DIE PREDIGT
DER GUTMENSCH
22.11.2000
Ökumenische Christuskirche, Frankfurt
Bibel
Evangelium nach Matthäus, Kapitel 15, 21-28
Die kanaanäische Frau
Jesus ging von dort weg und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, da kam eine kananäische Frau aus der dortigen Gegend und rief: „Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter wird arg von einem Dämon geplagt.“ Er aber antwortete ihr nicht ein Wort. Da traten seine Jünger hinzu und baten ihn: „Erlöse sie doch; denn sie schreit hinter uns her!“ Da entgegnete er:“ Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ Sie aber kam, fiel vor ihm nieder und sprach: „Herr, hilf mir!“ Er antwortete: „Es ist nicht recht, das Brot der Kinder zu nehmen und es den jungen Hunden vorzuwerfen.“ Sie aber sprach: „Doch, Herr; denn auch die jungen Hunde fressen von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Da antwortete Jesus: „Frau, groß ist dein Glaube; es geschehe dir, wie du verlangst.“ Und ihre Tochter war gesund von jener Stunde an.
Predigt
Am Ende eines längeren Gespräch über Flüchtlinge fragt mich ein Journalist: „Sind Sie ein Gutmensch?“ Was sollte ich antworten? Sage ich Ja, setze ich mich der Lächerlichkeit aus. Sage ich Nein, verrate ich meine Ideale. Der Kabarettist Dieter Hildebrandt hat in einem Interview, in dem es auch um seine moralische Haltung ging: „Na gut, dann bin ich eben ein Gutmensch“. Ich bin der Antwort auf die Frage ausgewichen und habe gesagt, ich bemühte mich nur, unsere Verfassung und die Menschenrechte ernst zu nehmen. Wenn diese Parteinahme für die Menschenrechte verspottet werde, müsse ich das in Kauf nehmen.

In der Auseinandersetzung um Jörg Haider in Österreich ist „Gutmensch“ zu einem Schimpfwort geworden. Tituliert wurden damit die linken Gegner des Rechtspopulisten und seiner Partei. Dazu zählten z.B. alle, die an der Lichtermeerdemonstration am 12. November des vergangenen Jahres am Wiener Stephansplatz teilgenommen hatten. Die eindrucksvolle Lichterdemonstration wird als „Hochamt der heimlichen Gemeinschaft der Gutmenschen“ diffamiert. Die TeilnehmerInnen gelten als Chor der Gutmenschen. Sie führten nur Leerformeln der Humanität im Munde. Jörg Haider nennt sie fanatische Gutmenschen. Manche Zeitungen nennen sie einäugig; sie würden sich selbst zu Gutmenschen ernennen. Das alles steckt heute dahinter, wenn jemand als Gutmensch bezeichnet wird.
Wir sind noch nicht ganz so weit wie in Österreich. Bei uns ist man nur ein wenig herablassend gegenüber einem Menschen, der „unzeitgemäße“ Forderungen stellt. Ein Gutmensch muss also damit leben, als unmodern, naiv und einfältig zu gelten. Wer möchte schon so angesehen werden? Wer hält es auf die Dauer aus, eine lächerliche Figur zu sein?
War Jesus Christus ein Gutmensch? Das hört sich in dem Text, den wir soeben vernommen haben, gar nicht so an. Eine heidnische Ausländerin aus dem Gebiet der Städte Tyrus und Sidon wird der Umgebung Jesu lästig, als sie um die Heilung ihrer Tochter bettelt. Jesus steht dem in nichts nach, sondern bezeichnet die verzweifelte Mutter indirekt als Hündin. Ihr stehe nicht zu, was den Kindern des Volkes Israel vorbehalten sei. Seit ich als Zehnjähriger Karl May gelesen habe, weiß ich, daß die Fremden im Orient Hunde, „Giaurs“ genannt werden. Damals waren französische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter in unserem Dorf. Niemand bezeichnete sie als Hunde. Vielmehr hat der alte Pfarrer Spitzhorn verbotenerweise für sie die Messe zelebriert. Geist des Gutmenschen Jesus?!
