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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1971 :::

Schriftauslegung und Predigtgedanken

Joh 14,23-29

6. Ostersonntag (C)
veröffentlicht in:
Heinrich Kahlefeld (Hrsg.) in Verbindung mit Otto Knoch,
Die Episteln und Evangelien der Sonn- und Feiertage,
Auslegung und Verkündigung,
Die Evangelien 9, VI.
2. Sonntag nach Ostern bis 17. Sonntag im Jahreskreis,
Lesejahr C, Frankfurt/Stuttgart 1971, S.187-190
INHALT
Die Vorstellung von Jesus Christus wandelt sich in der Kirche. Dafür verantwortlich sind nicht nur die moderne Bibelkritik sondern auch die Gedanken nichtkirchlicher Autoren.

Evangelium nach Johannes 14, 23 – 29

23 Jesus antwortete ihm: Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.
24 Wer mich nicht liebt, hält an meinen Worten nicht fest. Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir, sondern vom Vater, der mich gesandt hat.
25 Das habe ich zu euch gesagt, während ich noch bei euch bin.
26 Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
27 Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.
28 Ihr habt gehört, dass ich zu euch sagte: Ich gehe fort und komme wieder zu euch zurück. Wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich.
29 Jetzt schon habe ich es euch gesagt, bevor es geschieht, damit ihr, wenn es geschieht, zum Glauben kommt.

I

(1) Joh sieht die Gemeinde in schroffem Gegensatz zur „Welt“. In v 22 läßt er die Frage stellen, was wohl geschehen sei, daß Christus sich nur den Jüngern und nicht der „Welt“ offenbaren wolle. In der Perikope selbst ist von einem Frieden die Rede, wie ihn die „Welt“ nicht gibt. Die exegetische Bearbeitung dieser Stelle läßt den griechischen Ausdruck unübersetzt und spricht jeweils vom „Kosmos“. Lassen wir diesen Begriff unbefangen auf uns wirken, stellen sich Gedankenverbindungen ein, die keinen negativen Beigeschmack haben. Der Kosmos ist für uns die gesamte Schöpfung, Erde und Weltraum. Hier walten die Naturgesetze, die Ordnung und Harmonie garantieren. Seit Teilhard de Chardin gibt es geradezu eine kosmische Mystik. Sie spürt die Evolution als christologische Grundkraft auf. „Kosmos“ wird zu einem Leitwort, mit dem große Erwartungen verknüpft sind.

(2) Ein anderes Verhältnis haben wir zu dem Wort „Welt“, wie es uns in den geläufigen Übertragungen begegnet. Hier sind es sehr gegensätzliche Vorstellungen, die uns durch den Kopf gehen. Wir können „Welt“ als Universum verstehen und kommen wie oben zu durchaus positiven Wertungen. Nehmen wir „Welt“ aber als Inbegriff des Menschlichen, dann fallen uns dazu eher negative als positive Adjektive ein. Hier setzt die „Welt“ des Joh an. Es ist die Menschenwelt, die der Finsternis mehr zugetan ist als dem Licht. In ihr herrscht das Böse, das in der Ablehnung Christi gipfelt.

(3) Zu dieser Welt steht die Gemeinschaft der Gläubigen in Gegensatz. Ihr Glaube an Jesus und die Art und Weise, wie sie in Bruderschaft lebt, sind eine ständige Herausforderung an die Welt. Der Haß auf die Kirche ist eine zwangsläufige Reaktion. Wenn er ausbleibt, spricht es für eine „verweltlichte“ Kirche. Die Verweltlichung schafft Fronten innerhalb unserer Gemeinden, aber nicht die zwischen konservativ und progressiv. Hier geht es zwar auch um Fronten, sie sind aber innergemeindlicher Natur. Die eigentliche Grenze verläuft da, wo Christus nicht geliebt und nicht nachgeahmt wird.

II

(1) Weiß die Gemeinde, die sich auf Christus beruft, wen sie liebt, an wessen Wort sie sich zu halten hat, und wessen Frieden sie empfangen soll ? Vor Jahren konnte Karl Rahner sagen, der Christusglaube der Kirche leide an einem heimlichen, uneingestandenen Monophysitismus. Die Gottheit Christi stehe in Glaube und Frömmigkeit einseitig im Vordergrund. Daran konnte seinerzeit auch ein so bedeutendes Buch wie „Der Herr“ von Romano Guardini nichts Wesentliches ändern.

(2) Mittlerweile geht auch die Kirche durch das Feuer der Bibelkritik. Sie hat sich eingelassen auf die Frage nach dem Jesus der Geschichte und dem Christus des Glaubens. Die damit aufgeworfene Problematik ist noch nicht ausgestanden. Jedenfalls schwingt das Pendel der Geschichte nach der anderen Seite. Der heutige Christ möchte wissen, was für ein Mensch dieser Jesus von Nazaret war.

