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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV DIVERSES 1995 :::

PAX CHRISTI
Mein Austritt aus der
Katholischen Friedensbewegung

Briefwechsel

9. August 1995
Pax Christi:
„Wider einen kommentarlosen Pazifismus!“

Pax Christi
Deutsche Sektion der Katholischen Friedensbewegung
Stellungnahme des Geschäftsführenden Vorstandes
vom 9. August 1995
„Wider einen kommentarlosen Pazifismus!“

(gekürzte Fassung)

Wir räumen ein, daß unser ohnmächtiges Schweigen angesichts des bisherigen Kriegsverlaufs dazu geführt haben kann, daß wir am Leid der Zivilbevölkerung mitschuldig geworden sind. Wir halten daher um der Glaubwürdigkeit unseres Friedenshandelns willen ein künftiges militärisches Eingreifen dann für gerechtfertigt, wenn Menschen in unerträglichem Maße schutzlos der Gewalt von Aggressoren ausgeliefert sind.

1. Die neueste Eskalation des Krieges auf dem Balkan und die Flüchtlingsströme, die er ausgelöst hat, zeigen eindringlich, wie perspektivlos Krieg und Gewalt als Mittel der Konfliktlösung sind. Ein Zusammenleben von Menschen auf der Basis von Gerechtigkeit und Frieden läßt sich nicht mit militärischen Mitteln herstellen; Gewaltmaßnahmen sind vielmehr die Quelle immer neuer gewalttätiger Auseinandersetzungen. Den Krieg als Institution dauerhaft zu überwinden, ist und bleibt deshalb die zivilisatorische Herausforderung überhaupt.

2. Eine „Kultur der Gewaltfreiheit“ erfordert die systematische Suche nach zivilen, politischen Mitteln der Konfliktbearbeitung auf den Gebieten von Prävention, Mediation und Nachsorge. Sie müssen künftig zum Normalfall des Eingreifens in Krisen und Konflikten werden. Daß diese Mittel in Bosnien, Tschetschenien und anderen Konfliktregionen heute (noch) nicht zur Verfügung stehen, kann nur bedeuten, sie vorausschauend für erwartbare künftige Konfliktszenarien zu entwickeln. Förderung und Ausgestaltung von Projekten wie „Ziviler Friedensdienst“ oder ökumenische Schalomdienste müssen friedenspolitischen Vorrang bekommen.

3. Die friedenspolitische Langzeitperspektive ziviler Konfliktintervention bietet für sich allein noch keine Gewähr für kurzfristigen Erfolg. Im Balkankrieg stehen wir immer wieder vor Situationen, in denen die gewaltfreie Option rhetorisch und appelativ bleibt, weil die konkrete Gewalteskalation keinen Spielraum für gewaltfreies Handeln mehr läßt. Fast immer resultieren solche Gewaltsituationen aus Fehlern und Versäumnissen der Politik. Es ist für eine Friedensbewegung unverzichtbar, solche Versäumnisse zu benennen und einzuklagen. Ihre Folgen sind aber nicht kurzfristig korrigierbar. So ändert der richtige Hinweis auf die Notwendigkeit einer konsequenten Embargopolitik gegenüber Rest-Jugoslawien nichts an der Tatsache des mangelnden Willens der europäischen Staaten, sie auch konsequent durchzuhalten. Zum politischen Realismus der Friedensbewegung gehört die Einsicht, daß auch die Folgen einer schlechten Politik verantwortet werden müssen und nicht allein mit prinzipieller Kritik übersprungen werden können.

4. Die Unerträglichkeit des bloßen Zuschauens läßt viele fragen, ob in bestimmten Situationen Gewaltanwendung zum Schutz von wehrlosen Menschen nicht doch das geringere Übel sei. In dieser Frage meldet sich nicht nur die heimliche Versuchung zu Wort, die eigene Ohnmacht mit Mitteln der Macht zu kompensieren. Sie ist vielmehr Ausdruck einer tiefen Verpflichtung zu Humanität und Solidarität gegenüber Menschen in Not, einer Verpflichtung, die sich nicht in der Reklamation politisch richtiger Schritte und Ziele erschöpfen darf. Ist die Missachtung jeglichen Rechts und die zu befürchtende Verletzung der physischen und psychischen Integrität von Menschen so elementar, daß von uns verlangt ist, eine Beschädigung unserer gewaltfreien Überzeugungen als das geringere Übel in Kauf zu nehmen?

