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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1973 :::

DER BISCHOF VON LIMBURG
– Pressekonferenz –

TAG DER CARITAS
13. September 1973

Trifft der Sozialdienst der Kirche die Situation der Ausländer?

Entwurf: Herbert Leuninger

Nachdem heute morgen mehr die grundsätzlichen Aspekte der kirchlichen Sozialarbeit für die Ausländer behandelt wurden, möchte ich Ihnen in dieser Pressekonferenz einige Daten vorlegen und Sie über Maßnahmen, Versuche und Tendenzen der Ausländerarbeit im Bistum Limburg informieren.

Die Tatsache, daß zu meiner Diözese das Rhein‑Main‑Gebiet mit Frankfurt und Wiesbaden, aber auch Wetzlar und seine Großindustrie gehören, stellt uns als Kirche in das Zentrum der Ausländerproblematik.

I. Katholische Ausländer im Bistum Limburg

Unter den Ausländern, die im Bereich des Bistums Limburg wohnen, gibt es wenigstens 120.000 katholische Christen. Sie stellen damit etwa 13 % der Katholiken im Bistum. An der Spitze stehen die Italiener mit 46.000. Ihnen folgen die Spanier mit 29.000, die katholischen Jugoslawen aus Kroatien und Slowenien&xnbsp; mit 28.000. Die Zahl der Portugiesen nimmt immer mehr zu. Sie beläuft sich mittlerweile auf 6.300.

Unter uns leben aber auch Studenten, Praktikanten und Krankenschwestern aus der Dritten Welt. Verantwortlich fühlen wir uns ebenfalls für die Christen aus 0steuropa, die aus politischen oder religiösen Gründen ihre Heimat verlassen haben.

Nicht zuletzt zählen zu uns viele Angestellte, Wirtschaftsleute und Wissenschaftler, die aus den verschiedensten Industrienationen&xnbsp; nach Deutschland gekommen sind.

II. Ausländerpfarrer und Sozialarbeiter für Ausländer

13 Nationen bzw. Nationalitätengruppen haben eigene Pfarrer; insgesamt sind 35 ausländische Pfarrer im Bistum tätig. Sozialberater sind für 6 Nationen vorhanden, und zwar 25.

Mit den ausländischen Schwestern, den Kindergärtnerinnen und den Verwaltungsangestellten stehen 88 Personen unmittelbar in der Ausländerarbeit.

III. Beratungsstellen, Zentren und Begegnungsstätten

Es gibt in der Diözese 16 Beratungsstellen, von denen aus in 20 Fällen auch an Aussenstellen Sprechstunden abgehalten werden. Einige der Beratungsstellen sind mit den neun Ausländerzentren gekoppelt, in denen sich neben den Büros der Pfarrer Räume zur Schulung und Freizeitgestaltung befinden. In drei Fällen ist ihnen auch ein eigener Kindergarten angeschlossen. Zu den Zentren müssen noch sechs weitere Begegnungsstätten hinzugerechnet werden. Im Laufe dieses oder des nächsten Jahres sollen sieben weitere Zentren bzw. Begegnungsstätten eröffnet werden.

Es besteht die Absicht auch in den Städten und Gemeinden, wo höchstens 200 ‑ 300 Angehörige einer bestimmten Nationalität leben, diesen die Möglichkeit zu verschaffen, sich untereinander zu treffen. Solche Begegnungsstätten&xnbsp; sind ein guter Ansatzpunkt für die notwendige Selbstorganisation der Ausländer.

IV. Finanzielle Aufwendungen 1973

Die direkten finanziellen Aufwendungen für Personal, Räume und Sachkosten in der Ausländerarbeit des Bistums liegen für das Jahr 1973 bei&xnbsp; 3,5 Millionen DM.

V. Anzahl und Art der Beratungen

Im Laufe der letzten 12 Monate (v. Juni 1972 ‑ Juli. 1973) wurden von den Sozialberatern viele Tausend Beratungen durchgeführt. 10 bis 20 Ratsuchende wandten sich täglich an die einzelnen Sozialberater. Bei der einen oder anderen Stelle sind es 40 und mehr. In der eben genannten Zahl sind nicht die in die Tausende gehenden Beratungen ausgeführt, die für den sozialen Bereich auch auf die ausländischen Pfarrer entfallen.

Die Beanspruchung der Sozialberater ist so umfangreich und vielseitig, daß der Einsatz weiterer Beratungskräfte unerlässlich wird. Die Synodenvorlage geht davon aus, daß für 2.000 bis 3.000 Ausländer je ein Sozialberater zur Verfügung stehen müßte. Immer notwendiger wird es auch, die Sozialberater für ihre Tätigkeit noch besser zu qualifizieren.

