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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1969 :::

Katholische Morgenfeier
im Hessischen Rundfunk Frankfurt/M.
1. Hörfunkprogramm
am 19. Januar 1969

Das Leben ein Spiel?


Nach Ansicht des Frankfurter Politologen Professor Ellwein werden die Arbeitnehmer in der Bundesrepublik im Jahre 1980 nur noch 28 Stunden bei einer 4-Tage-Woche arbeiten. Weiterhin glaubt er voraussagen zu können, daß in zwölf Jahren nur noch ein gutes Drittel der Gesamtbevölkerung erwerbstätig sein wird. Diese Entwicklung hängt mit der Automation zusammen, die in steigendem Maße Arbeitskräfte überflüssig macht.

Wenn die Zukunftsaussichten nicht trügen, gehen wir wieder Massenarbeitslosigkeit entgegen. Dieser Begriff löst heute noch Schrecken aus, weil sich mit ihm sofort der Gedanke an Armut und menschenunwürdigem Dasein einstellt. Von der Sache her ist diese Gedankenverbindung aber nicht notwendig; denn die künftigen Arbeitslosen werden leben, wie es über Jahrhunderte für die gesellschaftliche Oberschicht, der Adel etwa, selbstverständlich war. Während die Existenzgrundlage gesichert war, verfügte man über ein hohes Maß an Zeit und Muße. Das „Freizeit-Problem“ war auf den Burgen und Schlössern weitgehend gelöst. Dort beneidete man auch nicht die Menschen, die arbeiten mußten. Man fühlte sich vielmehr eines höheren und besseren Daseins gewürdigt.

Hier wird das Leben zu einem großen Spiel. Früher war es einer Minderheit möglich, so zu leben, weil die Masse des Volkes für sie arbeitete. Dagegen hat man berechtigte Einwände vorgebracht. Wenn diese Funktion von Maschinen übernommen wird, fällt der Einwand gegen eine solche Lebensweise weg. Es bleibt nur ein anderes Bedenken: Spiel ist etwas Unernstes und kann daher nicht Lebensinhalt sein; es widerspricht auch einer religiösen Sinngebung des Daseins.

Die Arbeit wird im Gegensatz zum Spiel als etwas sehr Ernsthaftes angesehen. Je beschäftigter ein Mensch sich zu geben weiß, umso hoher steht er im Kurs. Exupéry widersetz sich dieser Wertung, wenn er seinen „kleinen Prinzen“ auf seiner Reise zur Erde einige winzige Planeten besuchen läßt und dabei die Begegnung mit einem von seiner Arbeit besessenen Menschen beschreibt:

Text:
aus Antoine de Saint-Exupéry: „Der kleine Prinz“:

Der vierte Planet war der des Geschäftsmannes. Dieser Mann war so beschäftigt, daß er bei der Ankunft der kleinen Prinzen nicht einmal den Kopf hob.

»Guten Tag«, sagte dieser zu ihm. »Ihre Zigarette ist ausgegangen.«

»Drei und zwei ist fünf. Fünf und sieben ist zwölf. Zwölf und drei ist fünfzehn. Guten Tag. Fünfzehn und sieben ist zweiundzwanzig. Zweiundzwanzig und sechs ist achtundzwanzig. Keine Zeit, sie wieder anzuzünden. Sechsundzwanzig und fünf ist einunddreißig. Uff! Das macht also fünfhunderteine Million, sechshundertzweiundzwanzigtausendsiebenhunderteinunddreißig.«

»Fünfhundert Millionen wovon?«

»Wie? Du bist immer noch da? Fünfhunderteine Million von… ich weiß nicht mehr… ich habe so viel Arbeit! Ich bin ein ernsthafter Mann, ich gebe mich nicht mit Kindereien ab. Zwei und fünf ist sieben…«

»Fünfhunderteine Million wovon?« wiederholte der kleine Prinz, der niemals in seinem Leben auf eine Frage verzichtete, die er einmal gestellt hatte.

Der Geschäftsmann hob den Kopf.