(3) Mit dieser Frage geht ein weltweites Interesse an Jesus Christus einher. Er nimmt auf überraschende Weise wieder eine zentrale Stelle ein. Vielen ist diese Tatsache verdächtig, weil gerade revolutionäre Bewegungen so gern von ihm sprechen. Es stört sie, wenn man Jesus als den sozialen Revolutionär vereinnahmen will. Außerdem liegt der Schluß nahe, daß alles, was außerhalb kirchlicher Theologie über Jesus Christus gesagt wird, zwangsläufig ein „weltliches“ Urteil ist. Dagegen ist zu fragen, ob der Geist, der an alles erinnern wird, was Christus gesagt hat, nicht auch von außen in die Kirche wirken kann.

III

(1) Christus, der Vater und der Geist sind dort anwesend, wo Christus geliebt und sein Wort gehalten wird. Das aber geschieht für Joh in der Gemeinde, und nur in ihr. Sie ist der Ort, an dem die wahre Bedeutung Jesu von Nazaret erkannt wird. Für die ersten Gemeinden ist dies schon deswegen zutreffend, weil Jesus nur einem kleinen Kreis von Menschen überhaupt bekannt war. Diesen Wanderprediger als Retter der Menschheit zu proklamieren, war eine gläubige Tat, die sich auf wenige beschränkte.

(2) Dieser enge Rahmen ist längst gesprengt. Christus ist in die Geschichte der Menschheit eingegangen. Sein Name würde selbst dann nicht mehr in Vergessenheit geraten, wenn es keine christlichen Gemeinden mehr gäbe. Der Einfluß, den Jesus Christus auf die Haltung der Menschen gehabt hat und heute noch ausübt, ist nicht abzuschätzen. Seine Person stößt in unseren Tagen wieder auf ein überraschendes Interesse. Dabei spielt die Kirche eine eigenartige Rolle. Ihr Zeugnis für ihn wirkt auf weite Kreise innerhalb und außerhalb der Kirche ziemlich belanglos. Die dogmatisch verfestigten Aussagen gehen über die Köpfe hinweg. Eine Beziehung zu den heutigen Fragestellungen ist nur schwer aufzuspüren.

(3) Wo ist der Geist, der uns alles lehren kann, der uns hilft, das Geheimnis Jesu Christi unserer Zeit zu enthüllen? Wir halten Ausschau nach überzeugender Auslegung seines Lebens und seiner Worte. Dabei machen wir eine unvermutete Entdeckung. Denker, die keine Christen sind, es nicht einmal sein wollen, sprechen heutzutage in eindrucksvoller Weise über Jesus. Sie ziehen ihn in die weltweite Auseinandersetzung über Sinn und Fortgang der Geschichte hinein. Einige Zitate mögen es belegen : Der marxistische Philosoph Vitezslav Gardavsky aus Prag schreibt sehr ausführlich über Jesus. Dabei kommt er auf seine Wunder zu sprechen : „Jesus zeigt mit seinen Wundern den Ungläubigen unter seinen jüdischen Zuschauern, die niemals etwas gewagt haben oder denen eine solche Möglichkeit nie in den Sinn kam, daß radikale Eingriffe in den ,natürlichen Ablauf der Dinge wirklich geschehen und Wunder in der Kraft des Menschen stehen können.“ Um Wunder bewirken zu können, müsse der Mensch von Liebe durchdrungen sein.

Mit Emphase wendet sich Roger Garaudy, ebenfalls marxistischer Philosoph, an die Christen : „Ihr, die ihr die große, uns von Konstantin geraubte Hoffnung unterschlagen habt, ihr Menschen der Kirche, gebt ihn ( Jesus) uns wieder! Sein Leben und sein Tod sind auch für uns da, für alle jene, für die darin ein Sinn liegt.“

Der jüdische Schriftsteller Schalom Ben-Chorin stellt in seinem Buch „Bruder Jesus“ Jesus ganz in seine jüdische Umgebung. Dabei gewinnt er einen tiefen Respekt vor dem Glauben Jesu: „Sein Glaube, sein bedingungsloser Glaube, das schlechthinnige Vertrauen auf Gott, den Vater, die Bereitschaft, sich ganz unter den Willen Gottes zu demütigen, das ist die Haltung, die uns in Jesus vorgelebt wird und die uns – Juden und Christen – verbinden kann.“

(4) Die Zitate können nur schwache Beispiele sein für die ernsthafte Einstellung, mit der Nichtchristen derzeit über Jesus sprechen. Sie erregen mit ihren Aussagen mehr Aufmerksamkeit als die kirchliche Rede. Damit soll nicht gesagt sein, daß diese überflüssig geworden sei. Denken wir an den Ruf des französischen Kommunisten, der an die Kirche und ihr Christuszeugnis gerichtet ist. Dahinter steht eine große Erwartung. Sie ist auf Jesus Christus und seine Gemeinde bezogen. Diese sollte sich dem Ruf stellen, indem sie das Gespräch über Jesus aufnimmt und sich von dem Geist, der auch außerhalb der Kirche wirkt, befruchten läßt. Daraus könnte sich eine erneuerte Liebe zu Jesus Christus ergeben. Mit dieser ist das Wohnen Gottes in seiner Gemeinde verknüpft, die nur so das Zeichen des Heiles für die Welt sein kann.


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