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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1973 :::

Kirche: Wohnungen und Gleichberechtigung
für Ausländer

Interview von Karl-Heinz Send mit Herbert Leuninger

INHALT
Die Kirche unterstreicht mit einem Bauprogramm ihre Forderung nach geeignetem Wohnraum für Ausländer. Sie selbst muß innerhalb ihrer Strukturen Gleichberechtigung verwirklichen.
Hess. Rundfunk

Karl-Heinz Send sprach mit Pfr. Herbert Leuninger, dem Referenten für kirchliche Ausländerarbeit im Bistum Limburg. Der aktuelle Anlaß dieses Gesprächs war die Übergabe von Wohnungen an Ausländer, die aus kirchlichen Mitteln finanziert wurden.

Hess. Rundfunk

58 Ausländerwohnungen, ein Bauprogramm, daß gerade eben in Limburg fertiggestellt worden ist. Herr Pfr. Leuninger, 58 Wohnungen, das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn ich das so sagen darf.

Leuninger

Es ist sicher nur ein bescheidener Beitrag, den das Bistum Limburg für dieses Problem leisten kann. Wichtig daran ist nicht nur die Tatsache, daß die Diözese damit versucht, den Ausländern auch neuerstellten Wohnraum zur Verfügung zu stellen, und nicht nur alte Häuser und Baracken, sondern auch die Tatsache, daß damit die Forderung der Kirche unterstrichen wird, den Ausländern genügend Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Hess. Rundfunk

Dieser Wohnraum, der Altbau und der Neubau, ist noch viel zu teuer, insbesondere gerade für Ausländer.

Leuninger

Ich habe mich dieser Tage noch mit Deutschen unterhalten, die Einsicht in die Verhältnisse haben, und die davon sprechen konnten, daß Mieten ‚wo für den qm DM 10, bezahlt werden, tatsächlich keine Seltenheit sind.

Hess. Rundfunk

10 Mark und zum Teil sogar bis zu 30 Mark! Herr Pfr. Leuninger, können Sie hier eingreifen?

Leuninger

Direkt können wir hier nicht eingreifen. Wir könnten aber die Gemeinden dazu anhalten, daß sie konkrete Fälle des Mietwuchers aufgreifen. Das hat dieser Tage bei der Einweihung des neuerbauten Hauses in Limburg Weihbischof Kampe noch eigens unterstrichen.

Hess. Rundfunk

Wie groß ist eigentlich der Ausländeranteil innerhalb der Diözese Limburg?

Leuninger

Es ist sehr schwer, genaue Zahlen anzugeben. Aber durch Hochrechnungen, die wir angestellt haben, glauben wir, eine Zahl von 120 000 angeben zu können. Das sind etwa 10 – 12 % der gesamten Katholiken des Bistums Limburg.

Hess. Rundfunk

Wo sehen Sie die wesentlichen Probleme, Herr Pfr. Leuninger, innerhalb Ihres Arbeitsbereiches?

Leuninger

Es gibt zwei Probleme. Das eine Problem besteht darin, daß den Ausländern und zwar auch den ausländischen Priestern und Sozialarbeitern, die entsprechenden Möglichkeiten geboten werden, um ihre Arbeit fruchtbringend leisten zu können. Es muß weiterhin sichergestellt werden, daß die ausländischen Katholiken mit ihren Einrichtungen den deutschen Gemeinden gleichgestellt werden, und daß sie sich als vollwertige Partner innerhalb der deutschen Kirche fühlen.

Hess. Rundfunk

ich glaube, davon sind wir noch ein ganzes Stück weg, Herr Pfr. Leuninger. Wenn man so die einzelnen Sprecher der ausländischen Missionen hört, dann wird immer wieder die Klage laut über Überheblichkeit gegenüber den ausländischen Minderheiten seitens vieler deutscher katholischer Kirchenfunktionäre. Stimmt das?

Leuninger

Ich sehe es als eine wichtige Aufgabe an, den Ausländern das Gefühl zu nehmen, daß sie als zweitrangig angesehen werden. Ich möchte versuchen, sie bei allen Entscheidungsprozessen mit einzubeziehen. Ein erster Schritt dazu ist sicher die Bildung von Beiräten, die den deutschen Pfarrgemeinderäten gleichgestellt werden.

Hess. Rundfunk

Wichtig scheint mir unter anderem auch die Zurverfiigungstellung von Gemeindesälen und nicht nur von Kirchenräumen.

Leuninger

Das Raumproblem ist differenziert zu betrachten. Zweifellos stehen den Ausländern ohne weiteres Kirchenräume zur Verfügung. Aber sehr schwierig wird es bereits, wenn es darum geht, regelmäßig und ständig über Räume in deutschen Gemeindehäusern zu verfügen.

Hess. Rundfunk

Aber sie zahlen döch ihre Kirchensteuern?

Leuninger

Ja, und deswegen muß auch alles unternommen werden, daß sie, wenn sie nicht in deutschen Räumen aufgenommen werden, eigene Räumlichkeiten bekommen. Wenn ihnen eigene Raume geboten werden, dann nicht zuletzt deswegen, damit sie sich dort. heimisch fühlen und auch selbst über die Gestaltung des Programms bestimmen können.

Hess. Rundfunk

Lassen Sie mich zum Abschluß noch fragen, Herr Pfr. Leuninger, wo sind in aller nächster Zukunft die wichtigsten Aufgaben?

Leuninger

Die wichtigste Aufgabe sehe ich darin, zu verhindern, daß gesellschaftspolitisch die Integration der Ausländer in Deutschland gestoppt und zum Rotationsprinzip übergegangen wird.

Hess. Rundfunk

Glauben Sie, daß hier der etwas schwerfällige Kirchenapparat mitziehen wird?

Leuninger

Ich gebe hier der Kirche gewisse Chancen, vor allem dann, wenn sich die Sensibilität für diese Fragen auf der Ebene der Gemeinden verstärkt.


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