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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV ASYL 1985 :::

DIE GESELLSCHAFTLICHE VERANTWORTUNG FÜR DIE BERUFLICHE PERSPEKTIVE DER FLÜCHTLINGE

„Es gehört zu den geistigen Engstirnigkeiten – also nicht nur zur mangelnden humanitären Einstellung – einer Gesellschaft, wenn sie den Flüchtling nurmehr unter dem Gesichtspunkt der Belastung und der Bedrohung des vermeintlich Eigenen sehen kann und nicht mehr in der Weite kultureller, sozialer und sagen wir auch beruflicher und perspektivischer Bereicherung.“

HINWEIS
in: Otto Benecke Stiftung (Hrsg.), Ausbildung oder Sozialhilfe, Alternativen der Eingliederung junger Flüchtlinge, Dokumentation der Fachtagung der Otto Benecke Stiftung am 20. und 21. Mai 1985 in Bonn, Bonn 1985, S. 54-60

INHALT

Lernen mit Horizont

Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Mit diesem Wort des französischen Dichters Antoine de Saint-Exupéry möchte ich den Akzent angeben, unter dem ich, ohne im Bildungsbereich Experte zu sein, mein Thema angehen möchte. Dabei betrachte ich den ersten Teil des Zitates von der Holzbeschaffung bis zur Arbeitseinteilung als klassische Beschreibung dessen, worauf nach meiner Kenntnis eine normale Berufsausbildung ausgerichtet ist. Allerdings müßte Exupérys Wort noch ergänzt werden um das Erlernen der Fähigkeiten, mit Holz und Werkzeug umzugehen. Mein Interesse an der Vorbereitung eines Schiffbaus, der hier für das stehen mag, was es im umfassenden Sinn des Wortes in einer Gesellschaft zu bauen gilt, liegt allerdings auf dem zweiten Teil des Aperçus, in dem es um die Utopie und den Horizont geht, mit dem ein Schiff zu bauen wäre. Wird dies bei uns gelehrt, wird es wenigstens wirksam mitgedacht, gibt es einen solchen Horizont, wird bei uns Berufsausbildung, Berufsausbildung für junge Flüchtlinge mit großer Perspektive, mit besonderer geistiger Dimension, mit weitem, universalem Horizont betrieben? Ich kann es nicht beurteilen. Nehmen Sie daher meine Gedanken als Anregung, über einen solchen konzeptionellen Rahmen zu reflektieren.

Die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer lehren, muß in unserem Kontext fast makaber klingen, wenn ich an das existenzbedrohende Schicksal der Boat-People denke. Sind doch gerade erst in diesen Tagen in einer Rettungsaktion der Deutschen Notärzte und der französischen „Ärzte der Welt“ im Südchinesischen Meer 123 Flüchtlinge aus einem völlig überladenen Neun-Meter-Boot geborgen worden, die seit drei Tagen ohne Motor auf dem Meer trieben und mit einer Taschenlampe SOS-Zeichen gegeben hatten (Süddeutsche Zeitung v. 13.5.1985). 300.000 sollen es sein, die über den Seeweg geflüchtet sind, bei einer hohen Dunkelziffer Ertrunkener, Verhungerter, Verdursteter, durch Piratenmassaker Getöteter oder für die Prostitution Entführter. Darf ich denjenigen, die dem Untergang auf dem Meer entronnen sind, darf ich denen noch von der Sehnsucht nach dem Meer sprechen, wenn auch nur im übertragenen Sinn? Ich wage es, denn das Meer hat für sie und ihre Sehnsucht nach Freiheit offensichtlich eine Rolle gespielt, die wir nur schwer verstehen und wovor wir angesichts der uns bekannten unkalkulierbaren Risiken nur fassungslos bleiben konnten. Vielleicht wird es irgendwann einmal von den Betroffenen in Worte gefaßt und uns vermittelt, was das Meer bedeutet hat für eine Minderheit, der nur der Weg über das Wasser blieb, wenn sie eine menschenwürdige Zukunft wollte. Das Meer war dann sicher mehr als nur Fluchtweg, es war der Inbegriff der Hoffnung auf Freiheit in einem grenzenlosen, universalen Horizont, gepaart mit der Vorstellung, irgendwo auf dieser Welt als Mensch aufgenommen, angenommen zu werden, als Mensch unter Menschen leben zu dürfen.