5. Die moralische Verpflichtung, schutzsuchenden Menschen in Situationen größter Gefahr für Leib und Leben notfalls mit Gewalt zu Hilfe zu kommen, wenn alle anderen Mittel des Schutzes offensichtlich versagt haben, mag unbestritten sein. Aber die Erfüllung dieser Verpflichtung ist mit großen Risiken verbunden.

  • Kann der Einsatz militärischer Gewalt so klar und eng begrenzt werden, daß er den Betroffenen wirklich hilft und nicht ungewollt eskalierend auf den Konflikt zurückwirkt?
  • In welchem Verhältnis steht der kurzfristige Effekt des militärischen Schutzes von Menschen zum langfristigen politischen Ziel eines gerechten Friedens?
  • Wie sollen und können ausgerechnet Staaten und Organisationen, die in Bosnien politisch versagt haben, zu Subjekten einer militärischen Intervention werden?
  • Wer hat für ein solches Eingreifen die Legitimation?

6. Hinter diesen Fragen und Überlegungen steht der grundsätzliche Zielkonflikt zwischen Gewaltfreiheit einerseits und Menschenrechten und Menschenwürde andererseits, der in Pax Christi bisher nur ungenügend oder gar nicht bearbeitet worden ist. Voraussetzung für ein Gespräch über diesen Konflikt ist die Einsicht, daß Pazifismus kein absolutes, starres Prinzip, sondern ein Richtungsimpuls ist, der uns in jeder Situation neu nach den lebensdienlichen, Zukunft ermöglichenden Chancen der Gewaltfreiheit suchen läßt. Es gibt Situationen, vor denen auch der Pazifismus scheitert. Das zu erkennen bedeutet keine Verabschiedung gewaltfreier Grundsätze. Pax Christi braucht eine stets neue, offene Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen des Pazifismus, wenn sie eine politische und nicht (nur) eine „Bekenntnis“-Bewegung sein will. Diese Diskussion erfordert die Bereitschaft zu differenzierten Antworten auf Situationen.

Pazifismus ist gleichbedeutend mit einer ständigen Annäherung an die Gewaltfreiheit. Sie führt notwendigerweise über den Weg der Minimierung von Gewalt. Die Frage der Minimierung von Gewalt muss uns vorrangig beschäftigen, wenn wir über die Durchsetzbarkeit der pazifistischen Option diskutieren.

Diesen Prozeß zu ermöglichen und zu begleiten, halten wir im Augenblick für den vordringlichen politischen „Ernstfall“ für Pax Christi als gewaltfreie Bewegung.


30.8.95
Brief von Herbert Leuninger an Pax Christi

Herbert Leuninger, Lindenstraße 12, 65719 Hofheim

30.8.1995

An das
Präsidium von Pax Christi
Postfach 1345
61103 Bad Vilbel

Liebes Präsidium !

über 10 Jahre haben mich Eure Informationen, Analysen und Resolutionen im Geist der Gewaltlosigkeit bestärkt. Ich habe mich dabei in einer Art burden-sharing voll auf Eure Kompetenz verlassen, ohne selbst an der Entscheidungsfindung teilzunehmen. Dabei hatte ich immer das Gefühl eines unerschütterlichen Grundkonsenses.

Mit Eurer Stellungnahme „Wider einen kommentarlosen Pazifismus!“ ist dieser für mich nicht mehr gegeben. Ich betrachte sie als Wende, die ich nicht mit vollziehen kann. In meiner Sicht ist die pazifistische Option – mittlerweile und durch Eure Spiritualität mitgeprägt – unteilbar. Daran können auch feinziselierte Argumentationsketten nichts ändern.

Es überschreitet meine Möglichkeit, mich einem vielleicht erforderlichen Diskussionsprozeß zu stellen. Überdies rechne ich auch nicht mehr mit einer Revision der von Euch gründlich bedachten Position. Daher muß ich Euch bitten, mich aus Eurer Mitglieder-Liste zu streichen.

