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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV MIGRATION 1986 :::

14. März 1986
Referat auf der Informationsveranstaltung des Kreisjugendrings e.V. und der
Kreisschülervertretung Main-Taunus in der Main-Taunus Schule, Hofheim a. Ts.

Aus der Vergangenheit heute für die Zukunft lernen

INHALT
Die Fremdenfrage und damit die Ausländerpolitik ist nur ein Teil eines geistig/politischen Wandels. Es reicht daher nicht aus, sich isoliert mit der Ausländerfrage zu befassen. Die Einstellung zum Fremden hängt mit der Frage nach Krieg und Frieden, nach Frauenemanzipation, nach Überwindung des Nationalismus und des Rassismus zusammen.

1977 war ich für ein paar Wochen in den USA, um die Probleme ethnischer Minderheiten zu studieren. Dabei sind wir kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten gereist. Die drei wichtigsten Fragen, mit denen wir immer wieder konfrontiert wurden, lauteten: Wie war es mit dem 2. Weltkrieg? Wie ist es derzeit mit dem Terrorismus? Und wie steht es mit den Nazis?

Am Thanksgivingday waren wir in Sheboygen am Michigansee. Ich wohnte bei dem katholischen Pfarrer, der mich nachmittags zur Familie seiner Schwester mitnahm. Unterwegs sagte er mir: „Gut, daß Du da bist, sprich doch mal mit meinem Neffen über Hitler, er und seine Freunde sind fanatische Anhänger von ihm. Er liest alles erreichbare Zeug darüber und ist vom Stahlhelm bis zum Koppel mit allen Nazi-Emblemen ausgestattet.“

Nach dem Festessen mit obligatem Truthahn ergab sich die Gelegenheit zum Gespräch mit dem jungen Mann. Ich versuchte ihm klar zu machen, wer Hitler wirklich war, und wies dabei vor allem auf den Holocaust an 5 Mio. Juden hin. Schließlich erwähnte ich auch, daß der Bruder meines Vaters 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde, weil er zu denen gehörte, die Hitler am 20. Juli 1944 stürzen wollten. Der junge Mann schien betroffen, aber keinesfalls bekehrt.

Im Verlauf der Reise hielten wir uns einige Tage in St. Louis auf, eine der ersten amerikanischen Städte, die einen schwarzen Oberbürgermeister hatten. Ein reicher Kaffee-Importeur hatte uns im Nobelhotel untergebracht, wo jedem von uns eine Suite mit wenigstens zwei Räumen zur Verfügung stand. Abends und nachts interessierte ich mich natürlich für die amerikanischen Fernsehprogramme und war erstaunt über all die Kriegs- und Nazifilme, die dort von den verschiedensten Sendern Nacht für Nacht ausgestrahlt wurden. Das Bild vom aggressiven, brutalen, autoritätshörigen und mordenden Nazi-Soldaten, das durch diese Filme vermittelt wurde, müßte jeden Amerikaner eigentlich auf alle Zeit abschrecken und gegen den Nationalsozialismus immun machen. Vielleicht gibt es aber doch eine heimlich-unheimliche Verführung durch diese Bilder, eine unterschwellige Lust an faschistischer Grausamkeit. Daß junge Amerikaner von Hitler fasziniert sein können, läßt sich vielleicht mit dem wahnhaften Wunsch erklären, auf jeden Fall zu den Starken zu gehören und zu denen, die sich rücksichtslos durchsetzen.

Darüber habe ich damals nicht nachgedacht. Ich habe dies für eine modische Randerscheinung gehalten, allerdings damit gerechnet, daß eine Welle der Hitler- und Gewaltverherrlichung auch nach Europa und die Bundesrepublik überschwappen werde. Was beziehen wir nämlich nicht aus den Vereinigten Staaten?