Weil es diese Utopie gibt, ist sie die Hoffnung nicht nur der Boat-People, sondern aller Menschen, die sich zur Flucht und Auswanderung gezwungen sehen; sie sind es aber auch, Männer, Frauen und Kinder, denen die befreiende, grenzenlose Sehnsucht nach dem Meer nicht gelehrt werden muß, sondern die in dieser notwendigen Haltung leben, sich jedweder Know-how Vermittlung stellen können und hierbei sicher uns etwas Entscheidendes zu lehren haben, falls wir nicht dazu beitragen, den zu uns geflüchteten Menschen jegliche Perspektive und Hoffnung zu nehmen.

Unsere Lernhemmungen

Es geht mir, noch präziser gesagt, um die Frage, ob wir mit der Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer überhaupt etwas anzufangen wissen, ob wir eine solche Sehnsucht in uns selbst kultivieren könnten, ob wir bereit sind, bei ansonsten eindrucksvoller Bewältigung der Logistik für den Schiffsbau eine Horizonterweiterung von den Flüchtlingen zu übernehmen, sie für sie und für uns zu akzeptieren und mit einer letztlich gemeinsamen Sehnsucht den „Schiffsbau“ unserer Gesellschaft oder in unserer Gesellschaft zu betreiben.

Gegebenenfalls müssen wir die Sehnsucht nach dem endlosen Meer überhaupt oder wieder lernen.

Ein Gemeinwesen lernt auf vielerlei Art, sich neuen Anforderungen zu stellen, sich auf Zukunft hin zu entwickeln. Und es gibt die wachsende Sorge, wir in der Bundesrepublik seien aus den verschiedensten Gründen, nicht zuletzt wegen des starken Geburtenrückgangs und einer damit verbundenen Überalterung der Bevölkerung, wegen der Verhärtung der hierarchischen Strukturen in allen Großorganisationen von den Kirchen über die Gewerkschaften bis zu den Konzernen nicht mehr in der Lage, ausreichend zu lernen, um uns in immer kürzeren Phasen auf neue Anforderungen einzustellen. Ich selbst neige zu dieser Auffassung und glaube, aus meinem Erfahrungsbereich hierfür genügend Beweise zu besitzen. Im Bilde gesprochen: Es sollen Schiffe gebaut werden mit überholter Takelage für die Fahrt auf einem Meer, das nicht ersehnt wird und dessen weiter Horizont provinziell verengt ist. Ja, es geht überhaupt nicht um die weite See, sondern bestenfalls um einen nationalen Ententeich.

Daß diese Problematik auch einen Zusammenhang hat mit unserem Nationalstaatsverständnis erschwert die nötigen Lernprozesse um ein Weiteres. Der Horizont und die Mentalität des gesellschaftlichen Bewußtseins sind immer abhängig von dem institutionellen Rahmen, in dem sich dieses Bewußtsein herausbildet. Wenn dieser Rahmen im Wesentlichen durch die Interessen des Territorialstaates begrenzt ist und nur diese sich politisch legitimieren lassen, bleibt der Handlungsrahmen und der geistige Horizont zwangsläufig für die heutigen universalen Gegebenheiten und Notwendigkeiten zu eng (G. Picht, Mut zur Utopie, München 1970). Alles, was diesen Rahmen sprengt oder auch nur in Frage stellt, gewinnt für eine solche Gesellschaft an Bedeutung. Und hier möchte ich auch die wichtige Aufgabe von Menschen sehen, die selbst einem menschenverachtenden und bedrohlich engen ideologischen und politischen Rahmen entronnen sind im Vertrauen auf die Humanität und Perspektive einer universalen Menschheit.

Entwicklung durch Flüchtlinge

Es gehört zu den geistigen Engstirnigkelten – also nicht nur zur mangelnden humanitären Einstellung – einer Gesellschaft, wenn sie den Flüchtling nurmehr unter dem Gesichtspunkt der Belastung und der Bedrohung des vermeintlich Eigenen sehen kann und nicht mehr in der Weite kultureller, sozialer und sagen wir auch beruflicher und perspektivischer Bereicherung. Dabei ist es eine der schlichten Lehren der Geschichte, daß Flüchtlinge erheblich zur positiven Veränderung einer Gesellschaft beigetragen haben. So erwähnt die deutsche Sonderausgabe „Flüchtlinge“ des UNHCR vom September 1984 die europäischen Glaubensflüchtlinge des 16. Jahrhunderts, deren Integrationsprobleme mit denen der heutigen Flüchtlinge als sehr ähnlich bezeichnet werden (S. 113f.).