Interessanterweise stehen an der Spitze der Sozialberatung Familien‑ und Jugendprobleme. Damit fallen die arbeitsrechtlichen Fragen auf den zweiten Platz zurück. An dritter Stelle liegt die immer noch zeitraubende Übersetzungstätigkeit und die Erledigung der Korrespondenz. Weiterhin zeigt die Statistik, daß von 100 Ratsuchenden sich 11 in Wohnungsangelegenheiten, 10 in finanziellen Fragen und je 8 mit Problemen des Aufenthaltsrechts und der Schule an die Sozialberater wenden.

VI. Veranstaltungen

Neben der Hilfe im Einzelfall gewinnen Gruppenarbeit und Veranstaltungen immer mehr an Bedeutung. Letztere werden&xnbsp; in vielen Fällen&xnbsp; mit den Ausländer-Pfarrern zusammen durchgeführt. So fanden in den vergangenen 12 Monaten 514 kulturelle Veranstaltungen und Bildungsmaßnahmen statt. Daran nahmen ungefähr 21.65O Personen teil. Bei 610 sonstigen, nicht zuletzt geselligen Zusammenkünften wurden mehr als 18.900 Besucher registriert. 320 ausländische Arbeitnehmer besuchten die 19 angebotenen Deutschkurse.

Die intensive und kontinuierliche Arbeit mit informellen und formellen Gruppen muß in der Sozialarbeit künftig noch stärker betont werden.

VII. Ausländische Kinder in den Kindergärten

Am 1. Januar 1973 besuchten 1.110 ausländische Kinder Kindergärten in katholischer Trägerschaft. Was die Empfehlung des Diözesan‑Synodalrates angeht, jedes ausländische Kind wenigstens für ein Jahr in einen deutschen Kindergarten aufzunehmen, können wir davon ausgehen, daß es sich um eine realistische Zielsetzung handelt.

Im Jahresbericht 1972 des Hessischen Sozialministers ist angegeben, daß in der Region Rhein‑Main‑Taunus für 58 % der Kinder ein Kindergartenplatz zur Verfügung steht. Wenn die Träger unserer Kindergärten der Empfehlung entsprechen, und sich auch die Träger aller anderen Kindertagesstätten hiervon anregen lassen, könnte jedes ausländische Kind mit ausreichenden Sprachkenntnissen eingeschult werden. Die gesamte Frage wird für die Zukunft noch bedeutsamer, wenn man sich vor Augen hält, daß 1972 in Hessen 16% der Geburten auf Ausländer entfielen, in Frankfurt sogar 35 %.

Im Zusammenhang mit der genannten Empfehlung ist ein Versuch zu sehen, der Anfang 1974 an drei Stellen in Frankfurt gestartet werden soll. Hier geht es darum, ausländische und deutsche Kinder, für die bislang kein Kindergartenplatz zur Verfügung stand, in besondere Spielgruppen zusammenzufassen, bei denen besonderer Wert auf Sprachförderung gelegt wird. Vom Ausgang dieses Experimentes wird es abhängen, ob ähnliche Förderungsmaßnahmen auf das Bistum ausgedehnt werden.

VIII. Hausaufgaben-Hilfe

Verstärkt werden sollte eigentlich auch die vom Land Hessen großzügig unterstützte Hausaufgaben‑Hilfe. 1972 gab es im Bistum 132 Helfer, die 971 ausländische Schüler bei den Hausaufgaben unterstützten. Wichtig hierbei wäre auch die Zusammenarbeit mit den Eltern. Daher dürften Erfahrungen von Interesse sein, die die Leiterin des Familienbildungswerkes Frankfurt, Frau Dr. Gebhardt, im Zusammenhang mit einer Spiel‑ und Lernstube, bei einer gezielten Arbeit für ausländische Eltern macht.

IX. Die Gleichstellung der Ausländer

Weil man sich so schwer damit tut, den Ausländern das aktive und passive Wahlrecht zu geben, möchte ich darauf hinweisen, daß in unserer Diözese die prinzipielle Gleichstellung des ausländischen Gemeindegliedes mit dem deutschen insofern unterstrichen wird, als die ausländischen Christen das aktive und passive Wahlrecht für die Pfarrgemeinderäte besitzen. Von diesem Recht haben viele von ihnen bei der letzten Wahl Gebrauch gemacht.


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