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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV MIGRATION 1986 :::
Denkpause

Sendereihe des Süddeutschen Rundfunks
Woche vom 28. April – 3. Mai 1986
Wochenthema:

DER FREMDE

Fremdenangst bei Ausländern

Im Bäckerladen sind vor mir zwei Kinder, dunkelhaarige Mädchen von vielleicht sechs und vier Jahren. Die Kleine tippt mit ihrem Fingerchen sehnsüchtig auf die Glasvitrine mit den Schokoköpfen. In einer Sprache, die ich nicht kenne, lehnt das größere Mädchen offensichtlich den Kauf der Süßigkeiten ab. Es hat auch nur abgezähltes Geld für ein Mischbrot dabei. Eine Dame neben ihr will sich der Kleinen erbarmen und verlangt zwei Schokoköpfe. Die größere Schwester lehnt es aber entschieden ab sie anzunehmen. Nur die zwei von der Verkäuferin hingehaltenen Lutscher akzeptiert sie. Als die Kinder den Laden verlassen haben, meint die Verkäuferin, manchmal würden die ausländischen Kinder nicht einmal die Lutscher nehmen. Ja, ergänzt eine inzwischen eingetretene Frau, die die Szene noch miterlebt hatte, die italienischen Mütter seien da sehr streng. Woher die Frau wußte, daß es italienische Kinder waren, war mir von deren Sprache her nicht klar.

Vielleicht waren es aber tatsächlich italienische Kinder, die einen sizilianischen Dialekt sprachen. Dann hätte die deutsche Dame doch Recht gehabt. Ob sie aber wirklich die italienischen Mütter gut genug kennt, um ihren Erziehungsstil zu beurteilen, bleibt fraglich. Bestimmt aber weiß sie kaum etwas von den Erfahrungen, die diese Mütter im fremden Land gemacht und die sie unter Umständen sehr vorsichtig gemacht haben, eine Vorsicht, die sie dann ihren Kindern weitergeben.

Der italienische Pfarrer von Wiesbaden hat kürzlich auf einer Pressekonferenz Stellung genommen zu neonazistischen Wandschmierereien an seinem Gemeindezentrum. Er meinte, das Leben von Ausländern würde in der Bundesrepublik immer schwieriger. Dies bezog er aber nicht in erster Linie auf die schlimmen Parolen, die nachts auf Hauswände gesprüht worden waren. Ihm ging es um die Ablehnung, wie sie von seinen Landsleuten bei ganz gewöhnlichen und normalen Mitbürgern festgestellt würde. Sie äußere sich nicht direkt, sondern durch ein bestimmtes Benehmen, durch eine Geste, ein hingeworfenes Wort. Auf ganz feine Weise werde die Ablehnung spürbar.

Mütter empfinden das sicher noch deutlicher als ein Pfarrer. Ihre Reaktion? Den Kindern diese Erfahrungen möglichst ersparen und die Kontakte zur fremden Umwelt auf das notwendigste Maß beschränken, allen Deutschen mißtrauen, auch den freundlichen. Können diese überhaupt wirklich freundlich sein? Wird ihre Ablehnung nicht auch in der freundlichen Geste, in dem Bonbon, der wohltätig gereicht wird, deutlich? Wenn dies so wäre, eine bedenkliche Verallgemeinerung, ein überzogener Reflex auf erfahrene Kränkungen. Und doch ist es ein Selbstschutz, sich erst einmal abschotten, dann gelegentlich die Luken öffnen, nach draußen äugen und vorsichtig nur den hineinlassen, der sich wirklich als Freund ausgewiesen hat. Dies wird eigentlich nur der Familienangehörige sein, der Blutsverwandte, noch nicht einmal jeder Landsmann.

