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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1974 :::

HOFHEIMER ZEITUNG

Von den Kindern lernen

Von der Redaktion für die Rubrik „Von Woche zu Woche“
der Ausgabe vom 10./11. August 1974 erbetene, aber nicht
veröffentliche Besinnung zum Schulbeginn.


Die Lehrer – aus dem Urlaub zurückgekehrt – schicken sich wieder zum Lehren an, die Schüler richten sich auf das Lernen ein. Das entspricht der gängigen Schul- und Erziehungspraxis.

Oder sollte inzwischen ein Wandel eingetreten sein?

Nach der amerikanischen Völkerkundlerin Margaret Mead ist ein neues Zeitalter heraufgekommen. In diesem werden sich die Kinder nicht mehr nach den Erwachsenen, sondern die Erwachsenen nach den Kindern richten. Das widerspricht allen Gepflogenheiten, die die Menschheit bisher gekannt hat. Bei allen bisherigen Völkern und Kulturen ist es üblich gewesen, daß sich die Kinder an den Eltern orientieren.

Margaret Mead ist aber der Auffassung, daß sich dies grundlegend geändert hat. Früher konnte die Menschheit nur überleben, wenn sie sich an der Vergangenheit ausrichtete; heute kann sie es nur, wenn sie sich von der Zukunft bestimmen lässt. Die Verhältnisse ändern sich heute so schnell, daß sich nur die beweglichsten Menschen immer wieder anpassen können; und das sind vorwiegend die Kinder und die Jugendlichen, die unbefangen und ohne Festlegungen auf eine neue Situation einzugehen vermögen. Je älter ein Mensch ist, um so schwerer tut er sich mit allem Neuen.

Es bleibt nichts anderes übrig, als daß die Erwachsenen sich viel stärker als bisher an den Kindern orientieren. Das bedeutet auf keinen Fall, daß sich die Erwachsenen von den Kindern herumkommandieren oder festlegen lassen. Auch hebt es die besondere Verantwortung der Lehrer und Eltern gegenüber dem jungen Menschen nicht auf. Vielmehr geht es darum, in einer neuen Weise aufeinander zu hören und einzugehen.

Margaret Mead, die viele Völker und Kulturen studiert hat, meint: „heute gibt es auf der ganzen Welt keine Alten, die wissen, was die Kinder wissen.“ Sie hält es für unumgänglich, daß sich die Erwachsenen nach den Kindern richten.

So bekommt auch das Wort der Bibel „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“ in unserem Jahrhundert einen neuen Klang. An dieser Aufforderung ist viel herumgerätselt worden. Auch hier geht es um nichts anderes, als daß der erwachsene Mensch für sein Verhalten Maß nimmt am Kind. Vermag er es nicht, so bleibt ihm der Zutritt zur neuen Welt Gottes versperrt. Das ist die Auffassung Christi. Auch für ihn wissen die Jungen mehr als die Alten.


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