Generic selectors
Nur exakte Ergenisse
Suchen in Titel
Suche in Inhalt
Post Type Selectors
HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV BUCHBESPRECHUNG 1970 ::: ARCHIV KIRCHE 1970 :::
Buchbesprechungen 21. Dezember 1970

Buchbesprechungen
kath. Theologie und Kirche

Elisbeth Gerstner (Hrsg.)
Die katholische Traditionalistenbewegung
Eine Selbstdarstellung
Zürich – Einsiedeln – Köln, 1970, 111 Seiten

Die Verfechter kirchlicher Tradition haben auf der Ebene der Publizistik keine Chancengleichheit. Sie müssen sich deshalb ihre eigenen Publikationsorgane schaffen bzw. auf solche ausweichen, denen keine sonderliche Bedeutung zukommt. Daher wirkt es geradezu als ein Akt verlegerischer Fairneß, wenn der Benziger-Verlag eine Selbstdarstellung der katholischen Traditionalistenbewegung in die Reihe kritischer Texte aufnimmt. Vermutlich ist diese Reihe als ein Forum gedacht, auf dem sich die unterschiedlichsten Auffassungen artikulieren sollen. Um aber ein solches Forum ernst nehmen zu können, bedarf es wohl qualifizierterer Stimmen als die, welche in besagter Selbstdarstellung zu Wort kommen. Handelt es sich doch dabei um Texte, die nicht nur guten Geschmack vermissen lassen, sondern auch ans Pathologische grenzen. Nachdem den Bischöfen vorgeworfen wird, sie buhlten in der Öffentlichkeit um die Sympathie der Reformer, während sie hinter vorgehaltener Hand den Traditionalisten Erfolg wünschten, heißt es wörtlich: „Der Ekel über diese weitverbreitete Feigheit der Hierarchie erklärt übrigens die häufigen Entgleisungen im Umgangston mit Papst und Bischöfen auf unserer Seite. Mit andern Worten, wir wissen, wovon wir sprechen, wenn wir sie ‚Mietlinge‘, ‚Wölfe in Schafspelzen’ oder gar ‚Judasse‘ titulieren.“ Das Konzil ist schuld an der Revolution, dem Chaos, dem Wildwuchs, der Subversion und Destruktion all dessen, was von den Traditionalisten als heilig angesehen wird. Sie kommen sich vor als Widerstandskämpfer, deren frömmste sogar die Auffassung vertreten, Papst Paul VI sitze nicht rechtmäßig auf seinem Thron. Die Konzilskirche sei schismatisch, und man solle dieser Kirche ab sofort die Kirchensteuer verweigern. Der Gipfel der Geschmacklosigkeit wird in diesem Zusammenhang mit dem Rat erreicht, den Ortspfarrer in der Beichte von diesem Schritt zu unterrichten; er sei dann in besonderer Weise zum Schweigen verpflichtet!

Verstehen lassen sich diese Äußerungen nur als Verzweiflungsschreie von Menschen, die sich von der Kirche verraten fühlen, die total überfordert sind „angesichts der Agonie“- so wörtlich – „unserer gestern noch gesunden Mutter, der Kirche.“


Karl Guido Rey
Pubertätserscheinungen in der katholischen Kirche
Zürich – Einsiedeln – Köln, 1970, 70 Seiten

Wo die Traditionalisten von dem Todeskampf der Mutter Kirche sprechen, diagnostiziert der Psychotherapeut Karl Guido Rey die Pubertierung der „Großmutter“: Und dies sei nicht die erste Pubertät, in die die Kirche in ihrer langen Geschichte geraten sei. Er sieht diese Pubertät als eine wichtige Phase der Entwicklung an, von der insbesondere die Priester betroffen seien. Ihnen widmet Rey mit dem Bändchen Nummer vier der Kritischen Texte unter dem Titel „Pubertätserscheinungen in der katholischen Kirche“ seine besondere Aufmerksamkeit. Mit dem Vokabular der Tiefenpsychologie vermag er den Priestern einen Spiegel vorzuhalten, der zu wirksamerer Besinnung anleiten könnte als viele Exerzitien. Das vielfache Aufbäumen gegen die kirchliche Obrigkeit ist für ihn ein Anzeichen der unbewältigten Ödipusproblematik. Der Wunsch, den Papst zu beseitigen, gehe einher mit dem Versuch, sich selbst an seine Stelle zu setzen. „Sie kommen mir vor“, schreibt er an der betreffenden Stelle, „wie kleine Buben, die sich Papas Hut anziehen!“ Auch glaubt er festgestellt zu haben, daß viele Priester eine überstarke Mutterbindung besitzen. Dazu heißt es bei Rey: „Die Loslösung von der Mutter wurde von vielen Priestern – es sind vornehmlich die heute pubertierenden – nicht vollzogen. Die Übertragung der Mutterbindung auf die Kirche war nur eine vermeintliche Lösung, eine Notlösung.“ „Die Kirche ist keine Mutter. Und Papst und Bischöfe sind keine Väter. Diese Anschauungsweise ist ein Infantilismus. Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die an Christus glauben.“ Soweit Rey.

Rey hat die progressiven Priester auf’s Korn genommen. Selbst wohl konservativ hat er ihnen damit einen wichtigen Dienst geleistet. Allerdings scheinen die Traditionalisten seiner Analyse nicht weniger zu bedürfen!


Nach oben