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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1969 :::

HESSISCHER RUNDFUNK FRANKFURT
Hörfunk

Gott wurde Mensch,
damit der Mensch Mensch werde.

Weihnachtsansprache

bei der Direktübertragung der Messe
aus der katholischen Kirche St. Vitus in Kriftel a. Taunus
am 2. Weihnachtsfeiertag 1969 um 10:05 Uhr


Liebe Gemeinde, verehrte Hörer!

„Zu einem Kind, das im Stalle geboren, wird gebetet. Näher, niedriger, heimlicher kann kein Blick in die Höhe umgebrochen werden. Zugleich ist der Stall wahr, eine so geringe Herkunft des Stifters wird nicht erfunden,“ sagt der marxistische Philosoph Ernst Bloch zu der Frage, was an der Kindheitsgeschichte eines Lukas wirklich geschichtlich ist. „Sage macht keine Elendsmalerei“, fährt er fort, „und sicher keine, die sich durch ein ganzes Leben fortsetzt.“

Bei dieser Deutung spielen die wundersamen Begleiterscheinungen, auch die Engel auf Bethlehems Fluren keine Rolle, also Momente, die für die christliche Weihnachtsfrömmigkeit so unabdingbar zu sein scheinen. Sie mögen Bloch nicht stören; er bedarf ihrer nicht, um von der Person Jesu angezogen zu werden. Ihm genügen bei Jesus der Stall und die niedrige Herkunft. Sie brauchen nicht einmal als Elendsmalerei aufgefasst zu werden. Wenn Maria ihr Kind in einem Stall mit Futterkrippe und Steintrog zur Welt brachte, muß das nicht etwas Außergewöhnliches gewesen sein. Die armen Leute Bethlehems werden für sich selbst kaum größere Annehmlichkeiten gehabt haben.

Von außen her gesehen stehen wir bei der Geburt Jesu vor einem alltäglichen Geschehen. Es fehlte vernehmlicher Engelgesang, es fehlten auch die Hirten, wenigstens die, welche ein Messiaskind suchten. Wer schon wusste damals von der Bedeutung Jesu? Erst dem Glauben der späteren Zeit wurde das Besondere an diesem Kind deutlich. Dann konnten auch Engel Offenbarer einer hintergründigen Wirklichkeit sein: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren, er ist der Christus, der Herr!“

Dieser knappe Satz enthält, was wir in frommer Gewöhnung leicht überhören, nämlich den ganzen Glauben der Urgemeinde: Jesus ist der Heiland, er ist der Christus, er ist der Herr! So vertraut und ehrfurchtgebietend uns diese Aussagen sind, erfassen wir nur mit Mühe den vollen Gehalt; dies rührt daher, weil wir nicht mehr in der Zeit leben, die diese Titel für Jesus gewählt hat. Die blasse Vorstellung eines „lieben“ Heilandes hat kaum noch etwas gemein mit den Vorstellungen, die ein Zeitgenosse des Kaisers Augustus hatte, wenn er das Wort „Heiland“ hörte. Nicht nur dieser Kaiser, dessen Friedensreich aufrichtig bewundert wurde, trug diesen Titel, sondern ebenso Helden und Götter, wie der stark verehrte Heilgott Asklepios etwa. Auch die Erinnerungen an den Gott des Alten Bundes wurde wachgerufen.

Von einmaliger Bedeutung war für den jüdischen Menschen die Aussage: „Jesus ist der Christus!“ Für uns ist „Christus“ längst Eigenname, für den Juden war es das griechische Wort für „Messias“. Was alles schwang mit, wenn vom Messias die Rede war. Hier ging es um die große Erwartung der Zeit Jesu. Hatte man auch immer wieder auf falsche Männer gesetzt, so war die Hoffnung unausrottbar, daß doch noch der kommt, der das Davidsreich wiederherstellt, ja sogar den Lauf der Welt wendet.

Eine spontane Welle der Verehrung schlug schließlich dem entgegen, von dem gesagt wurde, er sei „Herr“ bzw. „Kyrios“. Der jüdische Gläubige dachte an Gott, der Mensch der griechisch-römischen Welt dachte seinerseits an Herrscher mit übermenschlichem Format.

Mit diesen Ehrenbezeichnungen suchten die ersten Gemeinden auszudrücken, was ihnen Jesus bedeutete. Sie taten dies umso leichter, als sie Vorstellungen aufgreifen konnten, die zu ihrer Zeit lebendig waren. Selbst, wer ihren Glauben nicht teilte, wusste, was gemeint war.

