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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV MIGRATION 1985 :::

5. Oktober 1985

DAS RECHT AUF HEIMAT

Referat auf der landesweiten Auftaktveranstaltung
im Internationalen Jahr der Jugend 1985
des Stadtjugendrings Mannheim
zum Thema „Politische Betätigung für Ausländer“

INHALT
Statt Recht auf Heimat geht es um ein Recht auf Einwanderung der Arbeitsmigranten.

Recht auf Heimat, das ist eine politisch fest geprägte Vorstellung! Wer sich darauf einlässt und sie auf die hier lebende nichtdeutsche Jugend und Bevölkerung anwenden will, muß den politischen Hintergrund kennen.

Recht auf Heimat ist die politische Antwort auf die völkerrechtswidrige Vertreibung von Millionen Deutschen nach dem 2. Weltkrieg. Mit der heute noch erhobenen Forderung nach einem Recht auf Heimat wird die Erinnerung an ein historisches Unrecht festgehalten. Bewusst oder unbewusst sind damit aber auch Rückkehrorientierungen verknüpft, zumindest als politisches Faustpfand für einen immer noch ausstehenden Friedensvertrag.

Darüberhinaus ist „Heimat“ ein ungewöhnlich vieldeutiges, gemütsbeladenes Wort, das dazu noch den besonderen Nachteil hat, nicht in andere Sprachen übertragen werden zu können. Damit scheidet es eigentlich als international verwendbarer, politischer Begriff aus.

Heimat kann von rechts und von links verwendet und jeweils anders aufgefüllt werden. Wer das Recht auf Heimat fordert, kann dies im Sinne der heutigen Veranstaltung tun, insofern er damit das Recht der nichtdeutschen Jugendlichen und der nichtdeutschen Arbeiterbevölkerung auf Daueraufenthalt in der Bundesrepublik meint. Recht auf Heimat kann aber auch eine politische, fremdenabwehrende Kampfparole konservativer, ja sogar rechtsextremer Ausrichtung sein. Hierbei wird Menschen anderer nationaler Herkunft das Recht bestritten, auf Dauer in der Bundesrepublik zu verbleiben. Denn gemäß dieser Auffassung von Heimat gehören „die Ausländer‘ in „ihre Heimat“, d.h. in die Länder, aus denen die erste Generation der Arbeitsmigranten gekommen ist.

Ich will dies belegen:

Dabei denke ich an einen Brief des früheren Präsidenten der Bundesanstalt für Arbeit. Josef Stingl an eine kirchliche Stelle aus dem Jahre 1978. Stingl erläutert darin, warum es folgerichtig und kein Widerspruch sei, „wenn der Gedanke der weiteren Integration neben dem der Förderung der Bereitschaft und Fähigkeit zur freiwilligen Rückkehr in das Heimatland steht.“ Stingl bemerkt dazu, daß der weitaus größte Teil der ausländischen Arbeitnehmer nicht in die Bundesrepublik gekommen sei. um Deutsche zu werden, sondern um Geld zu verdienen« Stingl will damit zum Ausdruck bringen, daß der Aufenthaltszweck der nichtdeutschen Arbeitnehmer zeitlich begrenzt ist, und er fügt hinzu, daß für die Zeit ihres Aufenthaltes natürlich eine menschenwürdige Integration angestrebt werden müsse. Es dürfe aber nicht verkannt werden, daß die Ausländer, so wie sie nicht gekommen wären, auch lieber zurückkehrten, wenn dies nach der Wirtschaftslage in ihrer Heimat möglich wäre. Und so wird auch die Verpflichtung der Bundesanstalt formuliert, „an diesen Projekten mitzuarbeiten, die auf freiwilliger Basis versuchen, eine Rückgliederung zu erreichen“. Die inzwischen erfolgte faktische Einwanderung wird völlig ausgeblendet, Dafür folgt der in unserem Zusammenhang bezeichnende Satz: „Für unmenschlich halte ich es dagegen, jemanden dauernd aus Heimat und Glauben zu locken und damit endgültig heimatlos zu machen.“

Dies ist eine Art kritischer Auseinandersetzung mit meinem spanischen Kollegen (Oberseelsorger für die Spanier in der Bundesrepublik) und mir, die sich unterstanden hatten, diese Art Remigrationspolitik – übrigens längst vor der Wende – massiv anzugreifen. Das für uns Interessante ist die Verwendung des Heimatbegriffs, der in diesem Falle politisch verstanden wird, und zwar in einem Sinne, der gegen die von mir immer wieder behauptete faktische Einwanderung und eine auf dauernden Verbleib zielende Integration gerichtet war. Dabei ist zu berücksichtigen, daß Stingl ein bedeutender Repräsentant im Bereich der Vertriebenenverbände ist und hier deren Heimatbegriff gegen das Recht auf Daueransiedlung verwendet.

Ein Beispiel nicht für die konservative, sondern die rechtsextreme Verwendung des Heimatbegriffs stammt von Prof. Helmut Schröcke aus München, einem Mitverfasser des rechtsextremen Heidelberger Manifestes von 1981. Schröcke hat in der Woche nach dem Erscheinen des Manifestes meinem Bischof (Dr. Wilhelm Kempf) geschrieben, dabei meine Integrationsvorstellung heftig kritisiert und die Herstellung multirassischer Gesellschaften als biologisch falsch und durchaus mit dem Völkermord vergleichbar bezeichnet. Dafür macht er einen Vorschlag, den er als den eigentlich humanen bezeichnet: Nämlich „Verpflanzten die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen, in die ökologischen Umgebungen, für die sie evolviert (entwickelt) sind, ihre Reintegration zu fördern, ihnen ihre Sprache und Kultur zu erhalten, ganz besonders aber, den Kindern den Schulunterricht in ihrer Heimat zu ermöglichen“.

Sie werden verstehen, daß ich nicht das Recht auf Heimat fordere und es auch nie gefordert habe. Als Mitglied der katholischen Kirche fordere ich ein Recht auf Einwanderung, das in dieser Weltgemeinschaft immer stärker als Menschenrecht formuliert wird. Dies ist aber nicht allgemein anerkannt, so daß ich mich auf das beziehe, was der gemeinsame kirchliche Vorbereitungsausschuss zur Woche der ausländischen Mitbürger und der Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes gemeinsam als Prüfstein eines humanen Ausländerrechts betrachtet nämlich, daß jeder, der seit Jahren seinen Lebensmittelpunkt in der Bundesrepublik hat, das Recht auf einen gesicherten Aufenthalt haben muß, daß es ein Recht gibt,. hier mit der Familie zusammenzuleben und, daß – wie es wörtlich heißt – „minderjährige Kinder, sowie Ausländer, die in der Bundesrepublik geboren, bzw. aufgewachsen sind, unter keinen Umständen in ein fremdes ’Heimatland‘ ausgewiesen werden, auch wenn sie straffällig geworden sind“.

Wenn Sie das Recht auf Heimat so verstehen, dann fordere ich dies natürlich mit allem Nachdruck, ich nenne es aber nicht so.

(Persönlich betrachte ich Heimat vorwiegend als das Gefühl an einem bestimmten Ort leben zu können, wo Toleranz und Freiheit herrschen. Diese Umschreibung stammt von einem politischen Flüchtling der Nazi-Zeit.)


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