Mit freundlichen Grüßen
Euer

(Herbert Leuninger)


18. September 1995
Erklärung des Präsidiums von Pax Christi
zur Stellungnahme „Wider einen kommentarlosen Pazifismus!“

Erklärung
des Präsidiums der Deutschen Sektion von Pax Christi
zur Stellungnahme des Geschäftsführenden Vorstandes vom 9. August 1995 „Wider einen kommentarlosen Pazifismus!“

Die Stellungnahme des Geschäftsführenden Vorstandes „Wider einen kommentarlosen Pazifismus! “ vom 9. August 1995 hat bei vielen Mitgliedern von Pax Christi und bei befreundeten Friedensorganisationen zu Irritationen geführt. Das Präsidium von Pax Christi stellt fest, daß die Option für die Gewaltfreiheit nach wie vor politisch-ethische Handlungsorientierung für Pax Christi ist. Es sieht in der Stellungnahme des Geschäftsführenden Vorstandes einen Versuch, die Position der Gewaltfreiheit angesichts des Krieges im ehemaligen Jugoslawien weiterzuentwickeln.

In zentralen Passagen ist diese Erklärung jedoch mißverständlich. Dies gilt insbesondere für die Formulierungen: „Wir räumen ein, daß unser ohnmächtiges Schweigen angesichts des bisherigen Kriegsverlaufes dazu geführt haben kann, daß wir am Leid der Zivilbevölkerung mitschuldig geworden sind … Wir halten daher um der Glaubwürdigkeit unseres Friedenshandelns willen ein künftiges militärisches Eingreifen dann für gerechtfertigt, wenn – wie im Fall von Srebrenica und Zepa – Menschen in unerträglichem Maße schutzlos der Gewalt von Aggressoren ausgeliefert sind.“ Diese Positionierung des Geschäftsführenden Vorstandes wird vom Präsidium so nicht geteilt.

Mit der Stellungnahme des Geschäftsführenden Vorstandes ist der Eindruck entstanden, daß insbesondere die Bemühungen von Pax Christi in der Kriegsopferhilfe und Flüchtlingsarbeit abgewertet werden und einem beliebigen militärischen Interventionismus das Wort geredet wird. Das Anliegen des Geschäftsführenden Vorstandes, das Spannungsverhältnis zwischen der Option für die Gewaltfreiheit und der Option für die Opfer neu zu bestimmen, wird so nicht deutlich.

Das Präsidium kritisiert, daß der Geschäftsführende Vorstand bei seiner Stellungnahme keine Abstimmung mit dem Präsidium und der Arbeitsgruppe „Gewaltfreiheit“ gesucht hat. Es stellt fest, daß in Pax Christi unterschiedliche Auffassungen über die Reichweite der Option für die Gewaltfreiheit bestehen. Vor diesem Hintergrund fordert es die Bewegung auf, zu einer Auslegung der Option für die Gewaltfreiheit zu kommen, die die Opfer von Gewalt im Blick behält.

An dieser Debatte sollen sich alle Mitglieder, Gruppen und Gremien in Pax Christi beteiligen. Die Anfang November 1995 stattfindende Delegiertenversammlung stellt einen wichtigen Ort der Meinungsbildung dar.

Frankfurt a.M./ Bad Vilbel, den 18. September 1995


25. September 1995
Brief des Generalsekretärs von Pax Christi an Herbert Leuninger

PAX CHRISTI Generalskretariat

Herrn
Herbert Leuninger
Lindenstr. 12
65719 Hofheim

Bad Vilbel, 25. Sept. 1995

Lieber Herbert,

als Zwischenreaktion auf Deinen Brief vom 30.8. gebe ich Dir die Antwort des Geschäftsführenden Vorstandes und den Beschluß des Präsidiums vom 16. (18.) 9. zur Kenntnis.

Ich danke Dir für die Offenheit, mit der wir am Telefon über die Frage sprechen konnten, die die GV-Stellungnahme ausgelöst hat, und für Deine Bereitschaft, Deine Entscheidung bis zur Delegiertenversammlung offen zu halten.

Mit herzlichem Gruß
Dein

(Joachim Garstecki, Generalsekretär)

Anlagen

September 1995
Brief des Geschäftsführender Vorstand von Pax Christi

PAX CHRISTI Geschäftsführender Vorstand

Bad Vilbel, im September 1995

Herrn
Herbert Leuninger
Hofheim

Lieber Herbert,

Du hast mit einem ausführlichen Brief auf die Stellungnahme des Geschäftsführenden Vorstandes (GV) von Pax Christi „Wider einen kommentarlosen Pazifismus!“ vom 9. August reagiert. Wir möchten Dir für diese Zuschrift herzlich danken. Sie steht in einer Reihe von z.T. sehr besorgten, überwiegend kritischen Reaktionen in und außerhalb von Pax Christi auf die GV-Stellungnahme.

