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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV BUCHBESPRECHUNG 1972 ::: ARCHIV KIRCHE 1972 :::
Buchbesprechung 1972

Buchbesprechung
kath. Theologie und Kirche

Gaston Richolet
KIRCHE DEINE HEILIGEN
Würzburg, 1971, 192 Seiten

Wie wir von vielen Meistern des Mittelalters, die in frommem Geist ihre Tafelbilder malten, die Namen nicht kennen, so bleibt in unseren Tagen ein Theologe ungenannt, der unter dem Pseudonym Gaston Richolet seine „Heiligenbildchen“ zeichnet, biographische Miniaturen großer Christen. Ist es sein unzeitgemäßes Heimweh nach den Heiligen und ihrer Verehrung, was den Verfasser hindert sich nennen zu lassen? Oder versteckt sich der Autor hinter einem falschen Namen, weil er wegen der ironischen bis sarkastischen Kritik an einem einseitigen katholischen Heiligenkult um seine Reputation als theologischer Schriftsteller fürchtet? Vielleicht ist es beides. Jedenfalls wirkt bereits der Titel des Büchleins „Kirche, deine Heiligen“ wie der ambivalente Seufzer eines Menschen, der trotz kritischer Distanz zu vielen Phänomenen der Heiligenverehrung sich eine tiefe Beziehung zu den vorbildlichen Gestalten der Kirchengeschichte bewahrt hat.

„Was ist menschlicher“, so verteidigt er die Heiligenverehrung, „als die Toten zu ehren? Welches Volk möchte sich erlauben seine großen Toten zu ignorieren? Jeder hält es für richtig und förderlich, daß sie in Denkmälern, Schriften, Reden und Gedenktagen unter uns fortexistieren.“

Diese Auffassung hindert Richolet nicht daran, den überlieferten – wenn auch jetzt arg zusammengestrichenen – Heiligenkathalog ideologiekritisch zu durchleuchten. Aus der Tatsache, daß die kirchliche Hierarchie der Päpste, Kardinäle, Bischöfe und Äbte zahlenmäßig stark vertreten ist, entsteht die Frage, ob sich die kirchlichen Machtstrukturen nicht allzu sehr mit dem Nimbus der Heiligkeit umgeben haben. Demgegenüber sind nicht nur die Frauen, zumal die verheirateten, schlecht repräsentiert, sondern einfachhin die überwältigende Mehrheit des Kirchenvolkes.

Wenn die Heiligen Inbegriff christlicher Ideale sind, sollten wir uns auch nach heutigen Heiligen umsehen. Richolet nennt entsprechende Namen, wie Charles de Foucauld, den Gründer der Gemeinschaft der Kleinen Brüder und Schwestern Jesu, Alfred Delp, den von den Nationalsozialisten hingerichteten Jesuiten, Pfarrer Bonhoeffer, dem das gleiche Schicksal widerfuhr, Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi, oder als Leitbilder für die moderne Jugend Camilo Torres und Che Guevara. Wenn der Autor ihnen keine Chance einräumt, im üblichen Sinne heiliggesprochen zu werden, liegt hier vielleicht die härteste Kritik an einer überholten Heiligenverehrung.

Als besonderer Verehrer des schelmischen römischen Heiligen Philipp Neri spart Richolet nicht mit geistreichen und parodistischen Seitenhieben auf überzogene kirchliche Äußerungen Heiliges und Heilige betreffend. Als Persiflage bringt er die Aufzählung der Zuständigkeiten zahlloser Schutzheiligen, ruft zu einer Liga für die Heiligen (Liga pro sanctis) auf und zitiert als Blütenlese Liedtexte aus neuen Gesangbüchern. Ein doppelbödiger Appell an die Heiligen schließt folgendermaßen: “ Ihr Charismatiker, steht uns bei im Ringen mit einer Kirche der Beamten und Bürokraten, die alle Regungen des Heiligen Geistes unterdrücken wollen! Ihr Vorläufer eurer Zeit, laßt nicht zu, daß die Kirche ins Hintertreffen gerate! Heiliger Peter und Paul, stürzt endlich die römische Kurie! Ihr Völker, hört die Signale!“


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