![]()
11.05.2015
Kriegsende vor 70 Jahren
Die Lehren aus der NS-Diktatur
Von Johannes Laubach
Onkel Franz starb in Berlin-Plötzensee als einer, der zum Kreis der Verschwörer des 20. Juli 1944 gehörte. Der Widerstand gegen Hitler und das Nazi-Regime war eine Verpflichtung, sich selbst im Glauben und der Menschlichkeit treu zu bleiben. In dieser Tradition sieht sich auch Neffe Herbert Leuninger.
Limburg/Mengerskirchen
Die offizielle Nachricht von der Hinrichtung Franz Leuningers traf bei der Familie in Mengerskirchen erst ein, als Nazi-Deutschland längst besiegt war. Im August kam das Schreiben des Oberreichsanwalts beim Volksgerichtshof an. Da hatte das Dritte Reich längst kapituliert. Am 13. März hatte die Familie nach dem zum Tode verurteilten Franz Leuninger nachgefragt. Inoffiziell wusste die Familie von der Vollstreckung des Urteils, denn der ältere Bruder Josef wollte seinen Bruder noch einmal im Gefängnis besuchen und erfuhr dabei von seinem Tod.
Die Antwort des Oberreichsanwalts mit der offiziellen Nachricht über die Vollstreckung des Todesurteils datiert vom 21. März 1945. Der Brief brauchte lange, um zum Empfänger zu kommen. Abgeschickt im Tausendjährigen Reich, angekommen in der neuen Zeit. In Mengerskirchen hatte das Dritte Reich am 27. März aufgehört, Angst und Schrecken zu verbreiten, an diesem Tag marschierten die Amerikaner in das Westerwalddorf ein.
Distanz zum Regime
Herbert Leuninger war damals 12 Jahre alt. Die ganze Familie, nicht nur Onkel Franz, stand dem Regime überaus distanziert gegenüber. „Katholisch halt“, sagt Leuninger wohl wissend, dass das nicht ausreicht. Gewerkschaftlich orientiert waren der Onkel und der eigene Vater Alois und jeweils mit Aufgaben in den christlichen Gewerkschaften betraut. Bis 1933 und der von den Nazis aufgezwungenen Gleichschaltung. Onkel Franz bekam eine Arbeitsstelle in einer Wohnungsbaugesellschaft, die enge Kontakte in die christlichen Gewerkschaften hatte. Der Vater hatte das Angebot, eine Aufgabe im Reichsarbeitsdienst zu übernehmen. „Das kam für ihn überhaupt nicht infrage“, erzählt Herbert Leuninger. Es gab beim Vater durchaus die Überlegung, Hitler-Deutschland zu verlassen. Aber mit drei Kindern, das Jüngste kam 1933 zur Welt, war das sehr schwer und der Plan wurde fallengelassen. Die Eltern machten sich dann selbstständig in Köln, wo die Familie wohnte. Die Eltern, so erzählt es Herbert Leuninger, hatten Kontakt mit einem jüdischen Ehepaar, das heimlich mit Lebensmitteln versorgt wurde. Dem jüdischen Ehepaar gelang es noch, Deutschland zu verlassen und in die USA auszuwandern. Später sei noch ein holländischer Zwangsarbeiter von den Eltern versorgt worden.
Mit der Selbstständigkeit der Eltern, sie hatten ein Lebensmittelgeschäft übernommen, war der Erwerb für die Familie gesichert. So lange, bis sie in Köln 1942 ausgebombt wurde. Dann ging es nach Mengerskirchen, dem Heimatort der Eltern.
Engagiert für Flüchtlinge
„Die kirchliche Prägung und die damit verbundene Ablehnung der Diktatur hat mich sehr sensibel gemacht für Menschen, die aus einer Situation des totalitären Systems und einer Diktatur als Flüchtling nach Deutschland kamen“, sagt Herbert Leuninger, der sich als junger Mann dazu entschied, katholischer Priester zu werden. Leuninger hat sich dann von 1972 an im Auftrag des Bistums um Flüchtlinge gekümmert und später die Gruppe Pro Asyl ins Leben gerufen, deren Sprecher er über mehrere Jahre auch war.
Armut und Perspektivlosigkeit seien Gründe, die Heimat zu verlassen und fern von ihr auf eine bessere Zukunft zu hoffen. Flucht oder Flüchtlinge nur anzuerkennen, wenn sie politisch verfolgt werden oder ihr Leben direkt bedroht ist, das ist für Leuninger eine zu starke Einschränkung. Natürlich müsse für politische Flüchtlinge das Asylrecht gesichert sein, aber das dürfe nicht dazu führen, Not, Elend und Ausweglosigkeit als Gründe für eine Flucht abzulehnen.
„Mein Vater war auch nicht politisch verfolgt, als er sich Gedanken über eine Flucht aus Deutschland machte“, sagt Leuninger. Das Regime hatte ihm den Beruf bei einer christlichen Gewerkschaft genommen. „Eine Diktatur unterdrückt immer, auch wenn man im strengen Sinn nicht verfolgt wird“, sagt Leuninger. Flüchtlinge, so seine in Jahrzehnten gewonnene Erfahrung, haben immer unter einem hohen persönlichen Druck die Entscheidung getroffen, ihre Heimat zu verlassen.
