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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1985 :::

DIE PREDIGT

Die Predigt wurde am 8. September 1985
im Altenheim Haus Maria-Elisabeth
in Hofheim a. Taunus gehalten

23.Sonntag im Jahreskreis (B)zu Jak 2,1-5

WER ÜBERALL AUF DEN ERSTEN PLATZ GEHÖRT

Jakobus: 2. Kapitel, Vers 1-5

1 Meine Brüder, haltet den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus, den Herrn der Herrlichkeit, frei von jedem Ansehen der Person.
2 Wenn in eure Versammlung ein Mann mit goldenen Ringen und prächtiger Kleidung kommt, und zugleich kommt ein Armer in schmutziger Kleidung,
3 und ihr blickt auf den Mann in der prächtigen Kleidung und sagt: Setz dich hier auf den guten Platz!, und zu dem Armen sagt ihr: Du kannst dort stehen!, oder: Setz dich zu meinen Füßen! –
4 macht ihr dann nicht untereinander Unterschiede und fällt Urteile aufgrund verwerflicher Überlegungen?
5 Hört, meine geliebten Brüder: Hat Gott nicht die Armen in der Welt auserwählt, um sie durch den Glauben reich und zu Erben des Königreichs zu machen, das er denen verheißen hat, die ihn lieben?

Sie wurden am vergangenen Samstag auf die besten Plätze gebeten beim Festakt in der Limburger Stadthalle (Jubiläum 750 Jahre Limburger Dom). „Setzen Sie sich bitte auf den guten Platz!“ Und so zeigt sie das Foto der Kirchenzeitung (für das Bistum Limburg) von links nach rechts: Kirchenpräsident Spengler mit Frau, Kardinal Volk von Mainz, Kultusminister Schneider, Wiesbaden, Frau von Weizsäcker und der Bundespräsident (Richard von Weizsäcker), unser Bischof (Franz Kamphaus), Kultusminister Gölter, Mainz, Kardinal Höffner von Köln und der Nuntius, Erzbischof Uhac.

Dies entspricht dem Ansehen der hohen Würdenträger aus Kirche
und Gesellschaft und entspricht dem Rang des Domjubiläums. Eine andere Sitzordnung wäre eine Beleidigung gewesen und niemand ist im Traum auf den Gedanken verfallen, diese Persönlichkeiten weiter hinten und andere Gäste vorne zu platzieren, etwa arbeitslose Mädchen, Asylbewerber oder wohnsitzlose Männer. Stellen Sie sich vor, der Bischof hätte sie an Stelle des Bundespräsidenten und der Kardinäle nach vorn gebeten. Undenkbar!

Wie komme ich auch auf einen so verrückten Gedanken? Drei Gründe gibt es dafür: die Lesung des heutigen Tages, auch in der Kirchenzeitung abgedruckt, und ein Gespräch am vergangenen Sonntag auf dem ökumenischen Kirchentag in Sulzbach. Der dort anwesende Vertreter des Caritasverbandes hatte mir erzählt, er habe seinerzeit vorgeschlagen, als Motto für das Domjubiläum folgendes Thema zu wählen: „Die Armen im Schatten des Domes“. Dafür habe es allerdings keine Mehrheit gegeben.

Natürlich waren auch die Armen nach Limburg eingeladen, wohl nicht zum Festakt in der Stadthalle, aber zu manchen anderen Veranstaltungen. Sicher waren auch viele von ihnen in Limburg, haben mitgebetet und mitgefeiert. Sollte das nicht genügen?

Ich wage es nicht zu beantworten und will auch die wunderbaren Veranstaltungen, vor allem den Festakt in Limburg nicht kritisieren, selbst wenn ich das Domjubiläum sicher anders gefeiert hätte. Dennoch: das Wort des Jakobus, daß Gott die Armen in der Welt bevorzugt und sie zu Granden und Monsignori in seinem Königreich macht, muß doch in der Kirche sichtbar werden, auch in den Sitzordnungen und nicht nur dann, wenn die Armen unter sich sind.

Das Protokoll der Kirche ist ein anderes als das der Welt. Wenn der Ministerpräsident von Bayern seinen 70. Geburtstag feiert, gehören die Honoratioren in die erste Reihe.

Ein dritter Grund, um über die Sitzordnung von Limburg nachdenklich zu werden, kommt aus dem Studium der Unterlagen einer Pastoral (im Bistum Limburg) nach 85. Über 80 Pfarreien haben sich darin zu Wort gemeldet und sehr Nachdenkliches zum Zustand der Kirche und zu ihrer Zukunft gesagt. Sie haben u.a. über die Armen gesprochen, gelegentlich werden einzelne Gruppen von ihnen benannt: alte Menschen, Arbeitslose, Arme, Außenseiter, Ausländer, Drogenabhängige, Einsame, Fremde, Kranke, Problemfamilien, Spätaussiedler, Straffällige, Unterdrückte. Sie werden benannt wie letztlich Unbekannte, Fernstehende, zu denen die Pfarreien keine tiefere Beziehung haben, geschweige denn ihnen überall einen Ehrenplatz einräumten. Er steht ihnen zu, seit dem Magnifikat Marias. Danach werden die Mächtigen vom Sockel gestoßen und die Unterdrückten aus dem Staub erhoben.


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