Die italienischen Mütter, die zumeist aus Sizilien oder Süditalien kommen, bringen darüberhinaus die Erfahrungen eines Volkes mit, das über hunderte Jahre, ja sogar über Jahrtausende immer wieder Fremdherrschaft erlebt hat. Im 11.Jahrhundert waren es die Normannen, die nach einem legendären Kleinkrieg Sizilien eroberten. Damit endete eine zweihundert Jahre währende islamische Herrschaft. Vor den Sarazenen stand die Insel dreihundert Jahre unter der Herrschaft der Kaiser von Konstantinopel. Die eindrucksvollen Zeugnisse vergangener Kultur auf dieser Insel sind Denkmäler der Fremdherrschaft.

Woher stammen z.B. die imposanten Ruinen der griechischen Tempel? Von Griechen, die im 8. Jahrhundert vor Christus die ersten Kolonien auf Sizilien gründeten.

Die Sizilianer haben also ihre Erfahrungen mit den Fremden und zwar nicht die besten. Mißtrauen gegenüber den Fremden ist ererbte Lebensweisheit. Die Mafia ist ursprünglich wohl eine Schutzorganisation gegen fremde Eroberer gewesen.

Mißtrauen gegenüber Fremden! Lehren deutsche Mütter ihre Kinder anderes als die italienischen? Auch bei ihnen soll ein Kind mißtrauisch sein. Das ist schwer für ein Kind, das von Natur aus zutraulich ist. Dem Fremden eher mißtrauen! Wie sähe die Welt aus, wenn die Mütter von ihren Kindern mehr Vertrauen lernten?


Gast-Arbeiter

Es gibt Wörter, die wir nicht mehr verwenden sollten; Wörter, die durch eine schlimme Geschichte belastet sind. Dazu gehört das Wort „Fremdarbeiter“. Damit waren in der Nazizeit Frauen und Männer gemeint, die zur Arbeit in der Rüstungsindustrie oder Landwirtschaft gezwungen worden waren. Sie stammten aus den von Hitler eroberten Ländern. Gegen ihren Willen mußten sie für Deutschland arbeiten. Behandelt wurden sie wie Menschen 2.Klasse.

Als bei uns in den fünfziger Jahren der Aufschwung einsetzte, wurden Menschen aus anderen Ländern zur Arbeit in der Bundesrepublik angeworben, zu Hunderttausenden, zu Millionen. Wie sollte man sie nennen? „Fremdarbeiter“? Unmöglich! Aber irgendeinen Namen musste man den angeworbenen Frauen und Männer doch geben. Da kam von irgendeiner Seite der rettende Einfall. Nennen wir sie doch „Gastarbeiter“. Bonn war glücklich über diese Benennung. In ihr klang Freude und Dankbarkeit mit. „Gastarbeiter, das waren Menschen, die uns helfen würden, den unaufhaltsamen Aufschwung zu garantieren. Dafür wollten wir sie auch freundlich behandeln, solange sie bei uns waren. Denn für immer sollten sie nicht bleiben. Nur so lange, wie wir sie bräuchten. Im Begriff „Gastarbeiter“ schwang der ganze Respekt vor dem Gast mit, vor dem Gast allerdings, der aus der Fremde kam und irgendwann wieder in die Fremde zurückkehrte.

Die Medien hatten ihren handlichen Begriff. Sie verwenden ihn bis auf den heutigen Tag. Nach zwanzig, dreißig Jahren ist immer noch von den „Gastarbeitern“ die Rede. Das ist doch längst überholt, oder nicht‘?

Irgendwann Ende der sechziger Jahre machte der Westdeutsche Rundfunk ein Preisausschreiben. Gesucht wurde ein anderes, ein treffenderes Wort als „Gastarbeiter“. Das Echo war überwältigend. Über 32.000 Einsendungen erreichten den Sender. Eine Auswahl der Vorschläge wurde später veröffentlicht. Vermutlich hat die Redaktion die abfälligsten und abwegigsten unter den Tisch fallen lassen. Übrig geblieben sind wohlmeinende, aber auch abwertende Bezeichnungen, darunter Spottnamen und interessante Wortschöpfungen. Viele Namen waren nur eine Variation der Bezeichnung „Gastarbeiter“.