Zurück zu Jesus: Die Frau greift das Wort von den Hunden auf, die sich von dem ernähren, was die Herrschaften unter den Tisch fallen lassen. Jesus gibt sich geschlagen, wohl das einzige Mal, daß er in einem Streitgespräch unterlegen ist, einer Frau, einer Fremden, einer Heidin. Hier sehe ich einen der entscheidenden Lernprozesse, die der Prophet aus Nazareth selbst durchgemacht hat. Ein Lernprozess, für den diese Frau Pate steht. Das Heil Gottes ist allen Menschen zugedacht. Israels Aufgabe war es, diesen Gedanken in einem mühsamen, über die Jahrhunderte gehender Prozess reifen zu lassen. Dieser Prozess vollzog sich in Palästina, dem Sammelbecken unterschiedlichster Völker, Sprachen, Kulturen und Religionen.
Das Volk Israel lebte in einem Gebiet, in dem sich die Handelswege zwischen dem Orient, Afrika und dem Mittelmeerraum schnitten. Die Phönizier, zu denen die heidnische Mutter gehörte (das Markusevangelium bezeichnet sie als Syrophönizierin), standen für die Vermittlung der Kulturen nach allen Richtungen hin. In diesem Gebiet gab es außerdem die Kanaaniter, kaukasische Völkerschaften, die in diesen Raum eingewandert waren. Außerdem nennt die Bibel die Hetiter, ein nicht semitisches, vorarisches Volk. Durch den Korridor Palästinas waren viele Völkerschaften gezogen oder auch eingewandert. Etwa die Hurriter, die Amoriter, die Amalekiter, die Pheresiter, die Gabaoniter . Was sich in diesem relativ kleinen Raum an Multikultur abspielte, stellt selbst Frankfurt in den Schatten. Israel musste seine Identität und seinen Glauben in stärkster Konkurrenz zu andern Völkern, Göttinnen und Göttern durchhalten. Gleichzeitig sollte es der Menschheit das Geschenk der Universalität des Heiles Gottes überbringen. Pavillon Syriens auf der Expo 2000 in Hannover gen, wenn die Zeit des Messias anbricht.
Syrien erinnert mit seinem Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover an seine jahrtausendealte Geschichte
Foto: H. Leuninger
Dies geschah dann, so unser Glaube, im Zeichen der Lächerlichkeit und der Schande, im Zeichen eines Kreuzes. Ist es ein nachösterliches oder ein vorösterliches Wort Jesu? Wer meine Jüngerin, wer mein Jünger sein will, der schleppe täglich seinen Schandpfahl mit sich herum. Der mache sich lächerlich mit der Botschaft, daß ein von den Römern an das Holz gehängter Wanderprediger allen Völkern und Nationen das Heil bringt. Täglich den Kreuzespfahl schultern, heißt nicht so sehr Krankheit, Leid und die Schicksalsschläge des Lebens gläubig und fromm zu ertragen. Es heißt, täglich die grenzüberschreitende Kunde überbringen, daß die Menschenrechte für alle gelten.
Seid Ihr Gutmenschen? Wollt Ihr wirklich Gutmenschen sein? Die tonangebende Gesellschaft in unserem Land, in Europa in Japan und Nordamerika wartet nicht auf diese Kunde. Menschenrechte, ja, wenn sie uns nicht zu viel kosten. Ausländer, ja, wenn sie uns nützen, nicht aber die, die uns ausnützen; gemeint sind die Flüchtlinge. Das Wort stammt von einem evangelischen Synodalen der bayerischen Landeskirche (Innenminister Günther Beckstein, CSU), gut Freund mit unserem derzeitigen Bundesinnenminister (Otto Schily, SPD).
Dass Menschen, die sich für die Einhaltung der Menschenrechte gegenüber allen, vor allem auch gegenüber den Fremden und Zugezogenen einsetzen, als Gutmenschen bezeichnet werden, das gehört zur Fremdenfeindlichkeit, die aus der Mitte der Gesellschaft kommt, einer Gesellschaft, die nur noch ein Ziel hat, nämlich die Aktienkurse steigen zu lassen. Dagegen erhebt sich eine Minderheit von Gutmenschen. Sie kommen aus den verschiedensten religiösen, geistigen und weltanschaulichen Lagern, gerade auch aus dem christlichen. Gemeinsam ist ihnen die Idee der Globalisierung, allerdings nicht die des Kapitals, sondern die der Menschenrechte. Ich habe den Eindruck, daß die Menschenrechte trotz aller gegenläufigen Tendenz immer mehr an Bedeutung gewinnen. Die Gutmenschen, die Jüngerinnen und Jüngern des Gutmenschen Jesus Christus sind, nehmen täglich das Spottholz auf sich. Dazu brauchen sie allerdings Gemeinschaft, die sie stützt, Gruppen, Gemeinden, Kirche, eine ökumenische, weltumspannende Kirche. Feiern wir also das „Hochamt der heimlichen Gemeinschaft der Gutmenschen“!
Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt
19. Dezember 1997, Nr. 51/52 1997
IM GESPRÄCH: DIETER HILDEBRANDT
50 Jahre DS
»Ich bin ein Gutmensch!«
Der Kabarettist verrät, warum er auf Moral nicht verzichten mag.
Und wann Kohl zurücktritt
Herr Hildebrandt, wissen Sie eigentlich, wie viele Interviews Sie in diesem Jahr schon gegeben haben?
Das weiß ich nicht. Es sind jedenfalls sehr viele gewesen. Ich bin sozusagen ein bißchen wund geplaudert.
Es gab halt so viele Anlässe! Ihr siebzigster Geburtstag! Der hundertste „Scheibenwischer“!
Genau. Und jetzt kommt Silvester. Da wollen immer alle einen fröhlichen Jahresrückblick von mir. Aber das mach‘ ich nicht. Aus Prinzip. Warum soll ausgerechnet ich fröhliche Rückblicke halten?
Sie sind offenbar eine Institution in diesem Land!
Manchmal habe ich den Verdacht. Und das ist durchaus schmerzlich. Die ARD zum Beispiel neigt mir gegenüber zur Pietät. Sonst hätten die Hauptverantwortlichen meine Sendung bestimmt schon vor Jahren eingestellt.
Im Grunde sind Sie unabsetzbar.
Jedenfalls solange die Quote stimmt. Aber das ist ja auch in Ordnung. Unser Theater hier in München, die Lach- und Schießgesellschaft, lebt schließlich auch allein vom Publikum.
Haben Sie Macht?
Nö. Ganz sicher nicht. Ich muß mal gerade überlegen. Also einmal, da hat meine Familie ein bißchen den Atem angehalten. Das war, als wir mal über den Aufsichtsrat vom Rhein-Main-Donau-Kanal gelästert haben…
… eines der Prestigeobjekte der bayerischen Staatsregierung.
Genau das. Da haben wir klipp und klar aufgezählt, was diese Aufsichtsratsmitglieder an jährlichen Zuwendungen erhalten, auf daß es dem Kanal wohl ergehe.
Das war ja ein richtiges Stück Enthüllungskabarett!
Das war zumindest gut recherchiert. Enthüllungskabarett im strengeren Sinne kann es natürlich nicht geben. Die Enthüllung muß schon stattgefunden haben, bevor der Kabarettist darüber seine Bemerkungen macht. Das ist im Grunde für uns auch besser so. Denn in Deutschland fällt die Enthüllung eines Skandals letztlich nicht auf dessen Verursacher, sondern auf den Enthüller zurück.
Immerhin herrschen nach der Enthüllung klare Verhältnisse!
Wie man’s nimmt. Unser Exministerpräsident Amigo Streibl wird gerade Ehrenbürger von Bad Wörishofen. Vier Jahre nachdem die ganzen Schmierereien aufgedeckt wurden. Nur vier Jahre! Ich bin schon erstaunt, wie schnell das immer alles verpufft.
Aber Edmund Stoiber macht als Streibls Nachfolger doch nun eine wesentlich modernere Figur!
Das sehe ich anders. Die Art, Macht auszuüben, ist moderner geworden. Die Sprache hat sich gewandelt. Aber die Art des Denkens ist gleichgeblieben. Vor allem dieser unglaubliche Populismus! Diese ganze Kampagne Stoibers gegen den Euro – alles reiner Populismus!
Herr Hildebrandt, seien wir doch mal ehrlich: Sie mögen die CSU nicht. Und die CSU mag Sie nicht. Was hält Sie in München?
Ach, das ist schon schön, mit seinen Gegnern so dicht beieinander zu sein. Wenn ich mir das immer alles erst über weite Distanzen vor Augen führen müßte, das wär‘ mir doch viel zu anstrengend. Was soll ich in Kiel!
Da hätten Sie Frau Simonis!
Ja, aber die schätze ich durchaus.
Herr Stoiber hat Macht, und Frau Simonis hat Macht. Was macht die eine richtig, was dem anderen mißlingt?