In dieser glücklichen Lage sind wir nicht mehr. Streng genommen belegen wir Jesus mit Titeln aus einer fremden Erfahrungswelt. Daher dürfen wir uns nicht wundern, wenn das Echo darauf immer schwächer wird. Man ist sich allenthalben noch der überragenden Bedeutung Jesu bewusst, weiß es aber nicht mehr treffend genug in Worte zu fassen. So gibt ein sogenannter Gammler, der sich auf einem Kirchentag verlaufen hat, zu Protokoll: „Jesus interessiert mich schon, aber alles Drumherum nicht!“ Damit hat er das Bewusstsein vieler charakterisiert; ihnen gegenüber hat die christliche Tradition ihre Aufgabe erfüllt, insofern sie bis auf den heutigen Tag den überwältigenden Eindruck vermitteln konnte, den Jesus hinterlassen hatte. Jetzt ist sie an ihre Grenzen gestoßen. Es müssen neue Kategorien gefunden werden, um von Jesus vernünftig und vernehmlich zu reden.

Niemandem ist es gestattet, uns an irgendeine Formel zu binden. Wir sind in schöpferischer Freiheit ermächtigt, die Aussagen zu suchen, die für uns das wiedergeben, was vor 2000 Jahren gemeint war. Ähnlich hat es im 9.Jahrhundert bereits ein unbekannter Dichter getan, der in seinem Heilandgedicht den Sachsen die Heilgeschichte schilderte, als habe sie sich in ihrem Lande ereignet. Er nennt Jesus „Der Geborenen Stärkster“, „Aller Könige Kräftigster“, der „mächtigste Held.“ Das war eine Sprache, die die Sachsen verstanden, auch wenn sie beileibe nicht alles wiedergibt, was über Jesus zu sagen ist.

Sicher muß auch mit dem jungen Mann, der sich nicht für das „Drumherum“ interessiert, eine ihm gemäße Sprache geführt werden. Es wird ihn wenig kümmern, in welcher Weise Jesus auch Gott war, ob er als das ewige Wort von Ewigkeit her existiert hat, ob Maria wirklich Jungfrau war. Er Interessiert sich brennend dafür, was dieser Jesus von Nazareth für ein Mensch war.

Wenn wir heute eine Aussage über Jesus machen wollen, die die Menschen hellhörig macht, und wo sie sich angesprochen fühlen, dann liegt sie zweifellos in der Richtung, wo wir behaupten, Jesus sei d e r Mensch gewesen. Wem das zu dürftig erscheint, möge denken, daß unsere Zeit keinen ehrenvolleren Titel zu verleihen hat, als diesen. Dabei ist es vorderhand ziemlich müßig zu fragen, war Jesus nur Mensch, war er nicht auch Gott. Wer will heute darauf eine plausible und verständliche Antwort geben, wo sich die Frage nach Gott als Frage nach dem Menschen stellt?

Jesus, der Mensch, das ist fürs Erste eine überaus kühne Aussage, die in ihrem Belang kaum hinter dem Titel Heiland oder Messias zurücksteht; denn ich sage damit, daß alles, was Menschsein ausmacht, in Jesus grundgelegt und prinzipiell verwirklicht ist. Ich sage des weiteren damit, daß wir an ihm, seinen Worten und seinem Leben nicht vorbeikommen. Eine persönliche Beziehung zu Jesus, wird für jeden, der in seinen Bannkreis getreten ist, von fundamentaler Bedeutung.

Sobald ich also zu dieser Aussage komme, bleibe ich gleichweit davon entfernt, verblichene Namen einfach aufzupolieren, als auch mich modisch aufzuplustern; von Letzterem wäre ich nicht freizusprechen, wenn ich Jesus als den großen Sozialrevolutionär bezeichnen wollte. Allerdings ist die Gefahr der Vereinfachung mit keinem Titel, den ich auf Jesus übertrage, gebannt. Jede Auskunft über ihn ist, wenn wir die Überlieferung richtig deuten, kurzatmig, weil zeitbedingt. Wenn sie die Menschen nur besser an Jesus heranführt, hat sie ihre Funktion vollauf erfüllt und kann gegebenenfalls wieder ersetzt werden; denn wir glauben nicht an Formeln und Lehren, sondern an den, der damit unzulänglich benannt wird.

Sollte jemandem die Aussage, Jesus sei der Mensch, zu wenig oder auch zu viel besagen, nehme er sie vorderhand als noch unbewiesene Grundlage seines Lebens; d.h. er lasse sich versuchsweise, aber rückhaltlos auf Geist und Vorbild dieses Mannes ein. Vielleicht versteht er dann nach einiger Zeit den Satz des Theologen der alten Kirche: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde!“ Oder auch den etwas abgewandelten Satz: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Mensch werde!“


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