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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1984 :::

Abschied vom Pfarrer?

Ansprache beim Festgottesdienst am 9.12.1984,
dem 2. Adventssonntag 1984 (31. Sonntag im Jahreskreis A) In Mengerskirchen
anlässlich des Silbernen Priesterjubiläums von Ernst Leuninger

INHALT
Es gibt vielleicht einen endgültigen Abschied vom Pfarrer, wie er seit 1000 Jahren in Europa geprägt wurde, es gibt vielleicht auch einen endgültigen Abschied von der Pfarrei, wie sie sich bei uns entwickelt hat. Es gibt aber keinen Abschied von der Aufgabe, bis ans Ende der Tage das Heilswissen unverfälscht weiter zu geben.

Tausend Jahre haben daran mitgewirkt, die Gestalt des Pfarrers auszuprägen. Tausendjähriger Tradition verdanken wir, dass wir den Pfarrer haben, den wir heute kennen. Sinngemäß steht dies in dem Buch des Jubilars „Die missionarische Pfarrei“. Tausend Jahre sind – so die Lesung (2 Petr 3,8-14) – vor Gott wie ein Tag. Nach dieser göttlichen Zeitrechnung ist es dann gut eine halbe Stunde, dass mein Bruder Priester ist und von dieser Tradition mitgeprägt wurde. Ja er hat das Seine beizutragen versucht, diesem Pfarrer und seiner Pfarrei ein Morgen, einen weiteren Tag, ein 2. Jahrtausend zu eröffnen. Er ist davon überzeugt, dass es den Pfarrer und die Pfarrei weiterhin geben muss, allerdings mit dem einen, kleinen (?) Unterschied, dass Pfarrer und Pfarrei missionarisch sind.

Wird der herkömmliche Pfarrer und seine herkömmliche Pfarrei dieses Morgen haben, oder konnte Ernst ihnen nur noch ein Denkmal setzen?

Im Grunde hat er -auf andere Weise wie ich – Abschied genommen vom Pfarrer. Wir sind – um einen Ausdruck von ihm zu gebrauchen – eigentlich nur mehr abgeleitete Amtsfiguren. Aber auch das Bistum ist drauf und dran, Abschied vom Pfarrer zu nehmen. Diese Spezies ist bei uns und anderswo im Aussterben begriffen und gehört eigentlich auf die Liste der bedrohten Arten.

Abschied vom klassischen Pfarrer bedeutet auch Abschied von der klassischen Pfarrei. Wie müsste sich dies auf Dauer auswirken? Es könnte den Abschied von der Tradition bedeuten, von der Aufgabe künftigen Generationen den Glauben zu vermitteln. Das Lebenswissen Jesu, auf das die Menschen angewiesen sind, würde vergessen werden.

Die Kirche kann und will nicht Abschied nehmen vom Pfarrer. Sie möchte ihn sogar mit aller Macht in seiner herkömmlichen Gestalt bewahren, sei es durch das neue Kirchenrecht, sei es sogar durch eine alte Kleiderordnung. Die Kirche weiß, was auf dem Spiel steht und besinnt sich auf ihre Überlieferung. Und dabei taucht das Bild des Priesters auf, an dem nicht nur ein Jahrtausend, sondern Jahrtausende, nicht nur die Kirche, sondern unzählige Kulturen mitgestaltet haben. Es ist das Bild des Weisen, des Sternkundigen, des Tempeldieners, des Wüstenheiligen, des Medizinmannes und des Auguren.

Und von dieser Priestergestalt will auch unsere Welt nicht Abschied nehmen. Dem Energieministerium der USA liegt der ernsthafte Vorschlag vor, eine eigene Atompriesterschaft zu gründen. Ihre einzige Aufgabe bestünde darin, kommende Generationen, Erdlinge in 12.000 Jahren , falls es sie dann noch gibt, vor dem tödlich strahlenden Atommüll zu warnen, den wir vergraben und versenken. Niemand versteht in 10.000 Jahren unsere Sprache und unsere Warnschilder. Stellen Sie sich vor, die Wiederaufbereitungsanlage für gebrauchte Brennstäbe von Atomkraftwerken wäre, wie vorgesehen nach Merenberg in drei km Luftlinie von hier gekommen. Die Anlage hätte bis 2090 gearbeitet und wäre stillgelegt worden. Der angefallene Atommüll wäre 100 m tief in einer ausgesprengten Basalthöhle deponiert worden, abgesichert, vor allem durch ausführliche Hinweise und Warnungen für die kommenden Generationen. Diese müssen sich die Warnungen in 100 Jahren von Spezialisten aus Frankfurt übersetzen lassen. In 1000 Jahren weiß niemand mehr, wo Merenberg gelegen hat und was dort vielleicht an strahlendem Material gelagert ist. Ein Computerprogramm mit Daten ist zwar noch in einem Weltdatenspeicher vorhanden, es gibt aber höchstens einen Wissenschaftler, der solche Daten noch lesen kann, wie man heute die Hieroglyphen Mesopotamiens entziffert.

Atompriester würden nun ähnlich wie Priester es seit Jahrtausenden tun, die Heils- oder auch Unheilsbotschaft selbst verinnerlichten, durchdenken, neu formulieren, in Büchern oder auf elektronischen Datenträgern festhalten. Man würde Menschen dafür aussuchen, die eine besondere Begabung haben und sich einem moralisch besonders hochstehenden Leben verpflichten. Vielleicht leben sie in eigenen Weltraumklöstern, wo ohnehin ein asketisches, ja sogar zölibatäres Leben selbstverständlich ist, wo das normale Essen durch ballastarme Astronautenkost ersetzt wird.

