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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1969 ::: ARCHIV KIRCHE 1969 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 10. – 15. März 1969

RADIO KURZPREDIGTEN

Solidarität


„Wo bleibt Christus?“ fragt sich in einem Roman ein französischer Arbeiterpriester, nachdem er nun schon länger in der Fabrik tätig gewesen war. Wenn er alles überdenkt, was er in dieser Zeit erlebt hat, muss er zugeben, daß Christus da ist. „In der Fabrik hat es angefangen“, überlegt er, „auf einmal gab es da ein gegenseitiges Vertrauen unter den Arbeitern, gegenseitige Hilfe, Versöhnlichkeit und eine Solidarität, die sie früher nur im politischen Kampf kannten. Vor der Fabrik griff es auf Wohnungen über, auf die Elendshotels und dann auf die anderen Fabriken im Viertel…“

Gleich am Anfang fiel Pierre – so heißt der Priester – das selbstlose, brüderliche Verhalten der Arbeiter auf. „Klappt was nicht bei dir? Kommst du nicht durch? Dich haben sie entlassen? Zieh bei uns ein, wir rücken etwas zusammen…. Dein Junge ist krank? Hör mal, meine Mutter wohnt in Blois und da kenne ich auch noch einen Fernfahrer, das lässt sich schon einrichten…“

Der Roman, aus dem diese Stelle genommen ist, bemüht sich darum, ein wirklichkeitsgetreues Bild der Arbeitswelt zu entwerfen. Dennoch ist zu fragen, ob er mit dieser Schilderung nicht einem romantischen Wunschdenken erlegen ist; denn die Erfahrung spricht in dieser Beziehung eine ganz andere Sprache. Junge Pfarrer, die in Betrieben gearbeitet haben, sind nicht so optimistisch.

Einer von ihnen hatte, wie üblich kurz vor Arbeitsschluss, seinen Arbeitsplatz gefegt. Dabei hatte er gleich den Platz eines jungen Arbeitskollegen mitgesäubert. Ein anderer sah dies und meinte: „Du wirst doch für diesen jungen Kerl nicht den Dreck wegmachen, gedankt wird dir das sowieso nicht. Die Anderen werden dich höchstens noch auslachen.“ Auf den Einwand des Theologen, wo kommen wir hin, wenn wir alle so denken, erzählte der Kollege, wie er bei Eintritt in den Betrieb schikaniert wurde und meinte: „Du mußt sehen, daß hier im Grunde genommen einer gegen den Anderen steht und jeder seinen persönlichen Vorteil sucht.“ Auch in Gesprächen mit anderen Arbeitnehmern kam immer dasselbe heraus. Sie hätten das mit dem Helfen ja früher auch schon probiert, aber wenn sie Hilfe gebraucht hätten, wären sie im Stich gelassen worden. Daher wären sie auch jetzt nicht mehr so blöde.

Bei den Gesprächen wird im Grunde nicht bestritten, daß es richtig wäre, einander zu helfen. Aber es bleibt bei dieser Einsicht. Sie setzt sich kaum in die Tat um. Man darf sich nämlich nicht enttäuschen lassen und nicht mutlos werden. Man darf auch nicht vor den Verhältnissen kapitulieren, die allen nahe legen, den Profit an die oberste Stelle zu setzen. So unrealistisch ist die Vorstellung des Romans von der Solidarität der Menschen vielleicht doch nicht. Man müsste nur im Sinne „der Torheit des Kreuzes“ so „dumm“ sein und wie ein Christ handeln.


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