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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV ASYL 1994 :::

Abschiebung von Kroaten

Öffentlichkeit macht nicht mit

31. Januar 1994
Artikel für die Zeitschrift Publik-Forum

INHALTDie Erfahrung lehrt, daß Flüchtlinge in ihrer übergroßen Mehrheit in die Heimat zurückkehren möchten, wenn dort für sie annehmbare Bedingungen herrschen.

Die Innenminister hatten sich das wohl zu einfach vorgestellt. Man entziehe den geflüchteten Kroaten zum 1. Mai 1994 die Duldung, lasse gewisse Härtefälle gelten und verspreche Kroatien einige Millionen. Dann würden ca. 100.000 Menschen freiwillig oder zwangsweise die Bundesrepublik verlassen.

Was weder Minister noch Asylinitiativen, die seit November darum wußten, ahnen konnten: die Öffentlichkeit nimmt dieses Konzept nicht an. Das ist erstaunlich. Denn im vergangenen Jahr wurden wenigstens 30.000 Asylbewerber abgeschoben, und kein Hahn krähte danach.

Ist es die magische Zahl von 100.000 oder gibt es eine besondere Bindung gegenüber den kroatischen Kriegsflüchtlingen? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist eine wichtige Diskussion in Gang gekommen. Es ist zu klären, wann und unter welchen Bedingungen Flüchtlinge wieder in ihre frühere Heimat zurückkehren können.

Die Erfahrung lehrt, daß Flüchtlinge in ihrer übergroßen Mehrheit in die Heimat zurückkehren möchten, wenn dort für sie annehmbare Bedingungen herrschen. Tausende chilenische Flüchtlinge sind auch nach fast 18jährigem Aufenthalt in der Bundesrepublik wieder in ihr Land zurückgekehrt, als sich dort eine Demokratisierung der Verhältnisse abzeichnete.

Kroatien ist zu einem Drittel von Serben besetzt, viele Dörfer und Städte sind zerstört, die Verwicklungen Kroatiens in Bosnien-Herzegowina eskalieren, 500.000 Flüchtlinge und Vertriebene in Kroatien sind eine schwere Bürde für ein wirtschaftlich angeschlagenes kleine Land.

Es scheint allerdings, daß sich die kroatische Regierung einer umfassenden Rückführung nicht widersetzt. Dabei könnte sie die Mehrheit der Rückkehrer doch wiederum nur in neu zu errichtenden Lagern unterbringen. Oder will sie im Rahmen einer wachsenden Ablehnung der muslimischen Flüchtlinge deren Anteil in Kroatien vermindern? Ist sie vielleicht auch an wehrfähigen Männern interessiert, vor allem an Kroaten aus Bosnien-Herzegowina? Es sollen Tausende von ihnen bereits für den Kampf im Nachbarland ausgebildet werden, auch gegen ihren Willen.

Die Ängste unter den kroatischen Flüchtlingen wachsen bei denen, die aus den besetzen Gebieten stammen, deren Häuser zerstört sind, die keine Chance auf einen Arbeitsplatz haben, die in ethnisch gemischten Ehen leben, die sich dem Kriegsdienst entzogen haben, die dem brüchigen Frieden nicht trauen und die ihre Angehörigen verloren haben.

Gegen ein „Rückkehrförderungsprogramm“ – so etwas gab es bei anderen Flüchtlingsgruppen – wäre nichts zu sagen. Es müßte professionell geplant, auf einen längeren Zeitraum angelegt sein und mit den Betroffenen zusammen auf freiwilliger Basis umgesetzt werden. Keinesfalls dürften Gelder dafür gegeben werden, daß in Kroatien zusätzliche Lager für die Heimkehrer errichtet werden.


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