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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1970 ::: ARCHIV KIRCHE 1970 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 2. – 7. Februar 1970

RADIO KURZPREDIGTEN

An Wunder glauben?


Mit dem Glauben an Wunder tun wir uns ausnehmend schwer. So fragt ein Pfarrer, nachdem er mit den Kindern in der Schule über die Wunder Jesu gesprochen hat: „Kommen auch heute noch Wunder vor?“ Niemand gibt darauf eine Antwort. „Nun“, sagt er zu Klaus, „nehmen wir einmal an, ein Dachdeckermeister repariert unser Kirchendach. Er fällt aus 30 Meter Höhe herunter, aber es passiert ihm nichts. Wie würdest du so etwas nennen? „Unverschämtes Glück“, sagt Klaus. „Nun gut“, fährt der Pfarrer geduldig fort,“ wenn er dann wieder hinaufstiege und wieder abstürzte, ohne dass er Schaden nimmt?“ „Das wäre ein toller Zufall“, meint der Junge ungerührt. „Und wenn es ein drittes Mal passiert?“ will der Pfarrer wissen. „Das… wäre gelogen!“ erwidert Klaus.

„Unverschämtes Glück“, „toller Zufall“, „Lüge“, das sind die Begriffe eines Kindes für etwas, was es in seinen Erfahrungsbereich nicht einordnen kann. Naiv und entwaffnend drückt es aus, was man heute über Wunder denkt: Wunder sind im Grunde unmöglich; irgendwie muss es für alles eine natürliche Erklärung geben, selbst wenn wir sie im Augenblick noch nicht kennen. Davon abgesehen ist das, was der Pfarrer seinen jungen Zuhörern zugemutet hat, nicht wunderbar, sondern in der Wiederholung schlechtweg absurd. Dass jemand vom Dach fällt und unverletzt bleibt, warum sollte es das nicht geben? Aber ist es damit schon ein Wunder?

Vielleicht – wenigstens für den, der es selbst erlebt. Andere können es ruhig als unverschämtes Glück bezeichnen. Dieser Unterschied in der Beurteilung wird bei einer tatsächlichen Begebenheit besonders deutlich. Der Autor eines Zeitungsberichtes beschreibt ein persönliches Erlebnis, das er in Afrika gehabt hat in einem Jahr katastrophaler Trockenheit. Die Savanne ist völlig ausgedörrt, das Trinkwasser muss in Tankwagen von weither gebracht werden. Besonders hart betroffen von dem fehlenden Regen sind die Tiere. Eines Abends zucken Blitze um den Kilimandscharo, ohne dass es zum Regen kommt. Nur ein Zittern springt durch die Erde wie von einem Erdbeben.

Danach hört man ein starkes Rauschen, das nicht mehr nachlässt. Am nächsten Morgen zeigt sich, dass ganz in der Nähe eine riesige Quelle sprudelt, die mittlerweile bereits das umliegende Land überflutet hat. Von allen Seiten sind die Tiere herbei geeilt und stillen ihren brennenden Durst. Wörtlich heißt es in dem Bericht: „In der größten Not der Menschen und Tiere geschah das Wunder von Ambolesi.“ Der Schreiber dieser Zeilen ist nach längerer Zeit in dieses Gebiet zurückgekehrt und muss feststellen, dass die Quelle nicht, wie zu erwarten, wieder versiegt ist, sondern einen See und einen kleinen Fluss speist, an deren Ufer saftiges Gras wächst. Abschließend sagt er: „Mein Wunder lässt sich natürlich wissenschaftlich genau erklären, daran gibt es nichts zu deuteln. Aber dass es zu einem Zeitpunkt der bittersten Not geschah, gleicht einem göttlichen Zeichen. Auch daran gibt es nichts zu rütteln.“

Das Wunderbare liegt hier nicht in dem Ereignis selbst, sondern in seinem Zusammentreffen mit einer großen Bedrängnis. Es wird erfahren als die unerwartete Rettung in einer ausweglosen Lage. Vermutlich ist es ein großer Unterschied, ob man ähnliches am eigenen Leibe erfährt oder nur davon hört. Im letzteren Fall ist man kaum befähigt nachzuempfinden, wie einem Menschen zumute ist, der sich urplötzlich von einem unergründlichen Sinn getragen weiß.

Wer eine Erfahrung dieser Art von vorneherein für unmöglich hält, wer also nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.


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