So etwa:

  • Arbeitende Gäste,
  • Bedarfsarbeiter,
  • Besuchstätige,
  • Erlaubtarbeiter,
  • Fernbeschäftigte,
  • Fremdbürger,
  • Gastbürger,
  • Gastdeutsche.

Aber auch:

  • Hilfsdeutsche,
  • Mietarbeiter,
  • Südarbeiter,
  • Zeitgast und
  • Zeitpartner.

Andere Ausdrücke bemühen sich um eine mitmenschliche Note:

  • Auslandsgenossen,
  • Ausländerkameraden,
  • Bruderarbeiter,
  • Eurobrüder,
  • Mitbrüder oder Mitschwestern.

Die Jury befand: Keiner der vielen Vorschläge kann den Begriff „Gastarbeiter“ ersetzen. Blieb eigentlich nur die offizielle Benennung: „ausländische Arbeitnehmer“. Was ist aber mit den Ehepartnern und Kindern? Dann hieß es halt „ausländische Arbeitnehmer und ihre Familienangehörigen“.

Inzwischen kam die Arbeitslosigkeit. Auf einmal war der Begriff „Gastarbeiter“ wieder aktuell. Gäste, natürlich! Gäste bleiben nicht für immer, eigentlich nur so lange, wie sie sich willkommen fühlen. Und wenn sie selbst nicht merken, daß sie nicht mehr willkommen sind, dann muß man es sie spüren lassen. Zuerst in Worten und dann in Taten.

Eines der großen Blätter, einflußreich und meinungsbildend, schrieb 1980: „Die Ausländer sind Gäste, waren willkommen, haben Anspruch, nicht ohne weiteres ihrer Wege geschickt zu werden.“ Dann aber fährt die Zeitung fort, wenn sie eines Tages weniger willkommen seien, müßten sie sich den Regeln des Gastgebers fügen, wie Gäste das überall zu tun hätten. Die Zeitung nimmt den „Gast“ beim Wort. Was gemeint ist, muß jedem klar sein.

Das Wort Gast hat seine Geschichte. Und diese Geschichte wirkt auch im Begriff „Gastarbeiter“ fort. Dies bezieht sich nicht nur darauf, dass der Gast ein Freund auf Zeit ist. In grauer Vorzeit war der Gast nicht nur der freundlich aufgenommene Fremde, sondern auch der mögliche Feind, den es abzuwehren galt. So etwas hält sich über lange Zeiträume, ohne daß wir direkt daran denken. Es schwingt mit. Jetzt wird es vielleicht auch verständlicher, wie schnell Gastfreundschaft in Gastfeindschaft umschlagen kann, wie das sympathische Wort vom Gastarbeiter einer Medaille gleicht, die zwei Seiten hat.


Kolumbus – Der Entdecker Amerikas

Christoph Kolumbus, der Entdecker Amerikas, war ein Naturfreund. Begeistert beschreibt er die Fische, die in den leuchtendsten Farben bunt durcheinander schimmerten, die Papageien, die in so dichten Schwärmen flögen, daß sie die Sonne verfinsterten. Am 28. Oktober 1492, im Jahr der Entdeckung Amerikas, trägt er in sein Tagebuch ein: „Ich gestehe, beim Anblick dieser blühenden Gärten und grünen Wälder und am Gesang der Vögel eine so innige Freude empfunden zu haben, daß ich es nicht fertigbrachte, mich loszureißen und meinen Weg fortzusetzen.“

Die Menschen, die er antrifft, gehören zur Landschaft; er empfindet sie als Teil davon. So erwähnt er sie irgendwo zwischen den Vögeln und Bäumen, nicht ohne die Schönheit ihrer nackten Körper zu bewundern. Überrascht zeigt er sich, daß die Indianer sehr vernünftig und von scharfem Verstand seien, obwohl sie Tieren ähnelten und nackt einhergingen. Menschen, die nackt sind, haben für ihn keine Kultur und keine Religion.