Wir waren damals sehr angetan von dem überall erkennbaren politischen Willen, die benachteiligten Minderheiten in der amerikanischen Gesellschaft, und hierbei vor allem die schwarze Bevölkerung, gleichberechtigt in Arbeit und Ausbildung einzubeziehen. Diesbezügliche Gespräche führten wir in Washington mit Beamten des Arbeitsministeriums, wo uns Programme erläutert wurden, die mit Milliardenbeträgen ausgestattet waren, um Arbeitsplätze für Arbeitslose zu schaffen. Wir führten in New York Gespräche mit Verantwortlichen der Ford-Foundation, die 10.000 $ investierten, um einem benachteiligten Jugendlichen einen Dauerarbeitsplatz zu beschaffen. Wir wurden im BÜRO FÜR MENSCHENRECHTE informiert, daß jeder amerikanische Bürger das Recht hat, bei den überall im Lande bestehenden Kommissionen Klage zu erheben, wenn er sich wegen seiner Religion, Rasse, wegen seines Geschlechts oder sozialen Stellung diskriminiert fühlt. Eines ist uns damals aber entgangen, daß bedingt durch die wirtschaftlichen Veränderungen in den USA ein geistiger Umbruch im Gange war, für den die Hitler-Euphorie junger Leute eigentlich ein Signal war.

SOZIALDARWINISMUS IM NEUEN GEWAND

Bereits 1977 hat sich dort ein internationales Komitee gegen Rassismus („INTERNATIONAL COMMITTEE AGAINST RACISM“) mit einer Erklärung gegen die Sozialbiologie, d.h. die moderne Form des Sozialdarwinismus gewandt. Es geht dabei um Theorien, die nachgewiesen haben wollen, daß gesellschaftliche Probleme, wie Krieg, Fremdenhass, Rassismus, Völkermord und die Unterdrückung der Frau ihre Wurzeln nicht im gesellschaftlichen Versagen, sondern in unserer biologischen Natur hätten.

Daraus wäre natürlich zu folgern, daß Bemühungen, diese Übel zu beseitigen, niemals gelingen könnten. Gesellschaftlicher Wandel wäre letztlich unmöglich.

Das Komitee ist vor allem deswegen beunruhigt über diese Theorien, weil sie sich einer wohlwollenden Publizität in der Fachliteratur, in Lehrbüchern und in angesehenen Magazinen erfreuen. Als unumstößliche, wissenschaftliche Wahrheit hat dieser Sozialdarwinismus die Akademien und Schulen erreicht, so daß die Gefahr besteht, daß eine ganze Generation junger Menschen daraufhin erzogen wird, den Sozialdarwinismus als wissenschaftlich erwiesen anzusehen.

Auslese, Selektion, Kampf ums Dasein, das Recht des Stärkeren und die Ungleichheit des Menschen sind wesentliche Theoreme dieser Doktrin.

Die Wende in der Bundesrepublik ist m.E. von diesem und ähnlichem Gedankengut erheblich geprägt, ohne daß diese ideengeschichtlichen Grundlagen genügend gesehen und in die Debatte geworfen werden. Sie wirken wie ein schleichendes Gift, begründen und legitimieren den Rückschritt und erreichen eine Plausibilität gegen die sich auch christliches Gedankengut ziemlich machtlos erweist.

Für mich besonders wichtig ist in dieser Auseinandersetzung die Erkenntnis, daß die Fremdenfrage und damit die Ausländerpolitik nur ein Teil, vielleicht ein besonders exemplarischer dieses geistig/politischen Wandels ist, und, daß es daher absolut nicht ausreicht, sich isoliert mit der Ausländerfrage zu befassen. Ich sehe mich vor allem in meiner Auffassung bestätigt, daß die Einstellung zum Fremden entscheidend mit der Frage nach Krieg und Frieden, nach Frauenemanzipation, nach Überwindung des Nationalismus und des Rassismus zusammenhängt.

Dabei gehe ich von folgenden Voraussetzungen aus: Es besteht jederzeit ein politischer Bedarf an geistig- moralischen Ideen, da jede Politik auf einer bestimmten Moral aufbaut und nur als moralisch einwandfrei vermittelt werden kann.

Entsprechende Angebote stehen im geistigen Spektrum einer Gesellschaft zur Disposition und können bei entsprechendem Bedarf abgerufen werden. Zu diesen aktuellen Angeboten gehört neben dem nationalen Gedanken vor allem ein wiederauflebender Sozialdarwinismus mit einer elitären Ungleichheitsideologie. Diese Ideologie betrachtet Christentum, Judentum und Sozialismus als ihre schärfsten Gegner.


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