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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV BUCHBESPRECHUNG 1976 ::: ARCHIV KIRCHE 1976 :::
7. November 1976

Buchbesprechung
kath. Theologie und Kirche

HESSISCHER RUNDFUNK
Frankfurt/Main
2. Hörfunkprogramm (HR2)
Redaktion: Norbert Kutschki

Franz Beffart (Herausgeber)
GESCHLECHTSERZIEHUNG INTERDISZIPLINÄR
Grundlegende Informationen für Lehrer
Düsseldorf, 1976 , 170 Seiten

Weder offiziell noch offiziös ist die Veröffentlichung „Geschlechts-erziehung interdisziplinär – grundlegende Informationen für Lehrer. Dabei geht die Zusammenarbeit der acht Autoren auf einen Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz an das inzwischen aufgelöste Katholische Zentralinstitut für Ehe- und Familienfragen in Köln zurück. Das Institut sollte sich mit anderen Stellen darum bemühen, daß die Sexualerziehung in den Schulen in einer Weise geschieht, die einer christlichen Ethik angemessen ist. So machte sich eine Gruppe von Pädagogen, Psychologen, Theologen, Mediziner und Biologen unter der Federführung des damaligen Institutsdirektors Franz Beffart an die Arbeit, die sich über mehrere Jahre hinzog. Die Ergebnisse für Programme zur Lehrerfortbildung gedacht wurden kirchenamtlich nicht übernommen. Dafür hat sie der Düsseldorfer Patmos-Verlag in der Verantwortung der einzelnen Wissenschaftler herausgegeben: zum Selbststudium für Lehrer, aber auch für Erwachsenenbildner, Mitarbeiter in der Jugendarbeit und Sozialpädagogen.

Als Themen werden abgehandelt: Die moderne und traditionelle Sexualethik und -pädagogik, verhaltensbiologische und humangenetische Grundlagen menschlicher Sexualität. Weiter geht es um den Beitrag, den die Psychologie, Tiefenpsychologie und die Sozialwissenschaften zur geschlechtlichen Erziehung leisten. Schließlich wird auch der Versuch unternommen, zur Geschlechtserziehung eine zeitgerechte Moraltheologie zu entwerfen.

Die Autoren haben im Rahmen ihrer Zusammenarbeit einen breiten Konsens erreicht und dabei die Geschlechtserziehung aus christlichem Geist vor eine Fülle von Aufgaben der Analyse, Umorientierung, Normenfindung- und Begründung, der Motivation und Sinngebung gestellt. Der Pädagoge, für den wenigstens hundert verschiedene Lernziele formuliert werden, muß sich nach der Lektüre des Buches völlig überfordert fühlen.

Die wichtigste Forderung an ihn: „Der Lehrer muß seine Geschlechtlichkeit bejahen und integrieren, um sozial- und verantwortungsfähig zu werden.“ Wie weiß er, ob diese Integration bei ihm gelungen ist? Und wenn sie mißlungen ist, wer kann ihm noch helfen, Prägungen der frühen Kindheit und Pubertät zu verändern? Überdies befindet er sich in keiner besseren Situation wie seine Schüler, die, wie es an anderer Stelle heißt, „was die überzeugende Begründung ethischer Normen betrifft, von der Gesamtgesellschaft im Stich und von der kirchlichen Gemeinschaft weithin ohne Verständnis und glaubwürdige Hilfe gelassen werden.“ Deutlich wird in dem Buch die mangelnde Übereinstimmung der Wertsysteme der pluralistischen Gesellschaft mit dem des kirchlichen herausgestellt. Die Spannungen, die hierdurch in einem kirchlich orientierten Lehrer heraufbeschworen werden, verstärken sich noch einmal, wenn es darum geht, den Normierungsdruck des allgemeinen Verhaltens in sexuellen Fragen mit Normierungen in Einklang zu bringen, die aus lehramtlichen Äußerungen und der Geschichte der Kirche abgeleitet werden. Wo liegen die Möglichkeiten, diese Spannungen zu überwinden bzw. auszuhalten? Wird kirchlicherseits akzeptiert, wenn der Moraltheologe sagt, es müsse die Tatsache, „daß für die Mehrheit der verantwortlich denkenden und handelnden Christen eine Norm nicht mehr sinnvoll und ihrem Ziel dienlich erscheint, Anlaß sein, die Norm zu überprüfen und gegebenenfalls weiterzuschreiben“? Sicher nicht oder noch nicht, wenngleich die Veränderung auf diese Weise vorangetrieben wird. Hierfür haben Beffart und seine Kollegen ein Beispiel geliefert. Damit ist ihr Buch ein Stück Veränderungsstrategie, auch wenn die darin enthaltenen und vorgesehenen Bildungsprogramme für Lehrkräfte von den Bischöfen nicht abgerufen wurden.


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