Gründe der Flucht
„Wenn Menschen in unwürdigen Situationen leben müssen, dann ist Flucht jederzeit zu rechtfertigen“, macht er seine Position deutlich. Und er erinnert in diesem Zusammenhang auch daran, dass viele Menschen in der Vergangenheit Deutschland verlassen haben. Es gab mehrere Wellen, in denen Menschen vor allem aus wirtschaftlicher Not heraus den Weg in die Fremde suchten. Und auch die Wanderungsbewegungen in Deutschland seien vor allem wirtschaftlichen Zwängen geschuldet.
Nicht nur hinsichtlich des Umgangs mit Flüchtlingen haben der Zweite Weltkrieg und das Naziregime Leuninger Lehren ziehen lassen. Diktatur und Krieg hätten die Nationalstaatlichkeit unter Hitler in einem Maß übersteigert, dass sie mit dem 8. Mai 1945 in weiten Teilen Europas zu Ende gewesen sei und in den Jahren nach dem Krieg habe sich das Konzept der Europäischen Union zumindest im Westen etablieren können. Die Zusammengehörigkeit und Grenzüberschreitung nach der Katastrophe des Krieges sind nach Einschätzung von Leuninger die richtigen Lehren. „Hoffentlich ändert sich das nicht durch neu erweckte rechte Kräfte oder nationalistische Tendenzen“, so Leuninger. Wie Deutschland teilweise entwickelt und wer auf die Straße geht, um gegen Fremde und Flüchtlinge Front zu machen, enttäuscht ihn sehr.
Unschätzbarer Wert
Dabei räumt Leuninger durchaus Fortschritte im Umgang mit Flüchtlinge ein. Die Diskussion heute im Vorfeld von Flüchtlingsaufnahme, die Bemühungen um eine Willkommenskultur und eine intensive Begleitung der Flüchtlinge dort, wo sie zunächst eine Bleibe finden, sei nicht mit der Situation von vor 30 Jahren zu vergleichen. Damals seien Flüchtlinge oft in großen Sammelunterkünften unwürdig untergebracht gewesen, Einwohner und Behörden wären dabei sehr oft überfordert gewesen.
„Wir haben erlebt, dass Frieden zwischen den Völkern ein unschätzbarer Wert ist. Zumindest in Europa ist das auch umgesetzt. Wir haben aber nicht gelernt, dass Krieg kein Mittel der Politik ist“, sagt Leuninger mit Blick auf die vielen Krisenherde in der Welt. Die Europäische Union und ihre einzelnen Mitgliedsstaaten unternehmen dabei viel zu wenig, um auf der Welt einen wirtschaftlichen Ausgleich zu schaffen. Das große Gefälle zwischen arm und reich ist nach Einschätzung von Leuninger ein ständiger Unruhestifter und Konfliktstoff. Und im Hinblick auf den Umgang mit den vielen Flüchtlingen, die ihr Heil und ihre Zukunft im „gelobten Land Europa“ suchten, geben die Länder des Kontinents und der Union ein schlechtes Bild ab. „Insgesamt muss noch das Bewusstsein wachsen, eine Welt zu sein“, gibt Leuninger als Ziel vor.
Interview mit Herbert Leuninger
Der Tag, an dem die Welt
von der NS-Diktatur befreit wurde
11.05.2015
NNP: Der 8. Mai 1945 …
… ist der Tag der Befreiung, der einer schlimmen Diktatur ein Ende bereitet und der eine neue Sicht auf die Demokratie ermöglicht hat. Ein Tag, wichtig für ganz Europa. Ein Tag, der zunächst Westeuropa und heute nahezu das komplette Europa zu einem „gelobten Land“ gerade auch für Flüchtlinge hat werden lassen. Eine Entwicklung, die untrennbar mit Freiheit verbunden ist, die uns nach dem 8. Mai 1945 ermöglicht wurde.
In der Diskussion um die Deutung des Tages gibt es aber auch Stimmen, die an die Opfer des Bombenkrieges und der Vertreibung erinnern und darin keine Befreiung sehen.
Das ist für mich völlig unverständlich. Die Bedeutung des Tages lässt sich nicht einschränken. Ich kann Menschen nicht verstehen, die so denken.
Aber der Bombenkrieg auf deutsche Städte hat viele Opfer gefordert, die Vertreibung hat den Verlust von Heimat bedeutet, Frauen und Kinder waren auf dem langen Weg oft wehrlos der Gewalt ausgesetzt.
Es ist großes Unrecht, was damals geschehen ist. Die Alliierten haben Schuld auf sich geladen, als sie die Bevölkerung deutscher Städte bombardiert haben. Wir sollten aber nicht vergessen, dass (auch) die Deutschen zuerst diese Art der Kriegsführung eingesetzt haben. Auch die Vertreibung und das damit einhergehende Leid sind Unrecht. Aber das ändert nichts daran, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung ist. Es ist der Tag, an dem die NS-Diktatur überwunden und die Welt von ihr befreit wurde.
Ressourcen: 70 Jahre Kriegsende (PDF Dokument HL)