Kolumbus, der fromme Christ, hält die Menschen in Amerika aber für das Christentum besonders geeignet. An den König schreibt er im November 1492, jener müsse den Entschluß fassen, aus ihnen Christenmenschen zu machen. Er hätte sich selbst davon überzeugen können, daß diese Völkerschaften keinen eigenen Kult besäßen, auch keinen Götzendienst betrieben. Dagegen habe er feststellen können, daß sie sehr fügsam und ohne jeden Harm seien und über keinerlei Waffen verfügten. Sie töteten niemand und beraubten auch niemand seiner Freiheit. Sie wiederholten eifrigst die Gebete, die die Spanier verrichteten und machten das Kreuzzeichen. An Weihnachten schreibt er sogar in sein Tagebuch: „Sie lieben ihren Nächsten wie sich selbst.“

Die hohe Meinung, die Kolumbus von den fremden Menschen hat, ist von der christlichen Vorstellung geprägt, daß alle Menschen gleich sind. Allerdings geht er noch einen bedeutenden Schritt weiter. Er sieht sie im Geiste schon als Christen, erkennt sich in ihnen wieder als der Gläubige, der er sein möchte, oder für den er sich hält. Missionierung dieser Menschen ist daher eine selbstverständliche Konsequenz seiner Denkweise. Dabei müssen diese Menschen nicht nur den christlichen Glauben annehmen, sondern auch Kleider anziehen, eine richtige Sprache lernen, Kultur annehmen. Und die einzige Kultur, die in Frage kommt, ist selbstverständlich die spanische. Kolumbus kann diese Menschen nur als seinesgleichen anerkennen, wenn sie genau so sind wie er. Nur dann sind sie wahre Menschen.

Kolumbus macht sich ein Bild vom Fremden, das in seiner einseitigen Verklärung nicht der Wirklichkeit entspricht. Was aber muß sich in seinem Kopf abgespielt haben, wenn er einige Jahre später an den König schreibt, man könne von hier im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit so viele Sklaven schicken, wie man verkaufen könnte, und desgleichen auch Brasilholz.

Verbreitung des Glaubens zuerst und später Sklavenhandel. Sein Bild von den indianischen Menschen hat sich offensichtlich gewandelt. Sie waren nicht so anpassungswillig, wie er sie eingeschätzt hatte. Wenn er sie früher als freigebig betrachtet hatte, so stuft er sie später alle als Diebe ein, verhängt grausame Strafen, läßt ihnen Nasen und Ohren abschneiden. Nach und nach gleitet Kolumbus in die Ideologie der Sklaverei ab und kommt zu der Auffassung, diese Menschen seien minderwertig.

Aber, war das nicht schon in seiner Sicht begründet, unbekleideten Menschen jede Kultur und Sprache abzusprechen, sie nur als Teil der Natur zu betrachten und sie zwischen Bäumen und Tieren zu erwähnen?

Der Entdecker und Naturforscher war schließlich auch Eroberer. Konnte er den Menschen in Amerika ihre Reichtümer, ihr Gold nehmen, wenn sie gleichberechtigt waren? Er und alle späteren Eroberer des Westens brauchten ein Bild vom fremden Menschen, das die eigene Überlegenheit und die Ausbeutung der anderen rechtfertigte.

Kolumbus hat Amerika entdeckt, aber nicht seine Menschen. Sie blieben ihm fremd, weil er glaubte, sie müßten so sein wie er, Spanier!


Heimat

Fast jede Nacht träume er davon, in Teheran zu sein, schreibt der iranische Flüchtling Bahman Nirumand über sein Exil. Dann wähnt er sich in dem Haus, wo er seine Kindheit verbracht hat, sieht den Garten davor mit dem Teich, in dem rote und schwarze Fische schwimmen. Er schaut in die umliegenden Straßen und Gassen, wo er mit anderen Kinder „Räuber und Gendarm“ gespielt hat.

