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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1970 :::

Schriftauslegung und Predigtgedanken

Lk 13,1-9

3. Fastensonntag (C)
veröffentlicht in:
Heinrich Kahlefeld (Hrsg.) in Verbindung mit Otto Knoch,
Die Episteln und Evangelien der Sonn- und Feiertage,
Auslegung und Verkündigung,
Die Evangelien, 5, I. Advent bis Ostern,
Lesejahr C, Frankfurt/Stuttgart 1970, S.126-128
INHALT
Das Schuldbewußtsein hat sich erheblich verändert. Es wächst das Gefühl für gemein-schaftliche Schuld. Der biblische Ruf zur Umkehr richtet sich vor allem an die Kirche und die Gemeinden.

Evangelium nach Lukas 13, 1- 9

1 Zu dieser Zeit kamen einige Leute zu Jesus und berichteten ihm von den Galiläern, die Pilatus beim Opfern umbringen ließ, sodass sich ihr Blut mit dem ihrer Opfertiere vermischte.
2 Da sagte er zu ihnen: Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht?
3 Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.
4 Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wurden – meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht?
5 Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.
6 Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine.
7 Da sagte er zu seinem Weingärtner: Jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen?
8 Der Weingärtner erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen.
9 Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen.

I

(1) Der Ruf zur Umkehr ist zentrales Thema der biblischen Botschaft. Die anstehende Perikope variiert ihn dreifach. Besonders eindringlich wirken die Worte: „. . ihr werdet alle, wenn ihr nicht umkehrt, auf ähnliche Weise umkommen“. Trifft uns diese apokalyptische Drohrede überhaupt noch? Wer sich näher mit dieser literarischen Gattung befaßt, weiß um die Schwierigkeit, sich in die zugrundeliegende Mentalität einzufühlen. Wer von uns fühlt sich so schuldig, daß ihm der Tod als gerechte Strafe vorkommt? Oder muß uns „Schuld“ erst offenbart werden, damit wir an sie „glauben“ können, als ein mysterium iniquitatis? Demnach weiß ich nicht von vorneherein, wie schlimm es um mich bestellt ist, wie tief böse ich bin.

(2) Die Askese hat sich redlich Mühe gegeben, dieses Bewußtsein in uns zu wecken. Der Erfolg war immer schon recht bescheiden. Jetzt ist er sogar vollends in Frage gestellt. Niemals haben wir uns so frei von Schuld gewähnt wie heute. Wir gestatten uns einen persönlichen Entscheidungsspielraum, der uns noch vor wenigen Jahren das Verdammungsurteil jedes gewissenhaften Beichtvaters eingetragen hätte. Inzwischen sind diese eher geneigt, uns vor der Absolution weitgehend zu exkulpieren. Wir fühlen uns von Schuld mehr befreit durch Ent-Schuldigung als durch Vergebung. Wir sind in mancher Hinsicht wissender geworden. So haben wir nicht nur tiefen- psychologische Erkenntnisse gewonnen; uns wurde die Einsicht zuteil, daß das Wecken von Schuldgefühlen ein probates Mittel der Herrschenden ist, um die Untergebenen im Käfig des Gehorsams zu halten.

(3) Ist Umkehr deshalb nicht mehr vonnöten? Sicher entfällt sie für manche sorgfältig gehegten Schuldreservate. Unerheblich wird sie auch in den routinierten Formen liturgischer Bußakte. Gerade hier schleicht sich mit Vorliebe jene Form von „Religion“ ein, die es dem Menschen erlaubt, durch „Frömmigkeit“ dem Anspruch Gottes zu entgehen. Religiöses Tun steht zu oft für die totale Inanspruchnahme. Das Problem taucht nicht zuletzt bei dem Bußritus am Anfang der Eucharistiefeier auf. Können zwei bis drei Minuten eine echte Umkehr bringen? Allenfalls wäre dazu die Eucharistiefeier als ganze geeignet, wenn sie nicht selbst zur Zeremonie erstarrt ist.

(4) Wo Umkehr erforderlich wird – wer wollte das bei sich ausschließen? – helfen „Bußakte“ kaum etwas. Vielleicht sind sie in der Lage, überhaupt die Idee einer möglichen Umkehr wach zu halten. Diese aber ist ein ganzheitlicher Vorgang, der alle Bereiche der menschlichen Person umfaßt. Sicher ist er nicht an ein bestimmtes Zeitmaß gebunden; er kann sich blitzartig ereignen. Immer aber ist er ein Stück gnadenhafter Erfahrung, die niemandem andemonstriert werden kann.

