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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV RADIO KURZPREDIGTEN 1970 ::: ARCHIV KIRCHE 1970 :::
Zuspruch am Morgen

Hessischer Rundfunk Frankfurt
Woche vom 2. – 7. Februar 1970

RADIO KURZPREDIGTEN

Erziehung ohne Religion


Schon seit Jahrzehnten gibt es ein Paradies antiautoritärer Erziehung. In eingeweihten Kreisen ist es bekannt unter dem Namen „Summerhill“. Summerhill ist eine englische Internatsschule, in der seit den zwanziger Jahren nach modernen Grundsätzen erzogen wird. Dazu gehört, daß dem Kind jede nur erdenkliche Freiheit gelassen wird, die Autorität der Erwachsenen möglichst zurücktritt, und der Schüler ein grenzenloses Vertrauen erfährt.

Der Gründer dieser Schule, Alexander Neill, ist vom Guten in jedem Menschen zutiefst überzeugt und sieht das Ziel der Erziehung darin, daß ein Mensch glücklich ist und mit Freude arbeitet. Seine Erfahrungen hat er in einem Buch niedergelegt, dem ein renommierter Verlag flugs den Titel „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ verpaßt hat. Besonders charakteristisch für Summerhill ist es, daß kein Schulzwang besteht, jedes Kind soll also selbst entscheidet, in welcher Weise es von dem angebotenen Unterricht Gebrauch macht. Der Ablauf des Internatslebens wird von Fall zu Fall auf demokratische Weise geregelt, wobei vom jüngsten Schüler bis zum Leiter der Anstalt jeder die gleiche Stimme hat.

Nur etwas fehlt an dieser Schule, es gibt keinen Religionsunterricht. Das ist ganz bewußt so, und Neill vermerkt in seinem Buch, daß er verschiedentlich nach dem Grund dafür befragt wurde. Seine Antworten gehen immer in dieselbe Richtung. Für ihn ist der Religionsunterricht eine schädliche Einrichtung, weil dem jungen Menschen damit der Gedanke der Erbsünde mitgegeben werde. Dieser Gedanke schließe den Haß auf sich selbst ein, der vom Christentum auch gepredigt werde und seiner eigenen Vorstellung vom ursprünglich Guten im Menschen zuwiderlaufe. Dabei erwähnt er eine persönliche Erfahrung aus seiner Kindheit, die er in Schottland verbracht hat. Ihm sei von frühester Jugend an immer gesagt worden, er stehe in Gefahr in die Hölle zu kommen. Mit dieser Ausprägung der christlichen Religion wisse er bei seiner Erziehungsmethode nichts mehr anzufangen. Es komme noch die allgemeine Erfahrung hinzu, daß die Religion tot sei. „Wir sperren Menschen in Gefängnisse, wir unterdrücken die Armen, wir rüsten zum Krieg.“

Man wird nachdenklich, wenn man auf diese Gedanken stößt, auch wenn manches Urteil zu pauschal klingt und dabei eine allzu negative Erfahrung mit dem Christentum einfließt. Noch nachdenklicher können aber die folgenden Gedanken machen. Neill glaubt nämlich, daß eine neue Religion im Kommen ist, die Gott preist, indem sie die Menschen glücklich macht, und die es für heiliger halten wird, den Sonntagmorgen mit Schwimmen zu verbringen als mit dem Singen frommer Lieder.

„Man stelle sich vor“, so schreibt er, „nur ein Zehntel der Stunden, die dem Gebet und dem Kirchenbesuch gewidmet sind, würden zu guten Taten, Handlungen der Nächstenliebe und der Hilfe verwendet.“ Einem Laienprediger, der Summerhill zwar herrlich, aber allzu heidnisch findet, entgegnet Neill: „Sie verbringen Ihr Leben damit, den Leuten von Seifenkisten herunter zu predigen, wie sie erlöst werden können. Sie reden von Erlösung. Wir leben sie.“ Und nun fährt er fort: „Nein, wir halten uns nicht bewußt an christliche Grundsätze, doch grob gesagt, ist Summerhill so ungefähr die einzige Schule in ganz England, in der die Kinder so behandelt werden, wie Christus es billigen würde.“

Das wirkt wie ein Peitschenhieb, aber ist damit etwas anderes gemeint, als das was Jesus sagte: „Nicht der, der Herr, Herr sagt, wird in das Reich Gottes eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut“?


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