»In den vierundfünfzig Jahren, die ich auf diesem Planeten wohne, bin ich nur drei Mal gestört worden. Das erste Mal war es vor zweiundzwanzig Jahren ein Maikäfer, der von weiß Gott wo heruntergefallen war. Er machte einen schrecklichen Lärm, und ich habe in einer Addition vier Fehler gemacht. Das zweite Mal, vor elf Jahren, war es ein Anfall von Rheumatismus. Es fehlt mir an Bewegung. Ich habe nicht Zeit, herumzubummeln. Ich bin ein ernsthafter Mann. Und das ist nun das dritte Mal! Ich sagte also, fünfhunderteine Million…«

»Millionen wovon?«

Der Geschäftsmann begriff, daß es keine Aussicht auf Frieden gab:

»Millionen von diesen kleinen Dingern, die man manchmal am Himmel sieht.«

»Fliegen?«

»Aber nein, kleine Dinger, die glänzen.«

»Bienen?«

»Aber nein. Kleine goldene Dinger, von denen die Nichtstuer träumerisch werden. Ich bin ein ernsthafter Mann. Ich habe nicht Zeit zu Träumereien.«

»Ach, die Sterne?«

»Dann sind es wohl die Sterne.«

»Und was machst du mit fünfhundert Millionen Sternen?«

»Fünfhunderteine Million sechshundertzweiundzwanzigtausensiebenhunderteinunddreißig. Ich bin ein ernsthafter Mann, ich nehme es genau.«

»Und was machst du mit diesen Sternen?«

»Was ich damit mache?«

»Ja.«

»Nichts. Ich besitze sie.«

»Du besitzt die Sterne?«

»Ja.«

»Aber ich habe schon einen König gesehen, der…«

»Könige besitzen nicht, sie ‚regieren über‘. Das ist etwas ganz anderes.«

»Und was hast du davon, die Sterne zu besitzen?«

»Das macht mich reich.«

»Und was hast du vom Reichsein?«

»Weitere Sterne kaufen, wenn jemand welche findet.«

Der da, sagte sich der kleine Prinz, denkt ein bißchen wie mein Säufer.

Indessen stellte er noch weitere Fragen:

»Wie kann man die Sterne besitzen?«

»Wem gehören sie?« erwiderte mürrisch der Geschäftsmann.

»Ich weiß nicht. Niemandem.«

»Dann gehören sie mir, ich habe als erster daran gedacht.«

»Das genügt?«

»Gewiß. Wenn du einen Diamanten findest, der niemandem gehört, dann ist er dein. Wenn du eine Insel findest, die niemandem gehört, so ist sie dein. Wenn du als erster einen Einfall hast und du läßt ihn patentieren, so ist er dein. Und ich, ich besitze die Sterne, da niemand vor mir daran gedacht hat, sie zu besitzen.«

»Das ist wahr«, sagte der kleine Prinz. »Und was machst du damit?«

»Ich verwalte sie. Ich zähle sie und zähle sie wieder«, sagte der Geschäftsmann. »Das ist nicht leicht. Aber ich bin ein ernsthafter Mann.«

Der kleine Prinz war noch nicht zufrieden.

»Wenn ich einen Seidenschal habe, kann ich ihn um meinen Hals wickeln und mitnehmen. Wenn ich eine Blume habe, kann ich meine Blume pflücken und mitnehmen. Aber du kannst die Sterne nicht pflücken!«

»Nein, aber ich kann sie in die Bank legen.«

»Was soll das heißen?«

»Das heißt, daß ich die Zahl meiner Sterne auf ein kleines Papier schreibe. Und dann sperre ich diese Papiers in eine Schublade.«

»Und das ist alles?«

»Das genügt.«

Das ist amüsant, dachte der kleine Prinz. Es ist fast dichterisch. Aber es ist nicht ganz ernst zu nehmen.

Der kleine Prinz dachte über die ernsthaften Dinge völlig anders als die großen Leute.

»Ich«, sagte er noch, »ich besitze eine Blume, die ich jeden Tag begieße. Ich besitze drei Vulkane, die ich jede Woche kehre. Denn ich kehre auch den erloschenen. Man kann nie wissen. Es ist gut für meine Vulkane und gut für meine Blume, daß ich sie besitze. Aber du bist für die Sterne zu nichts nütze…«

Der Geschäftsmann öffnete den Mund, aber er fand keine Antwort, und der kleine Prinz verschwand.

Die großen Leute sind entschieden ganz ungewöhnlich, sagte er sich auf der Reise.

Musik:
Paul Hindemith,
Kleine Kammermusik für Bläserquintett op 24.2 (1’50’’)

Wenn es mit der Ernsthaftigkeit der Arbeit nicht immer so weit her ist, wie es im Falle des Geschäftsmannes, der Sterne wie Banknoten zählt, deutlich wurde, dann können wir uns jetzt der Frage zuwenden, ob nicht im Spiel hinlänglich Ernst enthalten ist; denn davon hängt es ab, ob wir das Leben als Spiel betrachten dürfen.