Nirumand ersehnt – wie alle Flüchtlinge – den Tag, an dem er in seine Heimat zurückkehren kann. Nach 14 Jahren ist es endlich soweit. 1979, einige Wochen vor dem Sturz des Schah-Regimes fliegt er in aufgewühlter Stimmung von Berlin aus nach Teheran. Auf dem Weg vom dortigen Flughafen zum Stadtzentrum wächst sein Erstaunen über das veränderte Stadtbild. So ziemlich alles erscheint ihm fremd. Ganze Straßenzüge sind in den letzten Jahren neu entstanden.

Dann steht er vor dem Haus seiner Eltern, die Szene, von der er jahrelang geträumt hat. Die Haustür ist offen, er läuft die Treppe zum 3. Stock hinauf, klingelt. Die Tür geht auf, seine Mutter steht vor ihm. Als sie ihren Sohn erkennt, stößt sie einen Schrei aus und fällt ihm in die Arme. Heimat!

Das Glück währt nur drei Jahre, das Glück, kein Fremder mehr zu sein, kein Ausländer; kein Befürchtungen vor Ausweisung zu haben, das Recht zu besitzen, von ‚meiner Stadt‘, ‚meiner Straße‘ und ‚meinem Land‘ sprechen zu können.

Nirumand flüchtet erneut, dieses Mal vor den Häschern Chomeinis. Er landet in Frankfurt mit der Hoffnung, daß sein zweites Exil nur kurze Zeit währen würde. Nach mehr als drei Jahren wird er sich seiner Täuschung bewußt. Er schließt seinen persönlichen Bericht über Flucht, Heimkehr und erneute Flucht mit der resignierenden Feststellung: Was einst Heimat war, sei nicht mehr! Zerbombte Städte, gedemütigte Menschen, Massengräber, Invaliden, Flüchtlinge.

Der iranische Schriftsteller beschreibt in seinem Tagebuch das bittere Schicksal des Flüchtlings, der seine Heimat verlassen muß, eine Heimat, an die er sich mit allen Fasern seiner Seele gebunden weiß. Aber er muß die wiedergefundene Heimat ein weiteres Mal verlassen. Und wieder flieht er mit der Hoffnung zurückzukehren. Und wenn dies jemals in Erfüllung gehen sollte, wüßte er, daß es diese Heimat überhaupt nicht mehr gibt.

Gibt es überhaupt Heimat? Gibt es Heimat nur in der Heimat? Braucht der Mensch Heimat in dem von Nirumand ersehnten Sinn? Oder sollte der Mensch endgültig von jeder Heimat Abschied nehmen?

Eine erregende Antwort auf diese Fragen gibt ein Denker des frühen Mittelalters. Hugo von St. Viktor, so heißt der Philosoph, meint: „Von zartem Gemüt ist, wer seine Heimat süß findet“. Dies trifft sicher, wenigstens bisher, auf Bahman Nirumand und seine Heimatliebe zu. Der Philosoph fährt aber fort, daß derjenige stark sei, „dem jeder Boden Heimat ist.“ Besitzt der moderne Publizist diese Stärke, wird er irgendwann einmal in Frankreich oder Deutschland Heimat finden? Oder bleibt er für immer ein heimatloser Geselle, wie politisch links eingestellte Menschen abschätzig genannt werden? Dies ist zu vermuten. Nach Hugo von St. Viktor wäre dies aber kein Schaden, im Gegenteil! Für ihn ist es überhaupt nicht notwendig, auf dieser Welt Heimat zu haben oder zu finden. Für ihn ist der, und nur der, vollkommen, „dem die ganze Welt ein fremdes Land ist“. Der Mensch wäre erst wirklich Mensch als der ewige Fremde! Dies ist schwer zu verstehen und noch schwerer zu leben.

