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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1977 :::

60 Jahre St. Antonius Frankfurt/M.

Festpredigt

INHALT
Es ist der Auftrag der christlichen Gemeinden hier in dieser Stadt, aller Konfessionen, ihren Traum zu haben von dem neuen Jerusalem hier und von dem Gott, der mitten unter ihnen eine neue Zeit heraufführt. Nicht am Tage X, sondern heute.

Liebe Gemeinde von St. Antonius,
liebe Freunde dieser Gemeinde!

Als ich vor 10 Jahren, St. Antonius war damals 50 Jahre alt, das letzte Mal von dieser Kanzel herabstieg, glaubte ich noch an eine radikale Verjüngungskur der 2000-jährigen Kirche. Es war 3 Jahre nach dem Konzil. Jetzt 1977 frage ich mich, ob dieser durch das Konzil ausgelöste Prozeß nicht nur eine Frischzellentherapie war, der einem alternden Organismus vorübergehend Aufbauhilfe leistet, ohne letztlich seinen Alterungsprozeß aufhalten zu können.

Zwei kennzeichnende Phänomene seien herausgegriffen. Die kirchliche Führungsschicht, die Priester sind überaltert. Im Bericht der Bistumsleitung für die Jahre 74/75 heißt es: »Die auf der Spitze stehende Alterspyramide des Klerus bedeutet zwangsläufig eine Verminderung der gesamten kirchlichen Anpassungsfähigkeit«. Die Bistumsleitung, so heißt es weiter, müsse weitgehend Rücksicht nehmen auf das physische und vor allem auf das psychische Leistungsvermögen älterer Priester. Bei der Führungsrolle, die den Priestern in der Kirche zufällt, könnte dies, so heißt es dann wörtlich »ein Altwerden der Kirche selbst mit sich bringen«.

Ein weiteres Phänomen des Alterns der Kirche: Bei einer verwirrten Mehrheit und einer zustimmenden Minderheit setzt ein 70jähriger Erzbischof Lefebvre einem 80jährigen Papst den Ketzerhut auf und wirft dem ganzen Konzil Häresie vor. Dahinter steht, liebe Gemeinde, und das ist nicht die Schuld von Erzbischof Lefebvre, eine unbewältigte kirchliche Vergangenheit, und die verhindert es, dass den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen angemessen Rechnung getragen werden kann.

Was ist denn kennzeichnend für das Altwerden eines Individuums einer Gemeinschaft oder gar einer Kirche? Herumkramen in den Erinnerungen, übermäßige Beschäftigung mit der Vergangenheit, das beharrliche Misstrauen gegenüber dem Neuen, Angst vor der Zukunft, die Unfähigkeit, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Man kann es auch so zusammenfassen, kennzeichnend für das Altwerden, und das hängt nicht mit dem biologischen Alter zusammen, kennzeichnend für das Altwerden ist der Mangel an Hoffnung und das Fehlen einer Zukunftsvision. Dabei verfügt die Kirche von Anfang an über eine Vision, über eine Vision der Zukunft dieser Welt. Wir haben es im Text der Offenbarung eben gehört.

DIE OFFENBARUNG DES JOHANNES
21,1-4

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.

Es ist das Bild von einer Stadt, von einer neuen Stadt, die vom Himmel herabkommt, von Gott her. Brauthaft schön, knusprig und jung. Gott selbst wird sich in dieser Stadt unter sein Volk mischen, er wird die Tränen abwischen, wird Tod, Trauer und Not abschaffen. Es ist die Hl. Stadt, das neue Jerusalem. Die alte Welt ist vergangen, alles wird anders, es heißt, die Welt Gottes beginnt, eine Welt, in der die Herrschenden dieser Welt von ihrem Thron gestürzt werden, wo die Kinder regieren, wo die Verachteten an der ersten Stelle stehen und wo ihnen die Füße waschen ein besonders ehrenvoller Dienst ist. Die Menschen, und denken wir auch an das Johannes-Evangelium, werden erstaunlicherweise nicht wie Konkurrenten, sondern wie Brüder und Schwestern miteinander umgehen, Regierungsprogramm ist die Liebe und nur die Liebe, d. h. der Himmel auf Erden.

Die Utopie des Johannes hat an einen neuen Himmel und auch an eine neue Erde gedacht, kaum an ein fernes Jenseits. Die Welt Gottes drängt mit Macht in diese unsere Zeit, in diese unsere Welt hinein, um die vorhandenen Strukturen zu verändern. Die Christen haben weitgehend diese Veränderung verschoben im Grunde auf den Sankt Nimmerleinstag, und dann dürfen wir uns nicht wundern, dass eine solche Kirche altert, denn wer das verschiebt auf irgendeine imaginäre Zukunft, der hebt diese Vision in ihrem Gewicht auf.

Aus dieser Vision ist die Luft heraus. Diese Vision der Offenbarung meint das Paradies, meint den Himmel auf Erden, der bereits hier beginnt. Der Himmel fängt unter uns an und zwar da, wo Gottes Wille geschieht, wo Menschen sich seiner Herrschaft unterstellen; und der Ort, so hat es Gott gedacht, wo sich dieses vollzieht, wo diese Veränderung anhebt, wo sie Paradiesisches zeigt, ist vorzugsweise die Gemeinde, die Kirche St. Antonius in Frankfurt: hat sie diese Vision eines neuen Frankfurt oder überlässt sie die Veränderung dieser Stadt den Städteplanern?

Es ist der Auftrag der christlichen Gemeinden hier in dieser Stadt, aller Konfessionen, ihren Traum zu haben von dem neuen Jerusalem hier und von dem Gott, der mitten unter ihnen eine neue Zeit heraufführt. Nicht am Tage X, sondern heute. Wovon wird denn in St. Antonius geträumt, heute am sechzigsten Geburtstag, wo der Lack ab ist, wird geträumt von der guten alten Zeit oder wird von einer Zukunft geträumt, von einer schöneren Zukunft? Von dieser Antwort, liebe Gemeinde, hängt es ab, ob diese Pfarrei, diese zusammengeschrumpfte Pfarrei mit ihren 60 Jahren bereits total vergreist ist, oder ob diese Pfarrei eine jugendliche, schöne Partnerin Gottes ist.


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