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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1971 ::: ARCHIV KIRCHE 1971 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 24. – 29. Mai 1971

RADIO KURZPREDIGTEN

Hundert Schwestern und Brüder


Immer bohrender fragen junge Leute: Was hat mir der christliche Glaube zu bieten? Man kann diese Frage zurückweisen, wenn man dahinter ein verdächtiges Lohndenken wittert. Andererseits suchen jüngere Menschen mit Recht nach einem erfüllten Leben. Dieses möchten sie keinesfalls auf ein ewiges Leben nach dem Tode verlagert wissen. Das ist ihnen viel zu ungewiß. Hier und jetzt wollen sie sehen, was die christliche Weltanschauung für ihr Leben austrägt.

Mit ihrer Frage befinden sie sich überdies in bester Gesellschaft. Sie wurde bereits Jesus gestellt. Er hat sie nicht einfach als unstatthaft zurückgewiesen. Eines Tages wandte sich Petrus an Jesus, indem er fragte: Was wird uns dafür zuteil, daß wir dir gefolgt sind?“ Die Antwort Jesu spricht von einer Fülle, die jedem zufalle, der sich ganz auf ihn einlasse; Ihr werdet auf hundertfache Weise Häuser. Brüder und Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker haben.“ Seine Freunde sollten also nichts von dem entbehren, was das Glück eines Menschen auszumachen pflegt. Im Gegenteil, es sollte ihnen in überreichem Maße zufallen.

Um dies besser zu verstehen, müssen wir nochmals auf die Frage von Petrus zurückkommen. Nachdem ein junger Mann traurig weggegangen war, weil Jesus von ihm verlangt hatte, seinen ganzen Besitz aufzugeben, sagte Petrus: „Schau, wir haben alles aufgegeben und sind dir nachgefolgt.“ Was sie aufgegeben haben, wird in der Antwort Jesu aufgeführt: „Jeder, der Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder und seinen Besitz um der Herrschaft Gottes willen verlassen hat, wird es wiedererhalten, aber hundertfach.“ Statt eines Bruders wird der Jünger hundert Brüder, statt einer Mutter hundert Mütter, statt eines Morgens Land hundert Morgen Land haben.

Das klingt wie eine schöne und märchenhafte Übertreibung. Jesus malt eine Utopie aus, so recht nach dem Geschmack leichtgläubiger Frommer, die sich auf eine jenseitige Welt freuen. Dort, hoffen sie, daß sich alles erfüllt.

Die Verheißung Christi bezieht sich aber in diesem Falle nicht auf ein Leben nach dem Tode, ausdrücklich vermerken zwei Bibelautoren an der fraglichen Stelle, daß die hundertfache Bereicherung bereits in diesem Leben eintritt. Die neue Zeit, in der Gottes Herrschaft verwirklicht wird, zeichnet sich also augenfällig ab. Sie ist nachprüfbar. Es muß demnach Menschen geben, Christen, die von sich sagen können, daß sie mehr wiederbekommen haben, als sie aufgaben. Sie sind in ein Leben eingetreten, daß ihnen einen neuen Reichtum und eine neue Gemeinschaft beschert.

Diese Auslegung der Bibelstelle wird selten vorgetragen. Vielleicht haben Sie noch nie davon gehört. Das ist nur allzu verständlich. Denn es kann von dieser Wirklichkeit nur die Rede sein, wenn sie irgendwo anzutreffen ist.

Hinter den Bibelworten, die Jahrzehnte nach dem Tode Jesu geschrieben wurden, steht die Erfahrung der ersten Christen. Sie hatten erlebt, was die Nachfolge Christi für eine Erfüllung und ein Glück mit sich brachte. Ihnen war eine Gemeinschaft geschenkt worden, in der alle einander Bruder, Schwester, Vater, Mutter und Kind waren. Die Grenzen des Eigentums hatten sich aufgelöst. Sie stellten den Anfang einer neuen Gesellschaft dar.

Die Jugend, die sich von Kommunen angezogen fühlt, ersehnt eine neue Gesellschaft. Viele von ihnen wären sicher glücklich, wenn sie diese unter Christen finden könnten.


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