Aber die eigentliche Schwierigkeit wäre die gleiche, wie sie die Priester aller Zeiten und Religionen gehabt haben, die Botschaft vom Heil oder auch vom drohenden Unheil unverfälscht durch die Jahrhunderte und die Jahrtausende zu tragen. Das können nur geistige und moralische Eliten. So fordert auch das Buch„ Die missionarische Pfarrei“ für den künftigen Pfarrer eine intellektuelle und persönlich überdurchschnittliche Begabung. Neben seinen theologischen Qualitäten müsse er aber etwas haben, was bisher nicht betont wurde, Fähigkeit zur Leitung einer Gemeinschaft und zum besonderen geistigen und geistlichen Austausch. Denn es tritt etwas in den Vordergrund, was mehr ist als das besondere Priestertum, nämlich das der Kirche, der kirchlichen Gemeinschaft, der Gemeinde. Sie ist die Priesterschaft Gottes, sie hat die Aufgabe bis ans Ende der Zeiten des Heilswissens an die Menschheit weiterzugeben. Dem ist der Dienst des Priesters zu – ja auch nachgeordert. Dies gilt es zu verstehen und zu verwirklichen: Morgen, im 2. Jahrtausend, und im 10. Jahrtausend.

Jesus hat ein kritisches Verhältnis zu den Schriftgelehrten, den Pharisäern und Priestern seiner Zeit: Tut und befolgt alles, was sie sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun. Eine harte Kritik. Ist sie nur für die damalige Zeit aktuell? Aber diese Kritik ist noch viel grundsätzlicher, wenn Jesus sagt, lasst euch nicht Rabbi nennen, denn nur einer ist euer Meister, ihr aber seid untereinander Brüder und Schwestern. Ihr sollt auch niemand auf Erden Vater nennen, denn nur einer ist euer Vater, Gott. Und lasst euch nicht Religionslehrer oder Theologieprofessor nennen, nur einer ist euer Lehrer, Christus. Man kann dies durchaus als eine Kritik verstehen, die allen Entwicklungen gilt, bei denen sich eigene Priester- und Theologenkasten herausbilden, die Ehrenplätze beanspruchen und sich in besonderer Weise grüßen lassen.

Es geht aber nicht nur um Kritik an dem Menschlichen und an dem, was wir aus allen Religionen und Zeiten kennen, an den Privilegien derer, die Wissen und Macht haben. Es geht um einen neuen Ansatz in einer Gemeinschaft der Gläubigen, in der es nicht um Einzelne, sondern um das Klima, das Zusammenleben und den Dienst aller geht. Was tut diese Gemeinschaft bis ans Ende der Tage anderes, als der Verheißung gemäß – so wieder die Lesung – einen neuen Himmel und eine neue Erde erwarten, in denen die Gerechtigkeit wohnt? Dies ist Sache einer Gemeinschaft, die auf neue Weise miteinander umgeht, weil sie die Hoffnung hat, dass diese Welt mit ihrer schreienden Ungerechtigkeit vergeht. Und, wo diese Hoffnung lebendig ist, gehen Menschen bereits anders miteinander um, sind sie Gemeinde des Herrn.

Wo sind diese Gemeinden?

In der vergangenen Woche war in der Presse zu lesen, man sei in abgelegenen Bergdörfern des vorderindischen Königreiches Nepal auf Christen gestoßen. Ihre Existenz in einem hinduistischen Staat war bisher völlig unbekannt. Es soll sich um mehrere Tausend in dreißig Dörfern handeln. Seit Jahrhunderten müssen sie die christliche Lehre überliefert haben, ohne dass sie von Bischöfen geweihte Priester hatten.

Gemeinden ohne Pfarrer, wir kennen es aus Südamerika. Hier entstehen neue Gemeinden, Basisgemeinden genannt, die einmal in einem Jahr einen leibhaftigen Pfarrer sehen. Begeistert schreibt ein Jesuit, der mit uns studiert hat, seine pastoralen Erfahrungen über das Netz von kleinen Gemeinden, in denen sich jeweils 15-25 Familien zusammentun. Er beschreibt die Zeit in Brasilien als besonders glückliche Jahre und empfindet die pastoralen Verhältnisse hier als vergleichsweise arm. Sind damit die Verhältnisse nicht geradezu auf den Kopf gestellt?

Im diesjährigen Aufruf der Bischöfe zum Weltmissionssonntag war die Rede von vielen kleinen christlichen Gemeinden, die sich in Asien, Afrika und Lateinamerika gebildet hätten. Sie teilten und glaubten miteinander. Ihr Beispiel präge das Gesicht der Weltkirche mehr und mehr.

Es gibt vielleicht einen endgültigen Abschied vom Pfarrer, wie er seit 1000 Jahren in Europa geprägt wurde, es gibt vielleicht auch einen endgültigen Abschied von der Pfarrei, wie sie sich bei uns entwickelt hat. Es gibt aber keinen Abschied von der Aufgabe, bis ans Ende der Tage das Heilswissen unverfälscht weiter zu geben.


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