Bahman Nirumand hat seine Heimat zweimal verloren, ja dreimal, wenn man bedenkt, daß es die bisherige überhaupt nicht mehr gibt. Damit muß er leben. Ob ihm dies im Sinne des Hugo von St. Viktor gelingt? Sein Buch schließt mit dem Satz: „Stadtpläne von Teheran brauche ich nicht mehr.“


Gastgeber Abraham

Auf den ersten Seiten der Bibel steht die Erzählung vom Gastgeber Abraham. Sie versetzt uns in eine Welt, die Jahrtausende zurückliegt. Es ist die Welt von Halbnomaden, von Stämmen, die mit ihren Herden leben. Ihre Häuser sind Zelte.

Mittagshitze.

Abraham, Besitzer großer Herden, ruht im Schatten des Zelteingangs.

Auch seine Tiere haben unter Bäumen Schutz vor der sengenden Sonne gesucht. Niemand ist zu dieser Stunde auf den Beinen.

Da schreckt Abraham auf.

Ein Fremder nähert sich mit Begleitern dem Zelt.

Eine Erscheinung?

Eine Fata Morgana?

Ist er Freund oder Feind?

Abraham ist herausgefordert.

Wie soll er sich verhalten?

Er zögert im Grunde keinen Augenblick.

Ohne zu wissen, wer der Fremde ist, woher er kommt, wohin er will und was er vorhat, liefert er sich ihm aus.

Für Abraham ist es die Stunde, in der er über sich selbst hinauswächst.

Er empfängt den fremden Gast wie seinen König, ja wie seinen Gott. Er bietet ihm das Beste, was sein Zelt und seine Herden zu bieten haben und lässt ein Festmahl bereiten. Er, der über viele Diener und Knechte gebietet, versieht selbst den Tischdienst wie der Mundschenk an der Tafel des Königs.

Die Bibel sagt, Gott sei damals Abraham als Fremder erschienen. Wusste Abraham, dass der Fremde sein Gott war?

Vielleicht!

Er kannte Gott,

er kannte zumindest seine Stimme,

er kannte seine Forderungen und seine Verheißungen.

Gott hatte Großes mit ihm vor.

Er wollte ihn zum Vater der Völker, zum Urahn einer neuen Völkergemeinschaft machen.

War diese Begegnung bei den Eichen von Mamre nun ein Test, ob er dieser Verheißung würdig war, ob er sich dieser Aufgabe gewachsen zeigte?

Wollte Gott ihn prüfen, ob er den Fremden, jeden Fremden als seinesgleichen, ja als Gottgesandten, als Gott selbst aufnahm?

Abraham erweist sich der Herausforderung gewachsen.

Sein Gastmahl ist Hingabe an den Fremden.

Sein Gastmahl ist Gottesdienst.

Die biblische Geschichte setzt Maßstäbe für die Gastfreundschaft. Sie steht selbst in einer uralten Überlieferung der Menschheit. Der Gast ist heilig. Der Fremde ist durch göttliches Tabu geschützt.

Gilt das auch heute noch?

Ein Iranischer Flüchtling beschreibt seine Flucht, die über Pakistan führt.

Nach langer Fahrt durch Salzwüsten und unberührte Landschaft macht er mit seinen Freunden Halt in einem kleinen Nest nahe der pakistanischen Grenze. Der Ort besteht aus einigen Nomadenzelten und drei Lehmhütten. Der Flüchtling und seine Begleiter sind Gäste eines Balutschen, in dessen Zelt sie gebracht werden. Dieser bereitet ein Mittagessen vor und schickt sich an, die einzige Ziege, die er besitzt, zu schlachten. Nur mit Mühe können die Gäste ihren Gastgeber davon abhalten zu tun, was er für seine heilige Pflicht hält.

Ein moderner Abraham, nur nicht so reich wie dieser. Vielleicht aber so fromm wie jener, weil jederzeit bereit Gott zu bewirten, erscheine er auch in Gestalt eines Flüchtlings.


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