In den Städten, wo sich die Mehrzahl der damaligen Flüchtlinge niedergelassen hatte, war die wirtschaftliche Anpassung durchaus mit großen Schwierigkeiten verbunden. In Europa herrschten die mittelalterlichen Schutzvereinigungen der Handwerker und Kaufleute, die so genannten Gilden. Sie verfügten in den meisten Städten über wichtige Monopole und konnten auf diese Weise die Flüchtlinge am Ausüben eines Gewerbes hindern. Die Auseinandersetzungen zwischen Gilden und Flüchtlingen erinnern nach dem genannten Artikel unweigerlich an die Art der Probleme, die heute wie damals den Ausländern zu schaffen machten, vor allem die Anerkennung beruflicher Fähigkeiten, die Notwendigkeit einer Umschulung oder auch die Einstellung von Lehrlingen. Dennoch: im Rückblick auf den damaligen Zeitraum, und hier ist von drei, vier Jahrhunderten auszugehen, wird deutlich, „in welchem Maße die Flüchtlinge auf die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung ihrer Aufnahmeländer Einfluß genommen haben. Sie führten neue Gewerbe ein, brachten neue Fertigkeiten und neue Ideen mit“. Und dort, wo sie voll am Wirtschaftsleben eines Landes teilnehmen konnten, haben sie einen wichtigen Beitrag zu seiner Entfaltung geleistet. Das gilt besonders für England, die Schweiz und die Niederlande.

Ich kann diese Erfahrung auch für Frankfurt belegen, das in der Mitte des 16. Jahrhunderts einen großen Aufschwung nahm. Ihn verdankte es, wie die Historiker feststellen, nicht so sehr der Initiative der eingesessenen Bürger als vielmehr einer klugen Einwanderungspolitik. Die Stadt öffnete sich – ebenso wie Leipzig, Hamburg und Danzig den aus religiösen Gründen vertriebenen Belgiern, Holländern, Franzosen und Engländern. Diese bildeten eine sehr gemischte Gesellschaft von Einwanderern, die aus Reichen und Unbemittelten, aus Kaufleuten, Handwerkern und Arbeitern bestand. Soweit sie in Frankfurt verblieben oder verbleiben durften, haben sie mit ihrem Unternehmungsgeist, ihren fortschrittlichen Arbeitsmethoden und einer überlegenen Kultur das Wirtschaftsleben der Stadt sehr befruchtet und sogar neue Industrien wie die Seidenindustrie und die Großfärbereien, außerdem die Juwelierkunst eingeführt.

Natürlich spielten auch die Juden eine entscheidende Rolle für das wirtschaftliche Leben Frankfurts. Anderwärts verfolgt und vertrieben, fanden sie in Frankfurt Zuflucht. 1797 schrieb ein Anonymus: „Und ich glaube, nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß unsere Stadt ohne die Juden nicht so blühend und wichtig sein würde, wie sie itzt wirklich ist“ (vgl. H. Leuninger, Frankfurt braucht Einwanderer, in: Frankfurter Hefte, Nov. 1979, S. 40f.).

Einen modernen Anschauungsunterricht über die außergewöhnlichen Leistungen von Flüchtlingen liefern uns die USA. Nach einem ausführlichen Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 2. Mai gehören die dort aufgenommenen Vietnamesen mittlerweile zu den erfolgreichsten. Minoritäten des Landes. 700.000 vietnamesische Flüchtlinge hatten die Vereinigten Staaten aufgenommen, die Hälfte von ihnen kam nach Kalifornien. Bei ihnen liegt die Arbeitslosigkeit nur knapp vier Prozent über dem nationalen Durchschnitt, ihre Kinder stellen die fleißigsten Schüler. Der Erfolg der Vietnamesen, „der Menschen, die mit leeren Händen, als Gepäck nur die Hoffnung, in dieses Land gekommen sind“, hat in verschiedenen Gebieten bereits zu Spannungen mit der einheimischen Bevölkerung geführt.