Aus vielen Äußerungen spricht die Sorge, der GV habe mit der Veröffentlichung dieses Textes die eindeutige Haltung von Pax Christi zur Gewaltfreiheit in Zweifel gezogen und damit den Zielen und der Wirksamkeit von Pax Christi gerade in den gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen geschadet.

Wir nehmen die auch in Deiner Zuschrift vorgebrachten Bedenken, Anfragen und Kritikpunkte sehr ernst. Das betrifft sowohl die Rückfragen, die sich auf inhaltliche Aussagen der Stellungnahme beziehen, als auch Anfragen zum Zustandekommen, zum Zeitpunkt und zum politischem Kontext Deiner Veröffentlichung. Es war unsere Absicht, mit der Stellungnahme einen überfälligen Diskussionsprozeß in Pax Christi anzustoßen, um zu klären, wie die Position der Gewaltfreiheit, zu der sich Pax Christi nach wie vor bekennt, unter den veränderten Bedingungen der 90er Jahre und angesichts neuer Szenarien von Kriegen, Bürgerkriegen, Gewalteskalationen und Menschenrechtsverletzungen – wie in Bosnien -, unter uns selbst zu verstehen, mit ihren politischen Möglichkeiten und Grenzen zu interpretieren und öffentlich zu vertreten ist. Wir haben den Eindruck, daß diese Fragen entgegen verbreiteter Auffassung in Pax Christi nicht geklärt sind, und wir sind der Auffassung, daß die friedensethische Urteilsbildung in einer Friedensbewegung wie Pax Christi in jeder neuen Situation neu geleistet werden muß.

In diesem erhofften Klärungsprozeß ist auch Deine Zuschrift wichtig. Unser Sekretariat bereitet für die Delegiertenversammlung 1995, die vom 3.- 5. November in Essen stattfinden wird, eine Dokumentation aller Stellungnahmen vor, in die wir auch Deinen Text aufnehmen werden. Die Delegiertenversammlung ist der angemessene Ort, an dem die Diskussion über die mit der GV-Stellungnahme vom 9.8. angestoßenen Fragen in Pax Christi zu führen sein wird. Außerdem erscheint in der Nummer 4/5 der Pax Christi-Zeitschrift eine erste Zusammenstellung von Reaktionen, die allerdings aus Platzgründen gekürzt werden mußten. Bitte habe Verständnis dafür, daß wir mit Blick auf die Delegiertenversammlung jetzt nicht im Detail auf Deine Zuschrift eingehen können und wollen. Wir laden Dich aber ausdrücklich ein, an der Delegiertenversammlung teilzunehmen, um so Deine Auffassung persönlich einzubringen. Die Delegiertenversammlung wird eine eigene Arbeitsgruppe zum Thema einsetzen, die aus Gründen der Arbeitsfähigkeit nur eine sehr begrenzte Teilnehmer-/ Teilnehmerinnenzahl haben kann. Nähere Informationen über die Delegiertenversammlung können in unserem Sekretariat angefordert werden.

Die Erklärung des Präsidiums vom 18.9.95 zur GV-Stellungnahme fügen wir diesem Brief zu Deiner Kenntnisnahme bei.

Mit einem nochmaligen Dank für Deinen Beitrag zur Diskussion und mit dem Wunsch, daß wir zu einer tragfähigen Verständigung kommen, grüßen wir Dich herzlich.

(Johannes Schnettler) (Gisela Wiese) (Manfred Körber)

Anlage


5. Mai 1996
Pax Christi
Resümee Kongress 1996

Resümee Kongress 1996:

„Kriegerische Konflikte und friedenspolitisches Engagement – Pax Christi und die Option für Gewaltfreiheit“

Von Johannes Schnettler, Vizepräsident

Der Kongress hat unsere gemeinsamen Grundorientierungen deutlich gemacht.