Der vordergründige Eindruck, Spiel stehe im Gegensatz zum Ernst, kann bei näherem Zusehen nicht bestehen bleiben. Wer ein Kind beim Spielen beobachtet, der wird erstaunt sein, wie ernsthaft sich das Kind dem Spiel hingibt. Bisweilen verletzen Eltern das kindliche Gemüt, weil sie das Spiel ihres Kindes als Kinderei werten, als Ablenkung des Kindes von wirklich bzw. vermeintlich ernsterer Beschäftigung. Nicht viel anders ist es, wenn Erwachsene spielen. Ein typisches Beispiel sind Schachspieler, die über ihrem Spiel Zeit und Umwelt vergessen. Sie sind ihm völlig hingegeben. Die gesamte Persönlichkeit ist in das Spielen einbezogen und in Beschlag genommen. Nehmen wir noch die Musik hinzu, so wissen wir, daß man sich ein Leben lang in allem Ernst damit befassen kann.

Überdies ist das Spiel von allergrößter Wichtigkeit für den Einzelnen und die Gesellschaft. Beim kleinen Kind ist das leicht nachweisbar und allgemein anerkannt. aber auch für den Erwachsenen und die Gemeinschaft ist es unentbehrlich. Daher begegnet man überall im Leben dem Spiel in vielfältigster Form. Dichtung, Musik und Kunst, Wissenschaft und Forschung, Sport und Kommunikation, ja sogar das Geschäftsleben und die Rechtsordnung haben ihre Wurzeln im spielerischen Handeln. Man kann diese Behauptung nachweisen, sobald man alte Kulturen daraufhin untersucht.

Aber auch in unserer Kultur läßt sich das Spielerische leicht auffinden. Nehmen wir nur zwei Ereignisse aus dem letzten Jahr, mit denen sich die Welt intensiv beschäftigt hat; Die olympischen Spiele und der Flug zum Mond. Der Wettkampf ist eine urtümliche Form des Spielens, das, wie bei der Olympiade noch ganz deutlich wird, aus dem religiösen Bereich stammt; wurden doch die olympischen Spiele zu Ehren des Göttervaters Zeus abgehalten. Diesen religiösen Ursprung erahnt man noch bei den Eröffnungs- und Abschlußfeiern der heutigen Olympiaden. Hier auch zeigt sich der Ernst, der dieser Veranstaltung beigemessen wird.

Nicht ganz so auf der Hand liegt das Spielmoment bei den Weltraumunternehmungen. Niemand konnte mir bisher einsichtig machen, daß es notwendig wäre, auf dem Mond zu landen. Ich weiß wohl um die bedeutsamen und wichtigen wissenschaftlichen Ergebnisse, die revolutionierenden technischen Neuerungen, die sich aus diesen Unternehmungen ergeben. Sie sind aber mehr die Nebenprodukte, die mit abfallen, und nicht die Hauptsache. Hier liegt im Letzten der unausrottbare Forschungsdrang des Menschen vor, der keinen Aufwand scheut, um seine Entdeckerlust zu befriedigen. Diese Freude am Entdecken hat ihren Sinn in sich und bedarf keines besonderen Zweckes. Das ist aber gerade das Kennzeichen des Spiels. Daß es weitgehend ein Spiel ist, wird noch unterstrichen durch den regelrechten Wettkampf, in den die beiden Supermächte mit der Weltraumforschung eingetreten sind.

Zuschauer und Richter in dem Kampf ist die Weltöffentlichkeit. Unmittelbar beteiligt an der Vorbereitung und Durchführung der Weltraumspiele sind ganze Industriezweige mit Tausenden und Abertausender von Beschäftigten: also auch hier ein recht ernstes Spielen! Man hat den Mondflug sogar auf die Höhe eines heiligen Spieles gehoben, als die drei Astronauten bei einer ihrer letzten Mondumkreisungen den biblischen Bericht von der Erschaffung der Welt als Weihnachtsbotschaft in’s Universum ausstrahlten.

Forschung, Spiel, Ernst und Religiosität gehen eine Verbindung ein, wie sie bereits vorgezeichnet ist an einer Stelle des Alten Testamentes, die in anderen Worten wie der Schöpfungsbericht von der Weisheit spricht, mit der Gott alles geschaffen hat.

Lesung:
Sprüche 8,23-31

Ich ward vor aller Zeit gebildet,
von Anbeginn, vor den Uranfängen der Erde.

Ward hervorgebracht, als die Urfluten noch nicht waren,
noch nicht die Quellen wasserreich.

Bevor die Berge gegründet waren,
vor den Hügeln ward ich hervorgebracht.

Als er das Land und die Fluren noch nicht gemacht,
nicht die ersten Schollen der Erde.

Ich war dabei, als er den Himmel erstellte,
einen Kreis in die Fläche der Urflut zeichnete.

Als er oben die Wolken befestigte,
die Kraft der Urquellen bestimmte.