1980 hat die amerikanische Bundesregierung ein Flüchtlingsgesetz erlassen, wonach den Gemeinden in den ersten drei Jahren die Kosten für Integration und Sozialhilfe der Flüchtlinge zurückerstattet werden, ein Gesetz, das die Bundesregierung 1981 900 Mio. Dollar gekostet hat. Im letzten Jahr ging der Bundesanteil auf 540 Mio. Dollar zurück, entsprechend erhöhten sich die Kosten für die Gemeinden. Den Klagen der Kommunalpolitiker hält die amerikanische Regierung die Erfolgsstatistik der Flüchtlingsgemeinde aus Indochina entgegen. Laut Statistik hat sie im letzten Jahr 1,2 Milliarden Dollar verdient und 115 Mio. Dollar an Steuern gezahlt.

Ein gemeinsamer Lernprozeß

Die berufliche Zukunft von Flüchtlingen hängt stark davon ab, nicht nur, was sie selbst für eine Perspektive haben, sondern davon, was die aufnehmende Gesellschaft selbst für Lernperspektiven entwickelt und ob sie überhaupt noch sinnvolle Perspektiven eröffnet für eine gesamte nachwachsende Generation, sei es die einheimische, sei es die zugewanderte oder als Flüchtlinge aufgenommene.

Aber, was könnten dies denn für Lernsperspektiven und Konzepte sein, Konzepte eines nicht nur individuellen, sondern eines kollektiven Lernens? Der Club of Rome empfiehlt ein innovatives Lernen. Zu seinen Hauptattributen zählen Integration, Synthese und die Erweiterung des Horizonts. Diese Lernform führt dazu, die konventionellen Vorstellungen hinter den traditionellen Gedanken und Handlungsmustern kritisch in Frage zu stellen (A. Peccei, Hrsg., Das menschliche Dilemma, Wien 1979, S. 79). Die tradierte Lernform setzt mit ihrer Betonung der Sprache Bildung mit Lesen und Schreiben gleich. Im innovativen Lernmuster liegt der Hauptakzent auf den Werten oder der ethischen Dimension der Bildung, ähnlich wie bei Bildungskonzepten, die darauf abzielen, das Bewußtsein zu erweitern und die Fähigkeit zu entwickeln, effektiv und produktiv an den gesellschaftlichen Prozessen teilzunehmen (a.a.O. S. 127).

Zwei der wesentlichen Merkmale des innovativen Lernens in einer Gesellschaft oder auch einer Gesellschaft sind die Antizipation und die Partizipation. Antizipation ist die Fähigkeit, sich neuen, möglicherweise nie zuvor da gewesenen Situationen zu stellen, sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen, künftige Ereignisse vorauszusehen und die mittel- und langfristigen Konsequenzen zu kalkulieren. Antizipation findet und schafft neue, vorher nicht vorhandene Alternativen. Das heißt, sie ersetzt unsere zeitraubenden Erfahrungsprozesse und bewahrt uns vor traumatischen Schocks, bei denen wir erst lernen, wenn es bereits zu spät ist (a.a.O. S. 52). Junge Menschen heute, und zwar in aller Welt, vielleicht sogar in den Ländern, die eher zur Dritten Welt gerechnet werden, nehmen einen antizipatorischen Standpunkt ein: „Sie lernen“ – so wörtlich der Club of Rome – „aus der Perspektive ihres ganzen Lebens, das vor ihnen ausgebreitet ist“.

Dies hat meiner Ansicht nach viel früher und konsequenter die Völkerkundlerin Margret Mead, und zwar auf dem Hintergrund jahrtausendealter Entwicklungsprozesse der Menschheit, durchdacht und dabei eine neue Art der Kommunikation mit jenen gefordert, deren Existenz am weitesten in die Zukunft vorausgreift, d.h. mit den Kindern und Jugendlichen. Für Mead leben wir in einer Zeit, in der die Kinder nicht mehr primär von ihren Vorfahren, sondern die Erwachsenen eher von den Kindern lernen (M. Mead, Der Konflikt der Generation, Olten 1971, S. 127). Die Menschen heute vergleicht sie mit Einwanderern in ein neues Zeitalter, die nicht im geringsten wissen, welche Anforderungen die neue Lebensumstände an sie stellen. Daher empfiehlt Mead die Übernahme eines sogenannten „Pioniermodells“, d.h. das Vorbild der Einwanderer der ersten Generation, die als Pioniere in ein unerforschtes, unbewohntes Land kommen.