1. Wir arbeiten an der Vision des Friedens in der Perspektive des Evangeliums und unter den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen. Wo andere die Unveränderbarkeit von Strukturen und ein fatalistisches Status-quo-Verständnis in den Vordergrund rücken, dort wollen wir mehr: ein Mehr an Frieden, das tatsächlich zu einer Welt ohne Waffen führt; ein Mehr an Gerechtigkeit, die die Würde aller Menschen achtet und ihnen die sozialen und ökonomischen Strukturen zu diesem Leben sicherstellt.

2. Wir sehen, dass nur der Weg der Gewaltfreiheit zu diesem Ziele führen kann, wenn wirklich Hass und Feindschaft überwunden werden sollen. Dieser Weg der Gewaltfreiheit ist vorgezeichnet und bestimmt durch die Option für die Armen.

3. Wir sind uns darüber einig, dass wir die zivilen Alternativen zur Konfliktschlichtung benennen, entwickeln und in die Praxis umsetzen müssen. So bauen wir an der Kultur der Gewaltfreiheit.

Einigkeit besteht auch unterhalb dieser Grundorientierungen:

  • Wir stimmen darin überein, dass wir den Opfern der aktuellen Kriege mit zivilen Mitteln helfen müssen, soweit dies unsere Kräfte zulassen. Wir beschränken uns dabei auf einzelne Schauplätze. Anderes übersteigt unsere Kräfte. Pax Christi International hilft uns dabei.
  • Wir stimmen darin überein, dass nationalstaatliche Grenzen zu überwinden sind in Richtung auf internationale Gemeinschaften wie OSZE / UNO als auch durch Verflechtung in NOGs.
  • Es deutet sich an: Wir stimmen darin überein, dass es Situationen geben kann, in denen militärische Mittel als Instrument der UNO notwendig sein können, akuten Völkermord zu beenden. Den Aufbau des Friedens vermögen sie nicht.

Wir können gemeinsam über diese Orientierungen reden und streiten.

Spannungen bestehen in der Nähe der Kooperation mit politischen Instanzen:

Sind sie ein notwendiges Übel, dessen es sich in kritischen Situationen zu bedienen gilt? oder scheiden sie aus, weil ihre wirklichen Interessen mit unseren Interessen nicht zu vereinbaren sind?

Spannungen bestehen zwischen den real vorfindbaren, korrupten und den gewünschten reformierten Strukturen staatlicher/ überstaatlicher Institutionen.

Spannung besteht auch in der Frage, ob wir uns überhaupt mit der kriegerischen Intervention und den Folgen beschäftigen müssen.

Wir haben damit eine breite Diskussion zur Gewaltfreiheit geführt.

Das Seminar im Juni wird die eine oder andere Frage noch einmal vertiefen können. Die Delegiertenversammlung 1996 sollte dann Abschluss der über 1,5 Jahre geführten Debatte sein.

Schon jetzt kann gesagt werden: Die Debatte hat uns qualifiziert,

  1. den Aufbau der Kultur der Gewaltfreiheit durch gewaltfreies Leben und die Entwicklung ziviler Friedensdienste voranzubringen;
  2. den spirituell getragenen und politisch reflektierten Pazifismus an den jeweils aktuellen Konflikten der Gegenwart für die Ohren und Herzen der Menschen aus der Sicht der Pax-Christi-Bewegung zu artikulieren.

Dies macht uns als Bewegung handlungsfähig.

Oberwesel, 5. Mai 1996


22. Mai 1996
Austrittserklärung von Herbert Leuninger

Herbert Leuninger, Lindenstr. 12, 65719 Hofheim

22.5.96

An das
Präsidium von Pax Christi
Postfach 1345
61103 Bad Vilbel

Liebes Präsidium !

Hiermit erkläre ich meinen (suspendierten) Austritt aus Pax Christi.

Dabei beziehe ich mich auf den Satz des Vizepräsidenten Johannes Schnettler bei seinem „Resümee Kongress 1996“:

„Es deutet sich an: Wir stimmen darin überein, dass es Situationen geben kann, in denen militärische Mittel als Instrument der UNO notwendig sein können, akuten Völkermord zu beenden. Den Aufbau des Friedens vermögen sie nicht.“

Diese, dann auch im Inlanddienst von KNA am 8. Mai übermittelte Tendenz-Auffassung läuft meiner Auffassung als Pazifist und meiner Einschätzung der Rolle einer Friedensorganisation völlig zuwider.