Stoiber macht, was er will. Egal, was andere im Lande sagen. Egal auch im Zweifelsfall, was seine Partei sagt. Er ist ein Mächtiger, der ohne Rücksicht auf andere seinen Karren fährt.
Und dennoch hat er gute Chancen, wiedergewählt zu werden. Ist der Kabarettist klug und das Volk dumm?
Nein. Aber es gibt schon ein gewisses Trägheitsprinzip. Das Volk hat sich an eine gewisse Gruppe, eine gewisse Person gewöhnt. Und selbst wenn es eigentlich unzufrieden ist mit diesem und jenem, es fehlt ihm im entscheidenden Moment einfach die Phantasie, mal woanders das Kreuzchen zu machen.
Ist das in Ihren Augen auch das Geheimnis des Bundeskanzlers?
Von Helmut Kohl kann man diesbezüglich viel lernen. Was Machterhaltung angeht, hat er überdurchschnittliche Fähigkeiten.
Bewundern Sie das?
Natürlich. Ich bewundere, wie gezielt er seinen Auftrag verfehlt. Wie er, statt dieses Land zu regieren, alle Zeit darauf verwendet, allein seine Macht zu erhalten.
Wie tut er das?
Die Kontaktpflege mit Menschen, die ihn lieben sollen, nimmt viel Zeit in Anspruch.
Wir hatten gehofft, Sie antworten ernsthaft!
Ich werfe ihm ja keine Faulheit vor. Er ist emsig.
Ist Macht an sich anrüchig?
Schwer zu beantworten. Man müßte halt mal jemanden nennen, der seine Macht nur positiv ausgeübt hat. Da fällt mir gerade keiner ein. Doch halt, stopp, es gab mal einen römischen Bauern, Cincinnatus. Den hat der Senat in höchster Not vom Acker geholt, um Rom wieder in Ordnung zu bringen. Und als der Laden wieder lief, ist Cincinnatus zurück auf seinen Acker gegangen. Da hätten wir mal einen!
In einer Demokratie kann das Volk alle vier oder fünf Jahre die Mächtigen abwählen!
Ja, das finde ich auch gut. In einer klassischen Demokratie wäre es möglich, alle vier Jahre die Mächtigen zurück auf ihre Äcker zu schicken. Das wäre dann ein auf vier Jahre gedehntes Rotationsprinzip. Nach vier Jahren Amtszeit beginnt zwangsläufig die Verfilzung des Apparates.
Was macht da der Kabarettist?
Er sucht nach einer Formulierung für das, was auf dem Tisch liegt. Was in unseren Köpfen steckt. Mehr macht er nicht.
Aber Sie haben auch schon mal die Fronten gewechselt! Sie waren in einer SPD-Wählerinitiative ..
Ja. Zu Brandt-Zeiten.
… und im ostdeutschen Komitee für Gerechtigkeit!
Oh, das war ein großer Fehler. Eine typische Nachtentscheidung.
Da ging es mit Ihnen durch?
Ja. Ich muß auch betrunken gewesen sein. Jedenfalls rief mich Gysi an, in höchst erregtem Zustand, und machte mich darauf aufmerksam, daß es zwischen Ost und West ungerecht zugeht. Das war mir bereits bekannt. Ich hielt es auch für veränderungswürdig. Und schon war’s geschehen.
Und als Sie wieder nüchtern waren? Geordneter Rückzug?
Ich hatte mir ja gar nicht überlegt, bei welcher Gemeinde ich da plötzlich zu Gast war. Gemeinsam mit meinem ebenso naiv-treuen Freund Dieter Lattmann stand ich plötzlich einer wohlorganisierten Ex-SED-Truppe gegenüber. Er und ich schauten uns an. Und wußten, daß wir einen Fehler gemacht hatten.
Dennoch interessiert uns, warum Sie nicht selbst in die Politik gegangen sind, wenn die Politik Sie doch so brennend interessiert!
Weil ich erst mal Schauspieler werden wollte. Und zwar, seit ich 13 war. Ich hab‘ ja schon bei der HJ Theater gespielt. In der Spielschar. Und hatte auch Erfolg damit. Irgendwie hab‘ ich Talent, auf der Bühne zu stehen. Die Zuschauer denken immer: Der paßt da ganz gut hin. Dann nach dem Krieg nahm ich Schauspielunterricht. Und dann kam plötzlich das Interesse an der Politik dazwischen.
Wie das?
