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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1984 :::

Muslimische Kinder im katholischen Kindergarten

BUCHBESPRECHUNG
Barwig, Klaus/Seif, Klaus Philipp, Muslime unter uns – Ein Prüfstein für christliches Handeln. Kösel-Verlag, 1983, 164S., DM 19,80.

HINWEIS
veröffentlicht in: Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik (ZAR),1/1984, S.59f

Ist es wirklich nur eine kirchliche oder auch eine gesellschaftliche Fragestellung, daß katholische Kindergärten sich vor Überfremdung schützen wollen? Gerät vielleicht sogar darüber die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in Gefahr, die sich bislang als kompromißloser Anwalt der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien verstanden hat? Handelt es sich um den Spezialfall einer Abgrenzungspolitik wegen nationaler Identität? Knirpse, allerdings türkischer Herkunft und islamischer Religionszugehörigkeit, rütteln an den Grundfesten der katholischen Kirche in der Bundesrepublik, zumindest an denen, auf die die kirchlichen Kindergärten mit ihrem katholischen Erziehungsauftrag gebaut sind. Die Kleinen tun dies, indem sie, ohne auf Quoten und Kontingente zu achten, Einlaß in die kirchlichen Vorschuleinrichtungen begehren. Die katholische Identität eines Kindergartens scheint dadurch in Gefahr zu geraten. Die Theologie, die auch die Aufgabe hat, die Praxis der Kirche zu durchleuchten und auszurichten, hat das Thema bisher verschlafen. Vielleicht rappelt sie sich aber doch noch auf. Immerhin gibt es einen Hinweis hierauf durch die jetzt erschienene, von Klaus Barwig und Klaus Philipp Seif betreute Dokumentation einer Tagung »Muslime unter uns – Ein Prüfstein für christliches Handeln«. Die Akademie der Diözese Rottenburg/Stuttgart und die Rabanus-Maurus Akademie, Frankfurt, hatten die Initiative ergriffen, um verschiedene wissenschaftliche Disziplinen der Theologie für die übergreifende Bearbeitung dieser Thematik zu interessieren und vielleicht einen Impuls für die weitere wissenschaftliche Arbeit in dieser Richtung zu geben.

Was das denn wohl sei, die Identität des katholischen Kindergartens, fragt sich der für die Reflexion kirchlichen Handelns kompetente Rolf Zerfas. Für ihn gibt es eigentlich keine christliche Schule und kein christliches Krankenhaus, sondern im Glücksfall eine Schule und ein Krankenhaus, in dem Christen miteinander leben und arbeiten; und ein christlicher Kindergarten ist ein Kindergarten, in dem Christen ein Klima aufbauen, das dem Geist verpflichtet ist, den der Gründer, nämlich Jesus, hatte. So bedeutet die Erfüllung des katholischen Erziehungsauftrags des Kindergartens nicht die Anpassung an ein bestimmtes konfessionell-kirchliches Milieu, sondern Erziehung zur Liebesfähigkeit. Darum darf ein türkisches Kind für den katholischen Kindergarten so wenig ein »Problem« sein wie ein behindertes Kind. Was in den muslimischen Kindern auf die Gemeinden zukommt, ist nicht ein »Problem«, sondern die Herausforderung, sich auf die wirkliche Identität zu besinnen, allen Provinzialismus abzutun und Weltkirche vor Ort zu werden.

Es geht also um mehr als um die Identität des Kindergartens; und so hätten die Veranstalter der Tagung kaum einen besseren Experten der Weltkirche zu Wort kommen lassen können als Pietro Rossano, über lange Jahre Sekretär im Sekretariat für die Nichtchristen in Rom. Er wies auf, wie die Kirche zumindest seit dem II. Vatikanischen Konzil Kontakt zum Islam sucht. Für die Kirche sind Christen und Muslime berufen, sich zu respektieren, in einen Dialog einzutreten, um sich zu verstehen, die Vergangenheit zu vergessen und sich die Hände zu reichen, um Anstöße zugunsten einer Gesellschaft zu fördern, in der Friede und Gerechtigkeit herrschen. Also trotz aller Schwierigkeiten Kooperation und nicht Konfrontation.