II

(1) Die Auffassung der Pharisäer von dem Zusammenhang zwischen Schuld und Schicksal wird zwar von Jesus nicht geteilt. Seine Antwort kann aber nicht als Lösung der aufgeworfenen Frage gelten. Im Grunde verlagert sie nur das Problem. Dabei werden vermutlich eine ganze Reihe von Gläubigen diese Frage als die ihre empfinden und eine befriedigendere, ja überhaupt eine Antwort erwarten, die den Sinn für Leid und Tod anzugeben weiß. Will sich ein Homilet darauf einlassen, obgleich es nur ein Nebenmotiv der biblischen Aussage ist, muß er die verschiedenen Bewußtseinsstufen kennen, auf denen seine Zuhörer stehen. Sicher gibt es die Gruppe derer, für die eine ursächliche Verbindung von Leid und Schuld selbstverständlich ist. Sie unterscheiden sich allerdings darin, daß ein Teil von ihnen für die notwendige Strafe eine magisch-vorpersonale Schuld als genügende Ursache annimmt, und sich darum in den Ritus flüchtet; andere leben mit der Vorstellung des gerechten und strafenden Vatergottes, den es tunlichst zu versöhnen gilt. Eine höhere Stufe hat erreicht, wer sich dem harten Schicksalsschlag als einer Prüfung stellt, die ihm ein Erzieher-Gott auferlegt. Fraglos gibt es aber auch die moderne Einstellung, die sich – den Tod noch ausgenommen – an die grundsätzliche Vermeidbarkeit von Leid und Katastrophe hält und ihre Eliminierung einer künftigen Entwicklung überläßt.

(2) Ein Ansatz für die Behandlung der Perikope, der ihrem Sinn und der vorherrschenden Mentalität eher entspricht, liegt in der Umkehrforderung. Sie nicht auf den einzelnen, sondern auf die Kirche und die Gemeinde zu beziehen, legt das Bild vom Feigenbaum nahe. Nach einigen Schriftstellen, Hos 9, 10; Mich 7,1; Jer 8,13, ist der Feigenbaum und nicht nur der Weinberg Metapher für das Volk Israel. Wenn der Sinn jeder biblischen Verkündigung sich in ihrer Aktualität erweist, geht es hier um das neue Volk Gottes, seine Gnadenfrist und Umkehr. Seit dem letzten Konzil sind wir mit diesen Gedanken vertraut, die eben nicht nur den einzelnen vor die Umkehrforderung stellen. Dem kommt entgegen, daß die Reflexion auf die heutige Gesellschaft die gemeinsame Verantwortung und die gemeinsame Schuld erkannt hat.

III

Der Ruf zur Umkehr ergeht an die Kirche und die Gemeinde.

(1) Die Einleitung erläutert den Gedankengang der beiden ursprünglich selbständigen Überlieferungseinheiten. Für vv 1-5 ist auf die psychologische Situation der Fragesteller einzugehen, die den gewaltsamen Tod frommer Menschen mit ihrem Gottesbild nicht vereinbaren können. Jesus, der nicht auf ihre Vorstellungen eingeht, nimmt die Gelegenheit wahr, seine Forderung nach Umkehr zu stellen. Sie ergeht an jeden, insofern eine allgemeine Abwendung von Gott vorausgesetzt wird. Bleibt die Umkehr aus, ist der Tod im eschatologischen Sinne die unausbleibliche Folge.

Für das Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum zeigen die Parallelen aus dem AT (s. die unter II, 2 angegebenen Stellen), daß der prophetische Bußruf sich an Israel in seiner Gesamtheit richtet. Ohnehin ist für das Volk Heil oder Unheil ein kollektives Widerfahrnis.

(2) Der starke Reformwille in der Kirche speist sich aus der Erkenntnis, daß die Kirche als solche Gefahr läuft, ihrer Aufgabe nicht gerecht zu werden. Das schließt die Einsicht in eine notwendige Umkehr ein ; denn eine Reform steht nicht nur deswegen an, weil sich Strukturen zwangsläufig überholen, sondern weil es dahinein das schuldhafte Versagen gibt, den zeitgemäßen Erfordernissen auszuweichen. Daher muß es auch für die Kirche den Anruf zur Bekehrung geben, dem ein Eingeständnis von Schuld entspricht. Beispiel: Das Bekenntnis, an der Kirchenspaltung mitschuldig zu sein.

(3) Es genügt nicht, im allgemeinen von der Schuld der Kirche zu sprechen, zumal dabei oft die sog. „Amtskirche“ allein gesehen wird. Kirche realisiert sich zuallererst in der einzelnen Gemeinde; hier auch konkretisiert sich kirchliches Versagen. Sie hat als christliche Gemeinschaft die Aufgabe, Zeichen des göttlichen Liebeswillens in der Welt zu sein. Das setzt voraus, daß sie sich selbst davon getragen weiß und in ihr eine entsprechende Atmosphäre der Liebe und Brüderlichkeit vorhanden ist. Wie sehr unsere Gemeinden dahinter zurückbleiben, wird in einer Welt, die sich nach den Kräften der Einheit und des Friedens sehnt, besonders deutlich. Die in Übung gekommenen Bußfeiern finden hier ein weites Feld zur Bewußtseinsbildung. Damit würde auch der unfruchtbare Gegensatz, hie Bußfeier, hie Einzelbeichte, an Bedeutung verlieren.


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