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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1992 ::: ARCHIV DIVERSES :::

4. Juni 1992

500 Jahre Columbus

Redebeitrag auf der Veranstaltung
VERSÖHNUNGSRITUAL
in der Stadthalle Hofheim a.Ts.

INHALT
Die Religionen sind eher Konfliktparteien, als daß sie zum Frieden beitragen.

Veranstaltung

Ich bin heute Abend hier, um meine Solidarität mit den indianischen Völkern Amerikas zu bekunden und damit auch mit allen unterdrückten Minderheiten.

Die indianischen Menschen wurden durch Christen verfolgt, gejagt, gefoltert, vertrieben und unter unvorstellbarer Grausamkeit gemordet. Dies geschah, wenn nicht gerade mit Billigung der Kirche, so doch ohne ausreichende Abwehr. Letztlich war die Kirche mit ihren aggressiven Formen der Missionierung Bestandteil eines imperialistischen Konzepts, das hundert Millionen Menschen das Leben gekostet und viele Kulturen vernichtet hat.

Wenn der größte Völkermord der Geschichte der Menschheit nach 500 Jahren zu erinnern ist, tritt alles andere, was vielleicht und zu Recht rühmend über eine christliche Epoche Südamerikas gesagt werden kann, in den Schatten. Es kann einfach nicht aufgewogen werden gegen ein grundsätzliches Versagen von Kirche und Christenheit und zwar deswegen nicht, weil sich die Frage stellt, inwieweit Christentum, trotz vielfacher und deutlicher prophetischer Kritik, trotz überzeugender christlicher Persönlichkeiten, ja heiliger Menschen ohne Zahl, trotz eindrucksvoller Bildungseinrichtungen und Hilfswerken, inwieweit also Christentum und Kirche nicht die Kraft aufbrachten, sich diesem gigantischen Unrecht zu widersetzen.

Ich vermag diese offene Frage nicht zu beantworten, weil dieses Versagen die Kirche bis auf den heutigen Tag begleitet, bis zum Erdgipfel in Rio, der zum Scheitern verurteilt ist, bis zu den unvorstellbaren Kriegsgreueltaten auf dem Balkan, wo Christen gegen Christen, Christen gegen Muslime und Muslime gegen Christen stehen.

Noch einmal erweitert sich meine offene Frage, warum die Religionen, deren Wesen es ist, dem Frieden, dem Heil der Menschen, der Versöhnung zu dienen, warum die Religionen in allen Kriegen und Konflikten, eine nicht nur klägliche Rolle spielen, sondern auch immer wieder in einer unzumutbaren Weise Bestandteil der Rechtfertigung einer Vernichtung von Menschen, Völkern, Kulturen und Umwelt werden, daß sie sich zumindest nicht mit aller Entschiedenheit dagegen zur Wehr setzen, wenn sie zum Unheil vereinnahmt werden?

Der Golf-Krieg hat mir persönlich alle Illusionen genommen, als könnten die Religionen in entscheidender Weise dem Frieden dienen; wie sie es bisher getan haben, bestimmt nicht!

Hier müßten sich die Religionen in einer neuen Dimension des Pazifismus, eines aktiven, opferbereiten Pazifismus entwickeln.

Von den Voraussetzungen her, die für eine solche Entwicklung notwendig sind, möchte ich nur eine benennen:

Es gibt keinen Frieden unter den Menschen, ohne den Frieden zwischen den Religionen. Dieser Frieden zwischen den Religionen wäre durch einen ewigen Friedensschluß zu besiegeln, in dem alle Vorstellungen von Vor- oder Alleinherrschaft irgendeiner der Religionen zurückgewiesen würden. In diesem Pakt wären Verpflichtungen zum peace-making und peace-keeping an allen Krisenherden der Welt festzulegen.

Ich betrachte das heutige Versöhnungsritual als Ausdruck dafür, daß wir uns diesem gemeinsamen Auftrag zum Frieden stellen wollen.


22. Mai 1992
FRANKFURTER RUNDSCHAU

Versöhnungsritual mit Buddhisten, Sikhs, Christen,
Muslimen, Hindus, Juden und Baha’i

Singen und Beten für Amerikas Ureinwohner

Indianer im Mittelpunkt eines ungewöhnlichen Abends


Von Divetra Mies
(Auszug)

HOFHEIM. Trommeln und Adlerfedern, Legenden und Salbeirauch. Jüdische Psalmen und christliche Gebete, Tabla-Klänge und Musik der Sikhs. Zu einem ungewöhnlichen Abend laden Erika und Hermann Haindl vom „Zentrum für neues und altes Wissen“ für Donnerstag, 4. Juni. Ab 19.30 Uhr soll in der Hofheimer Stadthalle ein „Versöhnungsritual“ gefeiert werden. Anlaß der Veranstaltung ist der Besuch von 15 Indianern in der Kreisstadt, sind „500 Jahre Amerika“.

Nicht nur die nordamerikanischen Gäste, sondern Vertreter vieler Glaubensrichtungen sollen mit Gesängen und Gebeten, Worten aus Heiligen Schriften und Legenden, Stimmen, Trommeln und Instrumenten ein „Zeichen des Friedens mit Natur und Völkern“ setzen, wie Maler und Bildhauer Haindl sagt. Der Eintritt ist frei. Die Stadt unterstützt den Abend mit einer Spende und hat auch die Stadthalle kostenlos zur Verfügung gestellt.

Im Mittelpunkt des Versöhnungsrituals stehen die nordamerikanischen Gäste – was auch die Aufstellung der Stühle im Halbkreis illustriert. Die Indianer werden den Saal mit einer Adlerfeder-Standarte betreten und den Abend mit einer spirituellen Hymne eröffnen. Gebete und Gesänge der anderen Glaubensvertreter sollen die Veranstaltung nicht etwa zu einer Art Gottesdienst für alle machen. Haindl: „Die anderen wollen zwar beim Ritual mitmachen, müssen aber dennoch in ihrer Tradition bleiben. Noch.“

Nach den Gebeten der Indianer spricht Jampa Kalsang Rinpoche, ein hoher tibetanischer Würdenträger, ein buddhistisches Gebet. Es folgen Gesänge von Sikhs und Hindus, die mit Tabla und Harmonium musizieren. Herbert Leuninger von „Pro Asyl“, einer bundesweiten Arbeitsgemeinschaft für Flüchtlinge, wird als katholischer Pfarrer über die Schuld der Christen referieren. Der Muslime Atasoy Selahattin spricht ein Gebet, bevor die Bahä’i auf Saiteninstrumenten spielen und zwei Protestanten sprechen.

Erika Haindl, die keiner Kirche angehört, betet frei. Der Jude Wolfgang Zink beendet das Programm mit Psalm und Legende. Alle Teilnehmer sollen zum Abschluß beim „social dance“ mitmachen – und jedem die Hand reichen. „Das zweistündige Versöhnungsritual setzt gegenseitigen Respekt voraus“, sagt Haindl…


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