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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1969 ::: ARCHIV KIRCHE 1969 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 10. – 15. März 1969

RADIO KURZPREDIGTEN

Mensch und Maschine


Als im Jahre 1760 in England die erste Maschine in Gang gesetzt worden war, wurden sie von der Arbeitern in Brand gesteckt. Waren sie Feinde des Fortschritts, hatten sie Angst um ihre Arbeitsplätze, fürchteten sie von der Maschine versklavt zu werden, oder sahen sie in ihr vielleicht ein dämonisches Wesen? Wir wissen es nicht. Vermutlich hat alles zusammen die englischen Arbeiter zur Zerstörung der Maschine getrieben. Obwohl damit der Siegeszug der Maschine nicht aufgehalten werden konnte, hat sie für die Menschen einen dämonischen Zug bewahrt.

Diese Dämonie wird darin gesehen, daß die Maschine den Menschen in eine neue Sklaverei gebracht habe; denn die Maschine ist dem Arbeiter nicht so zur Hand wie das Werkzeug. Die Maschine dient nicht, sondern muss bedient werden. Damit bestimmt nicht mehr der Mensch den Gang der Arbeit, sondern die Maschine. Der Arbeiter wird zu einem funktionierenden Teil an der Maschine. Als typisches Beispiel wird immer wieder das Fliessband genannt. Da ist der Mensch zu ewig gleichen Handgriffen verurteilt, die in bestimmter Zeit, vom Bandtempo diktiert, verrichtet werden müssen. Auf diese Weise kann das Letzte aus dem arbeitenden Menschen herausgeholt werden.

Es liegt auf der Hand, die Maschine als den Vampir anzusehen, der die Lebenskraft des arbeitenden Menschen aussaugt. Von daher kann man nur auf die Automation hoffen, mit der der Mensch in ein neues Verhältnis zur Technik und Maschine tritt. Wird sie den Menschen von der Sklaverei der Maschine befreien? Alles spricht dafür, denn der Automat ist eine vollselbständige Maschine, die alle Arbeitsgänge übernimmt, auch die, die bisher der Mensch zu erbringen hatte.

Diesem verbleibt nur noch die Aufgabe zu überwachen, einzustellen, notfalls zu reparieren. Erwähnt sei für diese Umstellung eine Fabrik der Schallplattenindustrie. Dort hatten bisher 250 Arbeiter unter ohrenbetäubendem Lärm und inmitten von Gestank arbeiten müssen. Dabei produzierten sie in dem 8-Stundentag nur ein Fünftel von dem, was jetzt 16 leise surrende Maschinen leisten, die von vier sauber gekleideten Aufsehern überwacht werden.

Immer mehr wird der Automat uns abnehmen, wozu wir Jahrtausende lang gezwungen waren. Es sieht so aus, als verlöre die Technik damit auch ihren dämonischen Zug. Das ist die Täuschung, denn der Automat löst nicht automatisch die Probleme, die die Maschine dem Menschen gestellt hat. Es handelt sich um die uralte Selbsttäuschung des Menschen, der die Dämonen in der Welt und in den Dingen sucht, nur nicht in sich.

Aber das ist uns von der Schrift verwehrt. Die Welt wird nicht von Dämonen regiert, auch erst recht nicht im Maschinenzeitalter. Die Verantwortung für die Welt ist dem Menschen aufgetragen. Für kurze Zeit konnte es so aussehen, als müsse der Mensch diese Verantwortung wieder an die Maschine abtreten, an die Dämonen der neuen Zeit. Aber der raffinierteste Computer bleibt nur eine Maschine, bewundernswert und banal. Bewundernswert und manchmal banal ist auch ihr Erfinder, der Mensch, nur ist er darüber hinaus auch noch verantwortlich.


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