Dabei habe ich mir von Traudel Obee und Willi Prößer (Anm.: Mitglieder von Pax Christi Hofheim) verlässlich berichten lassen, dass die Aussage des Vizepräsidenten absolut nicht mit dem Verlauf des Kongresses und der dortigen Meinungsbildung übereinstimmt.

Wie auch die Stellungnahme nach der Delegiertenversammlung 1995 belegt, gibt es offensichtlich den Versuch seitens des Präsidiums und des Generalsekretärs, Minderheitenpositionen gegen die überwiegende Mehrheit der Basis hoffähig zu machen. Ich kann mir keine basisdemokratische Organisation vorstellen, die sich das gefallen lassen darf, und wo eine ähnliche Haltung nicht zu Rücktritten und Entlassungen der Verantwortlichen führen würde.

Mein Austritt ist damit auch ein Protest gegen dieses manipulative Vorgehen.

Dennoch schließe ich mit dem besonderen Dank für die vielen Anregungen, die ich für meine pazifistische Einstellung von Pax Christi erhalten habe.

Mit freundlichen Grüßen
(Herbert Leuninger)

z.K. Pax Christi- Stelle Limburg


24. Mai 1996
Brief von Johannes Schnettler, Vizepräsident von Pax Christi an Herbert Leuninger

Aachen, 24.05.96

Herrn
Herbert Leuninger
Lindenstr. 12
65719 Hofheim

Sehr geehrter Herr Leuninger,

mit Bedauern muss ich Ihren Austritt aus der Pax Christi Bewegung zur Kenntnis nehmen. Sie haben diesen Schritt zwar bereits im Sommer letzten Jahres in Reaktion auf die Stellungnahme des GV schon in Erwägung gezogen, ihn jedoch mit Blick auf die weitere Diskussion in Pax Christi zurückgestellt. Jetzt sehen sie in einem Satz meines Kongress-Resümees vom 5. Mai die Grundlagen für einen weiteren Verbleib Ihrerseits in Pax Christi nicht mehr gegeben. So begründen Sie Ihren Schritt zum einen mit dem Hinweis auf die Unvereinbarkeit von pazifistischer Politik und gewaltsamem Eingreifen in Situationen von Völkermord; zum anderen mit der Kritik an einem vermeintlichen undemokratischen Verhalten der politisch Verantwortlichen innerhalb von Pax Christi. Darin wird ihre tiefe Betroffenheit über die aktuelle Debatte in Pax Christi sichtbar, in deren Konsequenz nun ihr Austritt liegt. Sie haben Ihre Entscheidung getroffen. Ich muss sie so annehmen. Dennoch gestatten Sie mir einige Anmerkungen zu Ihrem Schreiben vom 22. Mai im Sinne eines Dialogs, den wir leider nicht im direkten persönlichen Gespräch führen konnten.

Sie schreiben, dass „es offensichtlich den Versuch seitens des Präsidiums und des Generalsekretärs (gibt), Minderheitenpositionen gegen die überwiegende Mehrheit der Basis hoffähig zu machen.“ Diese Einschätzung kann ich ruhigen Gewissens aber auch mit Entschiedenheit zurückweisen. Möglicherweise können Sie mir als Vizepräsidenten und Vorsitzenden des GV einen solchen Vorwurf machen, weil ich für die Erklärung aus dem August 95, der Stellungnahme nach der Delegiertenversammlung und dem Kongress Resümee 96 verantwortlich zeichne. Bevor ich hierauf näher eingehe, muss ich darauf hinweisen, dass es jedweder Grundlage entbehrt, dem Präsidium einen solchen Vorwurf zu machen. Das Präsidium besteht aus 15 gewählten Personen, die unterschiedlich in den verschiedenen Ebenen der Bewegung zusätzlich aktiv sind. Sie alle sind in ihrer Arbeit von dem Willen geleitet, die Pax Christi-Bewegung im Sinne einer Basisbewegung zu leiten. So hat deshalb auch das Präsidium die Erklärung des GV im Herbst 95 in Form und Inhalt kritisiert und im Nachgang zur DV in wiederholten Beschlusslagen deutlich gemacht, dass die Erklärung der Essener DV „Für eine aktive Gewaltfreiheit“ die Richtschnur für das politische Handeln in Pax Christi darstellt. Ich bitte Sie herzlich, dies der notwendigen Objektivität wegen in Ihre Beurteilung mit aufzunehmen.

