen ist. Der einigermaßen verblüffte Pfarrer, der auf eine derartige Reaktion nicht eingestellt war, versucht in einem Gespräch herauszufinden, warum sein gutgemeintes Begrüßungsschreiben einen derartigen Unmut verursachen kann. Der Holländer gibt zu verstehen, daß er es ablehnt, ohne Wissen und Zustimmung irgendwo, selbst auf dem Pfarramt, aktenkundig zu werden. Noch interessanter ist aber seine weitere Bemerkung: „Wenn ein Christ bereit ist, in seiner Gemeinde mitzuarbeiten, dann wartet er nicht, bis er angeschrieben wird, sondern er ergreift selbst die Initiative und stellt sich vor.“

Man kann der selbstbewußten Haltung, die hinter diesen Worten steht, nicht seine Achtung versagen, auch wenn eine ganze Seelsorgsmethode dadurch ins Wanken gerät. Ein selbstbewußter Christ möchte nicht vom Pfarrer angegangen werden, sich zu engagieren. Er reagiert empfindlich darauf, wenn der Pfarrer als Hirte seinem Schaf nachgeht, um es auf die gute Weide seiner Gemeindewiese zu führen. Diese Haltung ist oft unbewußt, wirkt sich aber dahingehend aus, daß Pfarrer glauben, es seien alle, die noch das konfessionelle Etikett tragen, in irgendeiner Form in die Hürde zu bringen.

Die Entwicklung geht aber sicher einen anderen Weg und verbietet es geradezu, so viel Energie und Kraft aufzuwenden, Menschen, die im Grunde der Kirche total entfremdet sind, bei der Stange zu halten. Diesen könnten sie vielmehr dienen, wenn sie ihnen ihre Ruhe ließen, um mit denen zu arbeiten, die aus Überzeugung und in freier Entscheidung sich in einer Gemeinde für ihre Umwelt einsetzen wollen.

Wie viel Tonnen Einladungsschreiben werden wohl noch ausgetragen oder versandt, bis die Gedanken des unkonventionellen Holländers ernst genommen werden?


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