Es hat mich plötzlich fasziniert zu beobachten, wie ein Politiker seine Chancen nutzt oder eben auch nicht. Wie er sich verständlich macht. Wie er andere mitreißt. Es hat mich fasziniert, wie dieser Kurt Schumacher damals auftrat, tief gezeichnet vom KZ. Und wie Konrad Adenauer seine Politik der Sicherheit dagegensetzte. Adenauer hat die Deutschen übertölpelt.
Sind Sie von der Macht fasziniert?
Mich fasziniert Körpersprache. Ich hab‘ ja nun mein halbes Leben in Hotelhallen verbracht. Und da kann ich dann diese Wirtschaftsmenschen in ihren Anzügen beobachten. Früher waren die Anzüge dunkel. Heute sind sie grau. Jedenfalls: Wenn die da so stehen und plaudern, dann finde ich immer ganz schnell raus, wer das Sagen hat und wer gerade wem am Stuhlbein sägt.
Sie schildern das wie ein Theaterstück!
In der Politik läuft es nicht anders. An der Körpersprache erkenne ich sofort, wer in einer Versammlung was zu sagen hat und wer nicht. Reden, Auftritte, Wahlkämpfe, Inszenierungen – hochinteressant! So wie man mit der rechten Hand schnell und leicht eine Fliege töten kann, so kann man auch mit einer Handbewegung ein Argument töten.
Und wenn Sie das nun alles durchschauen – hat es Sie nie gereizt, selbst diese Formen auf der politischen Bühne einzusetzen?
Jetzt muß ich ganz vorsichtig antworten. Wenn ich sage, daß ich diese Formen zutiefst verachte, dann stimmt das zwar. Aber als Künstler mach‘ ich das natürlich manchmal genauso. Mit meiner Art der Unterhaltung halte ich das Publikum still. Ich muß mir in einem Raum Platz und Ruhe verschaffen.
Sie haben also doch Macht?
Das ist meine Macht.
Läuft das auf der Bühne alles automatisch ab?
Wenn aus dem Dunkel ein Zwischenruf kommt, dann reagiere ich in einer Mischung aus Notwehr und guter Laune. Ich muß die Situation mit einer Pointe retten. Wobei ich den Vorteil habe, einen halben Meter höher als der Zwischenrufer zu stehen. Ein nicht parierter Zwischenruf – und schon ist mir das Publikum entglitten und meine Macht dahin.
Herr Hildebrandt, wer Ihre Bücher gelesen hat, der weiß: Alles, was Sie heute tun, alles, was Ihnen wichtig ist, das ruht auf Ihren Jugenderinnerungen aus der Nazizeit. Sie haben gebangt um Leib und Leben. Sie haben erkannt, wie Sie politisch mißbraucht wurden. Und schließlich mußten Sie erfahren, daß in Ihrem Namen als Deutscher die gräßlichsten Verbrechen begangen worden waren.
Das Kainsmal, mit dem wir alle seit dem Krieg in der Welt herumlaufen.
Stimmt es, daß all diese Erfahrungen prägend sind für Ihre Art, Politik zu sehen?
Das genau ist zur Zeit mein Problem. Sehen Sie, es geht wohl in dieser Welt ohne Ideologien. Aber es geht auf Dauer nicht ohne Philosophie. Ohne Koordinatensystem von Werten. Ich und andere aus meiner Generation mahnen das an und wirken im Zeitalter der immer neuen Techniken und Geräte unmodern. Überall herrscht kühle Berechnung. Es gibt in der Politik keine Leidenschaft mehr. So wie es auch in der Unterhaltung keine Leidenschaft mehr gibt. Dafür wird überall der Zynismus hochgejubelt.
Eine Kritikerin der „Süddeutschen“ warf Ihnen vor, keinen Sinn für den postmodernen Zynismus zu haben!
Und da hat sie recht. Ich weiß auch gar nicht, was postmoderner Zynismus eigentlich sein soll. Aber das ist ganz klar: Was bleibt einem Dreißigjährigen an Haltung übrig, wenn ihm klar wird, daß seine Karriere mit spätestens 39 schon wieder zu Ende sein wird?
Was ist Ihnen wichtig?
Ich mahne Integrität an. Das ist meine moralische Achillesferse. Da kann man mich packen. Und zum Gutmenschen stempeln. Na gut, dann bin ich eben ein Gutmensch. Ich finde, wir sollten in diesem Staat von unseren Politikern Anstand fordern und daß sie den Schwachen helfen. Und wenn mir jemand sagt, daß der Sozialstaat nicht mehr zu halten sei, dann frage ich, ja, was kommt dann? Wie heißt das dann? Heißt das dann: Wachstumsgesellschaft? Und was geschieht dann mit den Menschen, die nicht mitwachsen können?