Haben ich und der Generalsekretär den Versuch unternommen, den Willen der Mehrheit zu unterlaufen? Ich antworte mit einem ebenso eindeutigen Nein. Die Stellungnahme nach der DV war notwendig geworden, um die politische Handlungsfähigkeit des GV nach der Essener Erklärung gegenüber der Bewegung zu dokumentieren, weil auf der DV selbst dazu zeitlich keine Gelegenheit mehr bestand. Dementsprechend haben ich sowie Gisela Wiese und Manfred Körber als Mitglieder des GV eindeutig erklärt, daß der Beschluss von Essen von uns voll inhaltlich mitgetragen wird. Der Generalsekretär hat sich dieser Erklärung vor dem Präsidium angeschlossen.

Mein Resümee zum Kongress 96 ist keine Stellungnahme oder politische Erklärung. Es ist das Ergebnis meiner Beobachtungen und Teilnahme auf und an dem Kongress, zu der ich von der Vorbereitungsgruppe aufgefordert war. Es war mein Anliegen, Gemeinsamkeiten und Differenzen innerhalb unserer Gewaltfreiheitsdebatte zu markieren und die Perspektive für gemeinsames Handeln zu eröffnen. Dabei konnte ich mich an nichts anderem als dem Kongressverlauf orientieren. Ich habe sehr wohl Verständnis dafür, dass TeilnehmerInnen des Kongresses einiges anders sehen. Dies muss auch so sein, wenn bei dem zentralen Thema des Kongresses unterschiedliche Positionen bei den einzelnen Teilnehmerlnnen vorliegen. Bei dem Versuch, zentrale Linien zu benennen, habe ich mich deshalb an den Strömungen orientiert, wie sie im Kongress vorfindbar waren. Die Gliederung meines Resümees in gemeinsame Grundorientierungen, Konkretisierungen solcher Grundorientierungen und Spannungen hat hier ihren Ort. Hätte ich diese Linien des Kongresses nur als Folie benutzt, um eigene Meinungen darauf zu transportieren, wäre dies politisch ein unverantwortlicher Missbrauch meiner mir übertragenen Aufgaben. Ich möchte deshalb darum werben, mein Resümee als Ganzes zu betrachten und den Charakter dieses Textes mitzubedenken.

Aufgrund Ihrer politischen Arbeit haben Sie sich nicht an den Diskussionsprozessen innerhalb von Pax-Christi beteiligen können, sondern im Sinne eines, wie Sie es selber sagen, „burden-sharing“ auf die Kompetenz der Bewegung verlassen. Hierfür habe ich vollstes Verständnis. Das Problem, was hinter dieser „Arbeitsteilung“ jedoch erkennbar wird, ist der Umstand, dass bestimmte Diskussionsprozesse sich „von außen“ plötzlich anders darstellen können und den Eindruck erwecken, die Linie der Gewaltlosigkeit würde verlassen. In Wirklichkeit geht es aber um die Sicherung dieser Linie vor dem Hintergrund sich verändernder politischer Rahmenbedingungen. Wir sind es uns selbst als Bewegung aber auch der Öffentlichkeit schuldig, unsere Position der Gewaltfreiheit immer wieder im Lichte der gegenwärtigen Entwicklungen plausibel und nachvollziehbar zu begründen. Das „burden-sharing“ muss deshalb auch an dieser Stelle einen Vertrauensvorschuss beinhalten, daß die jeweiligen Akteure im Sinne der Grundausrichtung einer Bewegung die aktuellen politischen Herausforderungen beantworten. Auch wenn Sie jetzt ausgetreten sind, so möchte ich doch um dieses Vertrauen werben, denn uns allen ist nicht damit geholfen, wenn wir die Begründungen für unsere gewaltfreie Option nicht an den realen politischen Gegebenheiten erläutern können. An nichts anderem aber arbeiten wir im Rahmen der gegenwärtigen Gewaltfreiheitsdebatte. Grundlage dieser Arbeit bildet die für uns alle verbindliche Beschlusslage der DV. Sie ist der Rahmen innerhalb dessen der Verständigungsprozess sich vollziehen muss. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass in Bistumsstellen, Gruppen und bei Einzelmitgliedern ein sehr differenziertes Bild und breites Meinungsspektrum bezüglich der zugespitzten Frage der Hilfe in Völkermordsituationen existiert und nicht mehr allein mit der Kategorie Mehrheit – Minderheit eingeordnet werden kann. Zugleich wird deutlich, dass jenseits dieser Auffassungen der politische Wille, am Aufbau präventiver, ziviler und gewaltfreier Konfliktlösungsmöglichkeiten noch intensiver zu arbeiten, in ein Programm für die Bewegung gebracht wird. Deutlichsten Ausdruck findet diese politische Ausrichtung in der von Pax Christi federführend betriebene Arbeit am Projekt Ziviler Friedensdienst.

