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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV BUCHBESPRECHUNG 1975 ::: ARCHIV KIRCHE 1975 :::
19. August 1975

Buchbesprechung
kath. Theologie und Kirche

HESSISCHER RUNDFUNK
Frankfurt/Main
2. Hörfunkprogramm (HR2)
Redaktion: Norbert Kutschki

Heinz Manfred Schulz
DAMIT KIRCHE LEBT
Eine Pfarrei wird zur Gemeinde
Mainz, 1975, 123 Seiten

Den Expeditionsbericht über ein risikoreiches Unternehmen legt dessen Initiator und Leiter zur Nachahmung vor. Beschrieben wird die erste Etappe einer Reise, an der eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft teilnimmt, und die bereits sieben Jahre dauert. Es geht um den Exodus, den Auszug einer Pfarrei weg von den Fleischtöpfen einer traditionell gesicherten religiösen Versorgung in das Gelobte Land partnerschaftlicher Gemeinschaft. Das Protokoll dieser geistlichen Expedition hat Heinz Manfred Schulz, Pfarrer einer Neubaugemeinde an der Peripherie Frankfurts, geschrieben. 5.000 Seelen sind ihm von Rechts wegen zugewiesen in einem Städtchen von 18.000 Bewohnern. Ein bescheidener alter Ortskern, der auf 1200 Jahre zurückblickt, ist umsäumt von der Skyline strukturloser Wohnmaschinen. Der Grünewald-Verlag hat für den Bericht den Titel gewählt „Damit Kirche lebt“. Aussagekräftiger ist der Untertitel: „Eine Pfarrei wird zur Gemeinde“.

Der pastorale Aufbruch sollte nicht aus der Großkirche herausführen, er hat es bislang – trotz äußerst kritischer Einstellung zur ihr – auch nicht getan. Schulz ist von dem nachkonziliaren Glauben getragen, daß diese Kirche mit ihren Pfarreien bei aller institutionellen Schwerfälligkeit reformierbar ist. Die Erfahrungen in der Pfarrei Eschborn sind ihm dafür der Beweis. Keine Sondereliten, keine Personalgemeinden, keine Gemeinschaften von Gesinnungsgenossen lösen für ihn das gesamtkirchliche Problem. Die normale Pfarrei soll sich mit Sack und Pack aufmachen, um an neuen rettenden Ufern zu landen. Das Ziel ist die Gemeinde, die sich von der Basis her in Gruppen aufbaut. Deren Glaubensgeist und Miteinander soll Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit deutlich machen.

Das Rezept in Eschborn: Gespräch und noch einmal Gespräch, naturgemäß in der überschaubaren Gruppe. Und so wird in dem Büchlein auf sehr anschauliche und eingängige Weise eine Art Theologie des Dialogs geboten, von der kirchliche Schreibtischstrategen vieles lernen könnten.

Angefangen hat der Prozeß in Eschborn mit den ersten Wahlen zum Pfarrgemeinderat. „Da kam der Gedanke auf,“ so erinnert sich Pfarrer Schulz, „könnten wir nicht alle Pfarrangehörigen zu kleinen Diskussionsgruppen einladen, um in der Pfarrei erst einmal das Gespräch untereinander in Gang zu setzen und mehr Kontakt zu schaffen?“ 350 Personen nehmen ein entsprechendes Angebot an und diskutieren in 50 Gesprächsrunden. Das große Gespräch, das mit diesem Experiment einsetzt, ist nicht mehr verstummt und hat tatsächlich Pfarrei und Pfarrer von Grund auf verändert. In welch vielseitiger Form – einen Kinderpfarrgemeinderat mit eingeschlossen – die Kommunikation gepflegt wurde, welch unterschiedliche Themen behandelt wurden, welche Folgerungen sich daraus ergeben haben, ist auf mehr als 100 Seiten nachzulesen.

Natürlich, es sind bei dem Auszug nach innen nicht Tausende in Bewegung geraten, aber doch wohl einige Hundert. Bei ihnen sind Glaube, Hoffnung und Liebe stärker geworden und tragen deutlicher bei zur Daseinsbewältigung. Ein paar Dutzend haben sich inzwischen noch enger zusammengeschlossen, und zwar zu sogenannten „Kristallisationspunkten“. Sie wollen in der Gruppe Front machen gegen eine Gesellschaft, die es ihnen durch Konsumzwang und Prestigedenken so schwer macht Christen zu sein. Wie sich abgekürzt ein „Kripu“ auswirkt, sagt ein Mitglied: „Man hat das Gefühl, der Tag wird von der Gemeinschaft mitgetragen. Man ist nicht allein. Das gibt Kraft, Sicherheit und Bereicherung.“ Der Pfarrer, nicht gerade als überschwenglich in seinen Gefühlen bekannt, bekennt in der Osterpredigt 1974: „Christus ist auferstanden, und wir sind ihm begegnet, begegnet in unserer Gemeinde. Dank sei ihm und Alleluja!“


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