Als er dem Meer seine Grenzen setzte,
daß die Wasser nicht sein Geheiß übertraten;
als er die Festen der Erde umriß:

Da war ich der Liebling an seiner Seite,
war Tag für Tag das Ergötzen,
indem ich die ganze Zeit vor ihm spielte.

Da spielte ich auf dem weiten Rund seiner Erde
und hatte mein Ergötzen mit den Menschenkindern.

Hier ist die Rede vom Spiel der göttlichen Weisheit. Die Erschaffung der Welt wird zu einem spielerischen Geschehen; denn, daß Gott die Welt erstehen ließ, ist von keiner Notwendigkeit diktiert. Die Welt muß nicht da sein. Sie muß auch nicht so sein, wie sie jetzt ist. Ist sie aber dennoch da und ist sie gerade so, dann geht dies zurück auf die künstlerische Intuition eines Schöpfers, der aus der Fülle des Möglichen einen derartigen Entwurf verwirklichte. Diese spielerische Freiheit läßt die Existenz der Welt zwar zwecklos erscheinen, macht sie aber andererseits höchst sinnvoll. Damit wird der Schöpfer zu einem spielenden Gott, seine Schöpfung zu einem einmaligen Spielzeug.

Der Mensch, der an der Schöpfertätigkeit Gottes teilhat, darf demnach nicht nur ein Spielender, sondern muß es sogar sein. Sein Spiel strebt danach, sich dem Schöpfer anzugleichen, der sein Werk mit göttlichem Ernst aber auch mit heiterer Gelassenheit vollzieht.

Der Ernst kommt daher, daß der Mensch die Welt, sein Dasein und seine Arbeit als sinnvoll annehmen darf; die Gelassenheit daher, daß er alles als nicht notwendig ansieht. So liebt er die Welt und belächelt sie gleichzeitig. Er kennt ihre Schönheit und Bedeutung, gleichermaßen aber auch ihre Grenzen. „Den Schlaf der Nacht verkürzen“, sagt ein unbekannter Mönch aus dem Osten, „und die Stunden des Tages auskaufen und sich selbst nicht schonen, und dann begreifen, all das ist Spiel – ja das ist Ernst!.“

Während es anfänglich so aussah, als stehe das Spiel im Gegensatz zur Arbeit, zeigt sich jetzt, daß das Spiel die Arbeit mit einbegreift. Das war eigentlich immer schon so, denn die gesellschaftlichen Einrichtungen, die wir bisher kennen, lassen sich als ein kompliziertes Spiel betrachten, in dem als Preis zumeist Reichtum und Macht ausgesetzt sind. Dieses Spiel hat bislang zu krassen Unterschieden zwischen arm und reich geführt. Vielleicht gibt es für die Zukunft bessere Spiele. Sie werden bereits geplant. Dabei stellt man sich vor, daß man etwa als großes Ziel des Spielens die Erkenntnis der gesamten Wirklichkeit aufstellt. Die Welt würde zu einer großen Universität, in der alle nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten einen Forschungsbeitrag leisteten.

Vielleicht sind wir bereits auf dem Wege, dieses Spiel zu betreiben. Die Weltraumforschung könnte ein Anfang sein. Ist doch kaum ein Mensch in der zivilisierten Welt, der sich nicht mit den einschlägigen Fragen beschäftigte. Dieses Spiel hat allerdings bisher noch einen ganz erheblichen Nachteil: Es wird gespielt auf Kosten eines Großteils der Menschheit, der das Existenzminimum fehlt. Es müßten also erst noch einige andere „Spiele“ auf der Erde durchgespielt werden, die darauf abzielten, die sozialen und wirtschaftlichen Spielregeln zugunsten der Gesamtheit zu verändern.

Erst dann wird man das „Spiel des Universums“, wie man es nennen kann, mit menschlichem Anstand weiterführen dürfen, erst dann ist es ein faires Spiel. Dieses Spiel ist dem Geiste des Menschen höchst angemessen; es entspricht seinem Drang nach Erkenntnis, die an kein Ende kommt; das Spielzeug „Universum“ ist von seinem Erfinder als groß genug konzipiert worden.

Gebet:

Herr, Du bist ein, spielender Gott,
der die Welt als großes Spielzeug geschaffen hat,
und uns als Mitspieler.

Es ist keine Spielerei,
Deinen überraschenden Einfällen nachzuspüren.

Unser ganzer Einsatz ist in diesem Spiel gefordert.
Jeder hat seinen Part zu spielen,
streng nach den Spielregeln.

Niemand darf von diesem Spiel ausgeschlossen werden.
Du hast es als Spiel aller gewollt.

Bewahre uns vor tödlichem Ernst und sinnloser Narretei.

Mache uns wert des endgültigen Spieles in Deiner Nähe.

Musik:
Hindemith, Bläserquintett (3’55“)


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