In diesem Zusammenhang ist die Gewaltfreiheitsdebatte, wie ich sie vor meiner Person zu verantworten habe, gerade der Versuch, den Hilfeschrei der Opfer von Gewalt zu einer unverzichtbaren Größe unserer politischen Arbeit zu machen und die von uns formulierten Antworten diesem Hilfeschrei gerecht werden zu lassen. So meine ich, die Kräfte der Gewaltfreiheit zu stärken und habe mich deshalb in meinem Resümee abschließend dafür ausgesprochen, dass wir in der konkreten Situation jeweils neu unsere Option für die Gewaltfreiheit begründen sollen.

Sehr geehrter Herr Leuninger, wir alle in Pax Christi schätzen Ihre wertvolle Arbeit für die Flüchtlinge als unverzichtbaren Beitrag für die Sicherung der Menschenrechte in Deutschland. Vielfach hat Ihre Arbeit die Pax Christi-Arbeit zu Asyl und Flüchtlingen fruchtbar beeinflusst. Deshalb schmerzt Ihr Austritt sehr. Ich hoffe aber, daß uns die gemeinsame Arbeit für die Sicherung der Menschenrechte auch in Zukunft weiter verbindet.

Herzliche Grüße
Johannes Schnettler

Präsidium, Bistumstelle Limburg zur Kenntnis


10. Juni 1996
Brief Leuninger an Vizepräsident von Pax Christi

Herbert Leuninger, Lindenstr. 12, 65719 Hofheim

10.6.96

Herrn
Johannes Schnettler
Vizepräsident v. Pax Christi
Schlottfelder Winkel 15
52074 Aachen

Lieber Johannes Schnettler,

Ich danke Ihnen herzlich für Ihr ausführliches Schreiben vom 24.5.96, mit dem Sie auf meinen Austritt aus Pax Christi reagieren. Der Inhalt Ihres Briefes macht mir in besonderer Weise klar, dass es eine Binnen- und eine Außensicht der Vorgänge gibt, die zu meinem Austritt geführt haben.

Ich möchte das nur an dem Punkte verdeutlichen, wo es um Ihr Resümee zum Kongress 96 geht, und von dem Sie schreiben, es handele sich nicht um eine Stellungnahme oder politische Erklärung. Es sei das Ergebnis Ihrer Beobachtungen und Teilnahme auf und an dem Kongress, zu der Sie von der Vorbereitungsgruppe aufgefordert wurden.

Ich habe das Resümee mit dem Briefkopf des Deutschen Sekretariates von Pax Christi vorliegen, und muss ebenso wie die Öffentlichkeit davon ausgehen, dass es sich eine öffentliche Erklärung handelt, die der Vizepräsident von Pax Christi und nicht irgendein unautorisiertes Mitglied abgegeben hat.

Mag es an den Vereinfachungen liegen, die mit jeder Agentur-Meldung zwangsläufig verbunden sind, mag es auch daran liegen, dass Sie den Rang Ihrer Äußerungen als Vizepräsident unterschätzen, jedenfalls muss in der Öffentlichkeit ein Eindruck entstehen, wie eben auch bei früheren Äußerungen des Generalsekretärs, dass Pax Christi von seiner pazifistischen Linie abweicht.

Wenn nun noch hinzukommt, dass nicht nur Traudel Obee und Willi Prößer (Anm. Mitglieder von Pax Christi Hofheim) die Art der öffentlichen Vermittlung von Minderheitsvorstellungen als der Einstellung der übergroßen Mehrheit widersprechend betrachten, halte ich meine Kritik aufrecht, dass der Umgang mit diesem Komplex sich weder inhaltlich noch methodisch mit meinen Erwartungen und Vorstellungen an eine Friedensorganisation deckt.

Mit freundlichen Grüßen
(H. Leuninger)


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