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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV BUCHBESPRECHUNG 1975 ::: ARCHIV KIRCHE 1975 :::
Buchbesprechung 10. August 1975

Buchbesprechung
kath. Theologie und Kirche

Ludwig Bertsch SJ (Herausgeber)
THEOLOGIE ZWISCHEN THEORIE UND PRAXIS
Beiträge zur Grundlegung der Praktischen Theologie
Frankfurt, 1975 , 232 Seiten

Die Praktische Theologie, ein Kind der Aufklärungszeit, war über lange Zeit das Aschenputtel der Theologie. Ihre Aufgabe bestand im Wesentlichen darin, die Schoten der hohen Gotteswissenschaft aufzubrechen, um die guten Erbsen in das Töpfchen kirchlicher Praxis kullern zu lassen. Praktische Theologie als Handwerkslehre oder Amtstechnik angehender Pfarrer, vielleicht auch als Medium der Popularisierung spekulativer Theologenweisheit.

Das hat sich geändert. Inzwischen macht sich das Aschenputtel anheischig Prinzessin zu spielen, indem es im Aufwind der allgemeinen Theorie-Praxis-Diskussion den Großen der Theologie verhilft nicht den harten Boden heutiger Wirklichkeit zu verlieren und der immer drohenden Gefahr bloßen denkerischen Glasperlenspiels zu entgehen.

Kennzeichnend für den Situationswandel ist u.a. die Tatsache, dass ein Wissenschaftstheoretiker, ein Religionssoziologe, ein Neutestamentler mit dem Pastoraltheologen, dem Jesuiten Ludwig Bertsch, zusammentun, um die „Theologie zwischen Theorie und Praxis!‘ – so der Buchtitel – zu reflektieren und dabei zu versuchen, der Praktischen Theologie den ihr gemäßen Ort im Bereich der Glaubenstheorie anzuweisen.

Es gibt die Praxis von Glaube und Kirche und es gibt die dazugehörige Theorie, nämlich die Theologie. In welchem Verhältnis stehen sie zueinander, wie kommt die Theologie der Praxis zugute, wie befruchten Glaube und Liebe die theologische Theorie? Darüber läßt sich wieder eine eigene Theorie entwickeln, gewissermaßen die Theorie der Theorie. Das theoretische und praktische Bindeglied zwischen beiden Bereichen, wäre die Pastoraltheologie. Sie hat es aber, wie der Wissenschaftstheoretiker und der Neutestamentler herausstellen, mit einer besonderen Art von Praxis zu tun und mit einer besonderen Art von Theorie. Der eine findet für den Glauben den Begriff der dialogischen Praxis, der eine ursprüngliche Einheit von Theorie und Praxis einschließt. Glaube ist ein Hören, also ein theoretisches Aufnehmen, gleichzeitig aber auch ein Sprechen auf einen anderen hin, der damit in seiner Haltung verändert werden soll, also Praxis. Der andere, der Neutestamentler arbeitet heraus, daß das beginnende Christentum eine Spannung zu bewältigen hatte, die Spannung von hörendem Vernehmen der Verkündigung und dem aktiven Gestalten in der Welt. Matthäus und Lukas, Paulus und Johannes hätten jeweils ihre Antwort auf diese Spannung gesucht.

Symptom für die mangelnde Anziehungskraft heutiger Kirchen ist nach dem Soziologen, daß es in der Praxis nicht gelingt die christliche Theorie, er nennt sie Sinnwelt, wirklich zu leben. Die Praktische Theologie hätte konkrete Handlungsentwürfe zu liefern, die es dem einzelnen erlauben, die theologischen Glaubensinhalte zum innerlichen Besitz werden zu lassen, so daß sie in wirklichen Vollzügen zum Ausdruck kommen können. Das hinwiederum wird nicht gelingen, wenn die Grundvorgänge der heutigen Welt und Gesellschaft nicht in das Verstehen des einzelnen vermittelt werden. Dazu gehören die Einsicht in die Zusammenhänge der Wirtschaft und der politischen Entscheidungsprozesse, die Kenntnis der allgemeinen Weltprobleme und der Gesellschaftskritik. Es sind ethische Maximen bereitzustellen zur Bewältigung internationaler Krisen, der Umweltbelastung und des Wirtschaftswachstums. „Nur über die Beteiligung“, so heißt es an einer Stelle, “ an den allgemeinen Bemühungen zur Humanisierung der Welt kann das Maß an Autorität gewonnen werden, das nötig ist, um bei Einbringen erfahrungsunvermittelter Sinnangebote das nötige Gehör zu verschaffen.“

All das und noch vieles mehr soll die Praktische Theologie leisten. Im Grunde wird ihr in dem vorliegenden Buch fast die ganze Last der Theorievermittlung von der Theologie und von den Erfahrungswissenschaften her auf die Praxis einer noch im entscheidenden zu verändernden Kirche hin aufgebürdet. Dagegen sollte sich eine wissenschaftliche Spezialdisziplin füglich wehren, weil ihr sonst schließlich noch die Unangepaßtheit derzeitiger kirchlicher Praxis angelastet wird. Armes Aschenputtel!


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