Die Befreiung der menschlichen Vorstellungswelt aus dem Griff der Vergangenheit hängt für Mead von der unmittelbaren Beteiligung derer ab, die bislang keinen Zugang zur Macht haben und von deren Wesen und Persönlichkeit sich die Machthabenden kein klares Bild machen können (a.a.O. S. 127). Dies konvergiert mit Vorstellungen des Club of Rome, wenn dieser für innovatives Lernen neben der Antizipation die Partizipation fordert. Partizipation läßt sich nicht auf Experten oder Eliten beschränken und heißt, in einem Lernprozeß eine aktive und nicht nur eine zugewiesene Rolle zu spielen. Die Partizipation erweitert und bereichert den Sinngebungsrahmen und begünstigt ein besseres Verständnis. Sie besteht in der Fähigkeit, sich zahlreicher Sinnbezüge bewußt zu werden (A. Peccei, S. 64). Ein Maßstab für die Effektivität des gesellschaftlichen Lernens ist das Ausmaß, in dem Partizipation möglich ist. Aus globaler Sicht hängen Lernmenge und Lernpotential vom Grad der Partizipation sowohl auf lokaler, wie nationaler und internationaler Ebene ab.

Die Vernachlässigung der Partizipation der Jugend bei der Entwicklung einer gemeinsamen gesellschaftlichen Perspektive und die Unfähigkeit unserer Machteliten, mit ihrem tradierten Know how eine Wende zum Besseren zu erreichen, wird durch nichts deutlicher als durch die Ergebnisse einer Tagung, die erst vor kurzem in Frankfurt stattgefunden hat. Wenn nichts passsiert, werden wir in den nächsten zehn Jahren mit zwei bis drei Mio. Arbeitslosen leben müssen, wobei ein großer Teil dieser Arbeitslosen einen Facharbeiterbrief oder ein Hochschulexamen besitzt und unter 25 Jahre alt ist. Dies ist die Einschätzung der Vizepräsidentin der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, Ursula Engelen-Kefer und anderer Experten. Die Arbeitslosigkeit steige in der jungen Generation immer mehr an. Allein im vergangenen Jahr registrierte die Arbeitsverwaltung 400.000 junge Arbeitslose zwischen 20 und 25 Jahren. Der Einstellungsstopp bei Lehrern z.B. wird dazu führen, daß es in sieben Jahren keinen Lehrer mehr an einer bundesdeutschen Schule gibt, der unter 35 Jahren ist, während die Masse der Lehrer auf die 50 zugeht (Frankfurter Rundschau v. 17.5.1985).

Ausschluß der jungen Generation von Partizipation und Perspektive – Sozialhilfe als Alternative nicht nur für junge Flüchtlinge!

Die Unfähigkeit der etablierten Machteliten ist so offenkundig und verbreitet, daß sie bereits wie ein Naturgesetz hingenommen wird. Es werden zwar noch Werkzeuge verteilt und das letzte Holz geschlagen. Aber die Sehnsucht nach dem weiten Meer, wer wird sie uns noch jemals lehren?

Die Bundesrepublik vergreist! Das ist eine dpa-Meldung vom 11. Mai. Im Jahr 2000 wird jeder vierte Deutsche älter als 62 Jahre sein. Im Jahre 2020 werden fast ein Drittel der Bundesbürger über 63 Jahre alt sein. Überalterung in den Industriestaaten. Der Wissenschaftler, der diese Prognosen in Bonn vorgestellt hat, vertritt die Auffassung, der Vergreisung der Bevölkerung könne langfristig nur durch eine Verstärkung der Einwanderung begegnet werden. machen Sie das aber einmal unseren alten Binnenschiffern klar! Hoffnung sehe ich nur da, wo junge Menschen, gleich welcher nationaler Herkunft, ihre Schiffe bauen mit der Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer! Vorn mit dabei müssen die jungen Flüchtlinge und Migranten sein, ohne sie wird’s sonst nur ein Kahn, ein atomgetriebener.


in: Otto Benecke Stiftung (Hrsg.), Ausbildung oder Sozialhilfe, Alternativen der Eingliederung junger Flüchtlinge, Dokumentation der Fachtagung der Otto Benecke Stiftung am 20. und 21. Mai 1985 in Bonn, Bonn 1985, S. 54-60


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