Wichtige Ergänzungen dieser Sicht bietet Peter Antes mit einer religionswissenschaftlichen Einführung in den Islam, wobei er die Besonderheiten und Gemeinsamkeiten von Islam und Christentum herausstellt. Anders als im Christentum kommt z. B. beim Islam nicht das Scheitern in der religiösen Symbolik zur Sprache, wie etwa im Christentum das Kreuz, sondern der Sieg. Um Sieg kann es aber nicht gehen, wer sich auf einen Dialog einläßt, wie ihn Georg Evers vom Missionswissenschaftlichen Institut in Aachen analysiert, wobei die Dialogsituation in der Bundesrepublik zwischen Christentum und Islam eher als ein Verhältnis von Macht (Christentum) und Ohnmacht (Islam) bezeichnet werden kann. Evers definiert Dialog als »eine Begegnung in gegenseitiger Achtung der Andersheit des Anderen, die auf der Basis einer grundsätzlichen Gleichberechtigung stattfindet.« Ohnehin dürfe nach Auffassung des Moraltheologen Volker Eid der Islam in Deutschland nicht mehr als »Gastreligion« angesehen werden, sondern müsse als eine Religion in der Bundesrepublik erkannt werden, welche hier neben den christlichen Kirchen vor allem ihr eigenes Entfaltungsrecht besitze. Die umfassende Diakonie der Kirche bedeute daher immer und ausnahmslos, jedem hilfsbedürftigen Menschen dazu zu verhelfen, zu seiner Lebensfülle zu gelangen. Dies schließe ein, Menschen in ihrer islamischen Identität zu stärken. Wenn dies in christlicher Toleranz geschieht, die auf alle Herrschaftsansprüche und jede ideologisch-aggressive Abgrenzung verzichtet, gefährde dies nicht die Identität der Christen.

Von bisher vorliegenden Erfahrungsberichten gerade aus dem Kindergartenbereich her kann dies Georg Hüssler, Präsident des Deutschen Caritasverbandes, bestätigen. Vielleicht sind es nur die Erfahrungen engagierter Erzieherinnen, die den Befürchtungen widersprechen, daß durch die Anwesenheit muslimischer Kinder der religiöse Erziehungsauftrag an den katholischen Kindern gefährdet sei. Aber dies würde vielleicht für’s erste schon einmal genügen, um die Theorie, die in der Dokumentation aus verschiedenstem Blickwinkel vorgelegt wird, exemplarisch zu verifizieren. Und selbst, wenn die Praxis dies nicht im ausreichenden Maß abdeckt, die für die Kirche gültige Praxisanleitung, nach der – so Hüssler – die Dienste der Caritas allen offenstehen, die sie benötigen, auch den Menschen muslimischen Glaubens, genügte schon.

Hüsslers Zahlen relativieren vollends die Identitätsfrage, weil sich in den 8.220 katholischen Kindergärten im November 1981 nur ca. 3,3 % muslimische Kinder befanden; in absoluten Zahlen: 16.600 muslimische unter 506.000 deutschen Kindern. Die Anzahl der Kindergärten, in denen mehr als 25 % muslimische Kinder sind, gilt als verschwindend gering. Nur 15 % der in Frage kommenden türkischen Kinder unter 6 Jahren in der Bundesrepublik befinden sich damit in katholischen Kindergärten, so daß sich die Identitätsfrage dieser Einrichtung eher umgekehrt stellt, im Sinne eines Versagens vor der integrationspolitischen Aufgabe. Das sollten sich alle vor Augen halten, die die Anwesenheit muslimischer Kinder in einem katholischen Kindergarten zu einer Schicksalsfrage dieser Einrichtungen hochstilisieren.


veröffentlicht in: Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik (ZAR),1/1984, S.59f


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