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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1971 ::: ARCHIV KIRCHE 1971 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 24. – 29. Mai 1971

RADIO KURZPREDIGTEN

Nächstenliebe nach Freud


Kein Geringerer als Freud stellt das Gebot der Nächstenliebe in Frage. Dabei ist er sich wohl bewußt, von welch zentraler Bedeutung dieses Gebot für den christlichen Glauben ist. Nur gibt es diese Idealforderung schon länger als das Christentum. Andererseits ist sie aber auch nicht so alt, als daß sie schon immer unter den Menschen erhoben worden wäre. „Wir wollen uns naiv zu ihr einstellen“, schreibt Freud, „als hörten wir von ihr zum ersten Male. Dann können wir ein Gefühl von Überraschung und Befremdung nicht unterdrücken. Warum sollen wir das? Was soll es uns helfen? Vor allem aber, wie bringen wir das zustande?“ Für Freud kann es Nächstenliebe nur geben, wo ein anderer mir in wichtigen Stücken ähnlich ist. Dann vermag ich im andern mich selbst zu lieben. Oder aber er verdient meine Liebe, weil er vollkommener ist als ich. Ich liebe dann weniger mich selbst als mein Idealbild.

Weiterhin kann ich den Nächsten lieben, weil er der Sohn meines Freundes ist. Schließlich muß ich doch bereit sein, den Schmerz meines Freundes zu teilen, wenn dessen Sohn etwas zustößt. Einem Fremden gegenüber, der für mich keinen Wert darstellt, wird Liebe allerdings ausgesprochen schwierig. Freud betrachtet es sogar als ein Unrecht, wenn ich einen Fremden meinen Angehörigen gleichstelle. Er fragt: Wozu eine so feierlich auftretende Vorschrift, wenn ihre Erfüllung sich nicht als vernünftig empfehlen kann? Überdies gibt es bei näherem Zusehen eher Gründe einen Fremden zu hassen als zu lieben.

Freud will das Liebesgebot nur gelten lassen, wenn es anders formuliert wird. Statt zu sagen „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, müßte es heißen „Liebe deinen Nächsten wie dein Nächster dich liebt“. Damit ist auch die Feindesliebe ausgeschlossen. Sie ist nach dieser Auffassung geradezu unfaßbar.

Warum gibt es aber überhaupt das Gebot der Nächstenliebe? Freud erklärt es mit dem Bestreben der Kultur den Aggressionstrieb des Menschen zu bändigen. Mit diesem Gebot sollen dem Menschen Schranken gesetzt werden, daß er nicht über den anderen herfällt. Nur habe dieses Bemühen der Kultur bislang keinen sonderlichen Erfolg gehabt.

Wenn wir den berühmten Wissenschaftler mit seinen Einwänden ernst nehmen, steht es schlecht um die biblische Forderung nach der allgemeinen Nächstenliebe, Wir können ihm nicht einfach entgegenhalten, diese Forderung stehe doch in der Bibel. Er wertet sie sicher nicht als Wort Gottes, In diesem Falle sind Argumente, die vielleicht von psychologischer Seite vorgebracht werden, wirksamer.

In seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ sagt der Psychoanalytiker Erich Fromm etwa: „Liebe ist die einzige vernünftige und befriedigende Antwort auf das Problem der menschlichen Existenz“. Dabei kommt auch er auf das Gebot der Nächstenliebe zu sprechen, Er räumt ein, daß es schwer zu erfüllen sei. Oft wird Nächstenliebe auch verwechselt mit dem Wunsch nach Abhängigkeit, dem Streben nach Macht oder der sexuellen Begehrlichkeit. Die Liebe und ihre Verzerrungen lassen sich nach Fromm am besten in der Sprechstunde des Analytikers studieren. Hier findet er die überzeugendsten Beweise dafür, daß die Forderung der Liebe zum Nächsten die wichtigste Lebensnorm ist. Hinter allen Klagen seelisch kranker Patienten entdeckt er die Unfähigkeit zu lieben.

Wir erinnern uns: Freud sagt: Das Liebesgebot ist unvernünftig und unerfüllbar. Dagegen behauptet Fromm: Die Liebe zum Nächsten ist die wichtigste Lebensnorm. Von der Wissenschaft her läßt sich der Gegensatz kaum überbrücken. In unserem praktischen Leben sieht es ähnlich aus. Einmal verzweifeln wir daran, daß es bei uns und den andern keine Nächstenliebe gibt; das nächste Mal spüren wir, daß wir ohne sie nicht auskommen. Die Wissenschaft mag sich damit beruhigen, daß es hier zwei verschiedene Theorien gibt. Wir aber stehen vor der schweren Aufgabe, trotz unserer schlechten Erfahrungen das Gebot der Nächstenliebe ernstzunehmen.


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