Wie erreichen Sie den 30jährigen?
Man muß ihn erwischen an einer Stelle, wo er sterblich ist. Und ihn dann zum Lachen bringen. Er muß über eine Unverhältnismäßigkeit lachen. Da kann man dann einhaken. Ich habe das schon geschafft. In der Hamburger Reemtsma-Stiftung habe ich 150 Jung-Manager zum Lachen gebracht. Ich weiß nicht, ob die hinterher ihr Leben geändert haben. Aber sie haben mal gelacht. Wer weiß, was das für Wirkungen hat!
Ihre Waffe ist das Lachen?
Ja. Denn ganz nahe beim Lachen ist das Weinen.
Sie sind Moralist?
Ja!
Sie sind überzeugter Moralist?
Ja!
Sie sind bekennender Moralist?
Dreimal ja!
Einmal hatten Sie selbst richtig Macht. 1989 delegierte Sie die SPD in die Bundesversammlung, die den Bundespräsidenten zu wählen hatte. Waren Sie hinterher zufrieden mit sich?
Da ging doch prompt alles wieder schief. Ich habe morgens verschlafen und das Flugzeug verpaßt. Als ich endlich in Bonn ankam, lief die Abstimmung längst und mein Buchstabe war schon aufgerufen. Das war vielleicht peinlich! Hans-Jochen Vogel hat dann in den Regeln nachgeblättert, ob noch irgendwas zu machen ist. Und hat mich dann irgendwie beim Buchstaben R eingeschleust. Fragen Sie mich nicht, wie.
In welcher „Scheibenwischer“-Sendung werden Sie den Rücktritt Helmut Kohls behandeln?
Das dauert noch ein bißchen. Ich glaube, Kohl will Bundeskanzler des Jahres 2000 sein. Kohl 2000. Dann geht er.
Er gewinnt die nächste Wahl?
Ja. Mit einer letzten Kraftanstrengung. Sein Gegenkandidat wird Lafontaine sein. Dem fehlt es einfach ein bißchen an Leidenschaft.
Ist Kohl leidenschaftlicher?
Die Leidenschaft des Kanzlers ist auf die Leute leichter niedergehend. Die Freude, mit der er Bundeskanzler ist, die reißt mit.
Herr Hildebrandt, was bedeutet Ihnen die Kirche?
Was mich letztlich immer wieder überzeugt hat, nicht aus der Kirche auszutreten, ist ihr soziales Engagement. Was das eigentlich Religiöse angeht, beobachte ich viel Bürgerferne. Und oft ein Stück Hochmut der Institution. Macht eben.
Die Fragen stellte
Tim Schleider
Zur Person
Dieter Hildebrandt, geboren 1927 im niederschlesischen Bunzlau, aufgewachsen in der Oberpfalz, hat mindestens vier Berufe: Kabarettist, Schauspieler, Texter und Regisseur. Ein geisteswissenschaftliches Studium brach er ab, weil es ihn auf die Bühne zog. Am 12. Dezember 1956 war er Gründungsmitglied des Kabaretts „Lach- und Schießgesellschaft“, die schnell zur Institution in Deutschland wurde, da die ARD in den Sechzigern Jahr um Jahr live am Silvesterabend aus dem Münchner Theater übertrug. 1972 starteten im ZDF seine „Notizen aus der Provinz“, die ihm mehrfach Ärger mit Fernseh- und Verwaltungsräten und zeitweise gar Sendeverbot einbrachten. 1980 sendete der SFB den ersten „Scheibenwischer“. Zugleich ist Dieter Hildebrandt stets mit Programmen durchs Land gereist; legendär seine Duette mit Werner Schneyder, die ihn 1985 als Gastspiel sogar nach Leipzig führten. Bewegende Einblicke in sein Leben gewährt er in den beiden Büchern „Was bleibt mir übrig“ (1986) und „Gedächtnis auf Rädern“ (1997). Gemeinsam mit seinem „Scheibenwischer“-Team erhielt Hildebrandt 1986 den Adolf-Grimme-Preis in Gold.
Schl
©DS – Das Sonntagsblatt,
19. Dezember 1997, Nr. 51/52 1997
