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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV BUCHBESPRECHUNG 1974 ::: ARCHIV KIRCHE 1974 :::
Buchbesprechung 8. Dezember 1974

Buchbesprechung
kath. Theologie und Kirche

Gerhard Adler
Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde…
Parapsychologie – Okkultismus – Religion
Frankfurt, 1974, 198 Seiten

Daß Spuk, Poltergeister, Besessenheit, Hellsehen, Vorauswissen und Telepathie einer Wissenschaft – näherhin der Parapsychologie zugeordnet werden, ist eine wichtige – wenn auch nicht unumstrittene – Vorentscheidung darüber, daß man derartige Phänomene als gegeben annimmt. Damit können sie nicht mehr einfach der Welt des Betruges oder der Selbsttäuschung zugewiesen werden. Es handelt sich vielmehr um Vorgänge, die nach bestimmten, erforschbaren Gesetzen ablaufen und teilweise sogar im Laboratorium wiederholt werden können.

Eine nicht minder grundsätzliche Entscheidung ist damit gefallen, daß diese außergewöhnlichen Ereignisse einem Grenzgebiet der Psychologie, eben der Para-Psychologie, zugeordnet sind. Als bisher plausibelste Erklärung, die allerdings auch nicht allzuviel austrägt, gelten unbewußte und unbekannte Kräfte des Seelischen. Damit ist gegen den überlieferten Erklärungsversuch Front gemacht, für das Okkulte seien außerirdische Geister oder Verstorbene aus dem Jenseits verantwortlich.

Gerhard Adler, der in seinem Buch „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde…“ eine Lanze für die Wissenschaftlichkeit der Parapsychologie bricht, geht davon aus, daß die Tatsächlichkeit okkulter Vorgänge zwar unbestreitbar ist, in ihrer Deutung und Erklärung bislang aber nur geringe Fortschritte gemacht werden konnten. Die wissenschaftliche Arbeit auf diesem Gebiet bezeichnet der Autor als eine sehr heikle Angelegenheit, weil sie sich ebenso von den radikalen Leugnern der Tatbestände wie auch von unkritisch Gläubigen absetzen muß.

Adler, der umfangreiches Material über Definition, Erklärung und Bedeutung des Okkultismus zusammengetragen hat, will nicht nur über den derzeitigen Stand der Diskussion informieren, sondern auch die weltanschauliche Bedeutung der geheimnisvollen Grenzerfahrungen herausstellen. Das naturwissenschaftliche Weltbild steht in Frage, wenn es feststellbare Tatsachen gibt, für deren Vorhandensein keine bestimmte Kraft oder Energie angegeben werden können. Das Prinzip, für jede Wirkung müsse es eine Ursache geben, gerät ins Wanken. Die Philosophen müssen sich nach dem Verhältnis von Materie und Geist, Körper und Seele fragen lassen. Wenn ein Mensch zukünftige Dinge voraussagen kann, wie steht es dann um unseren Zeitbegriff? Was ist mit der menschlichen Willensfreiheit? Die Theologen stehen – nach Adler – u.a. vor der Frage, wie das Jenseits in unsere Welt hineinragt, und in welcher Form es das Weiterleben nach dem Tode gibt.

Auf der ganzen Welt macht sich ein brennendes Interesse am Okkulten bemerkbar. Wie ist das zu bewerten? Als Suche nach Lebenssinn? Als Ausgleich für die Verkümmerungen rationaler Lebensweise? Als Möglichkeit der Bewußtseinserweiterung? Als Bestätigung für ein persönliches Weiterleben nach dem Tod? Als Gegengewicht für das Ungenügen an einer Konsumgesellschaft? Als Überwindung der Grenzen der sichtbar-materiellen Welt? Adler trifft in diesem Zusammenhang eine bezeichnende Feststellung. In der letzten Zeit verdränge die okkulte Literatur die politischen Kampfschriften der Linken. Immerhin war diese ja angetreten, um die Entfremdung des Menschen zu überwinden. Adler glaubt, die übermäßige Konzentration auf die gesellschaftlichen Strukturen und Veränderungen habe die unmittelbaren Bedürfnisse des Individuums verdeckt. Der Okkultismus sei darauf eine Antwort. Dieser Gedanke ist zwar kein Hauptstrang des Buches, bedarf aber im Kontext einer Beschäftigung mit der Parapsychologie besonderer Aufmerksamkeit.

Vielleicht gehört der Okkultismus moderner Prägung in die gleiche Linie wie der ideologisch propagierte Konsum von Drogen und die Vorliebe für asiatische Philosopheme. Es steckt dahinter die Angst vor der Wirklichkeit, vor den Ansprüchen unserer Zeit. Man weicht aus in anomale Erlebnisse und Grenzsituationen, ein psychopathologisches Phänomen. Insofern sollte die Aufgabe der Kirche und der Theologie nicht darin bestehen, die von der Quantität und Qualität her unbedeutenden Grenzerfahrungen okkulter Vorgänge unnötig aufzuwerten, indem man sich auf ein überholtes Diesseits-Jenseits-Schema einläßt, sondern das Krankhafte der meisten dieser Erscheinungen zum Anlaß zu nehmen, Heilung und Erlösung erfahrbar zu machen. Jedwede Spekulation über ein Jenseits ist unwichtig angesichts der Frage, wo und wie sich Gottes Herrschaft bereits jetzt anzeigt. Unter diesem Aspekt ist die Beschäftigung mit sozialistischer Literatur für die Theologen immer noch wichtiger als das Studium okkulten Schrifttums. Aus dem für das Verständnis des ganzen Problemkreises wichtigen Buches sei ein Zitat von T.W. Adorno angeführt; „Die Neigung zum Okkultismus ist ein Symptom der Rückbildung des Bewußtseins. Es hat die Kraft verloren, das Unbedingte zu denken und das Bedingte zu ertragen.“


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