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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1984 :::

Predigtskizze

Der ausländische Arbeitnehmer

INHALT
Die Mahnungen des Alten Testamentes, die Fremden gleichberechtigt zu behandeln, wird auf die Einstellung der Gemeinden zu den nichtdeutschen Arbeitnehmern übertragen.

Bibeltext

Lev 19, 1-2.33-34

Jahwe sprach zu Mose also: „Rede zur ganzen Gemeinde der Israeliten und sprich zu ihren: Seid heilig, denn. ich, Jahwe, euer Gott, bin heilig.

Wenn sich ein Fremdling bei euch im Lande aufhält, dürft ihr ihn nicht bedrücken. Wie ein Einheimischer aus eurer Mitte gelte euch der Fremdling, der sich bei euch aufhält. Du sollst ihn lieben wie dich selbst. Denn auch ihr wart Fremdlinge im Land Ägypten.“

Überlegungen zum Text

I

  1. Mit den Ausländern hatte bereits das Volk Israel seine Probleme! Es ist auffällig, wie oft das Alte Testament auf die Fremden zu sprechen kommt. Sie werden mit den Witwen und Waisen in einem Atemzug genannt. Letztere zählten zu den schutzlosen Mitgliedern des Volkes, die härtester Bedrückung ausgesetzt waren. Darin standen ihnen die Ausländer offensichtlich nicht nach. Ohne angestammte Rechte waren sie bevorzugtes Objekt der Ausbeutung. Dagegen galt das besondere Gebot, den Fremden nicht zu bedrücken.
  2. Der Ausländer soll sogar dem Einheimischen gleichgestellt werden. Das ist eine Forderung, die hinsichtlich der üblichen Behandlung von Fremden mehr als ungewöhnlich ist. Im Falle der Landverteilung übermittelt dann auch der Prophet Ezechiel (vgl. Ez 47,22-23) die Weisung Gottes, den unter den Stämmen Israels wohnenden Fremdling gleichberechtigt zu behandeln. Das Land, das Gott seinem Volk zugedacht hat, soll als Erbbesitz verlost werden. In diese Verlosung sind die Fremden ohne Diskriminierung einzubeziehen.
  3. Die Forderung nach gleichem Recht für den. Ausländer wird selbst noch einmal überboten von dem Ansinnen, den Fremdling zu lieben. Als Maßstab dieser Fremdenliebe wird die Selbstliebe angesehen. Wir befinden uns damit auf der Höhe des Alten. wie des Neuen Bundes.
  4. Sollten alle moralischen Appelle nichts fruchten, brauchte das alttestamentliche Gottesvolk nur an die Zeit in Ägypter erinnert zu werden, wo es unter unmenschlichen. Bedingungen zum Wohlstand der Ägypter beitragen mußte. Die Geschichte begann für das Volk, das einstmals nach Ägypten eingeladen worden war, mit dem Auszug aus diesem Land der Fremde, der Bedrückung und Unfreiheit. Der unterdrückte Ausländer im eigenen Land war eine Verhöhnung der Befreiungstat Gottes.

II

  1. Die Ausländer sind für unsere Gemeinden die denkbar größte Herausforderung an den Geist christlicher Solidarität. Zwar kommen unzählige arbeitslose Männer und Frauen zu uns, als säßen wir im Gelobten. Land. Was aber müssen sie an Bedrückung und Mißachtung erdulden, weil sie nicht die Sprache beherrschen, andere Lebensgewohnheiten haben, unter einen hohen Anpassungsdruck geraten und nicht nur von Mietwucherern ausgenutzt werden! Wie aktuell ist hier das Gebot des Alten. Testamentes: „Wenn sich ein. Fremdling bei euch im Lande aufhält, dürft ihr ihn. nicht bedrücken!“
  2. Wie steht es mit der Gleichberechtigung für die Ausländer? Unsere Sozialgesetzgebung kommt ihr sehr nahe. Ansonsten unterliegen die Fremden bei uns vielerlei rechtlichen Beschränkungen. Das reicht von den Schwierigkeiten, die Familie nachkommen zu lassen, über die Ungewißheiten der Aufenthaltserlaubnis bis zu den Behinderungen für eine politische Betätigung. Gemeinden, die dem ethischen Anspruch des Alten und erst recht dem des Neuen Testamentes gerecht werden wollen, müssen sich für die rechtliche Besserstellung der Ausländer einsetzen.

    Damit liegen sie auf der Linie der „Gemeinsamen Synode“, die von der Verpflichtung der Kirche spricht, „für die Wahrung der Rechte der menschlichen Person im öffentlichen Leben einzutreten“. Das ist besonders auf die Ausländer hin gesagt.

  3. Seinesgleichen zu lieben ist bei weitem einfacher als diese Einstellung auch Ausländern gegenüber zu hegen. Ihnen haftet so viel Ungewohntes und Fremdartiges an. Das Fremde macht oft unsicher, es erregt Mißtrauen. Bevorzugte Zielscheibe für unsere Vorurteile sind die Fremden. Ihnen wird alles angelastet, was wir bei uns selbst nicht eingestehen wollen. Die Schrift fordert nichts weniger als den Fremden zu lieben wie sich selbst. Das setzt allerdings voraus, daß wir uns selbst gut sind, uns selbst bejahen, uns selbst lieben. Dazu hinwiederum ist nur der in der Lage, der erfahren hat, daß er von anderen angenommen wurde in der Familie oder in der Gemeinde.
  4. Aus „Ägypten“ herausgeholt fühlten sich die Christen der ersten Stunde. So kann Paulus an die Gemeinde von Ephesus schreiben: „Ihr seid nicht mehr Fremde und Beisassen, sondern seid Vollbürger mit den Heiligen und seid Hausgenossen Gottes“ (Eph 2,19). Die Aufhebung gegenseitiger Fremdheit, so daß nicht mehr Jude noch Grieche gilt (vgl. Gal. 3,28), ist ein Zeichen der Herrschaft Gottes unter den Menschen, auch heute noch.

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