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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1971 :::

ENTSAKRALISIERUNG

Eine neue Theorie zu einem theologischen Schlagwort

INHALT
Die Welt ist gleichzeitig profan und sakral: profan, weil sie als Geschaffene von Gott unterschieden ist, sakral, weil sie als Schöpfung auf Gott bezogen bleibt und auf ihn hin durchsichtig ist. Pseudosakral ist alles, was sich mit dem Glanz des Absoluten umgibt. Entsakralisierung ist daher eine Forderung des richtigen Sakralverständnisses.

HINWEIS
Sendemanuskript für HESSISCHER RUNDFUNK, Frankfurt/M., 2. Hörfunkprogramm, 15. Juni 1971 – Redaktion Norbert Kutschki

Sakral und profan, natürlich und übernatürlich, Himmel und Erde, sind das Begriffspaare, die noch einen Aussagewert haben? Die moderne Theologie versucht immer stärker ohne sie auszukommen. Sie gibt dafür einen gewichtigen Grund an: Seit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist der Unterschied zwischen sakral-göttlich und profan-weltlich prinzipiell aufgehoben. Damit entfällt die Notwendigkeit und das Recht heilige Räume, Personen und Dinge für Gott auszusondern und sie von der profanen Welt als einer unheiligen abzusetzen. Die Folge ist ein Christentum, das ohne Sakralität auskommt und nur mehr weltlich von Gott redet. Entsakralisierung ist dann ein Programm, bei dem alles Sakrale, wie es vornehmlich im Kult begegnet, beseitigt wird. Dieses Programm gilt als beschlossen. Seiner Durchführung stehen noch einige Schwierigkeiten entgegen, die aus den bisherigen Traditionen stammen.

In dieser Phase der kirchlichen und theologischen Entwicklung meldet sich der Konzilstheologe Heribert Mühlen mit einem umfangreichen Werk zu Wort, dem er den Titel „Entsakralisierung“ gegeben hat (H.Mühlen, Entsakralisierung, Paderborn, 1971, 568 S.). Er gesteht darin zu, dass notwendigerweise entsakralisiert werden muss, dass es aber eine völlige Entsakralisierung nicht geben kann. Er spricht von einer tödlichen Oberflächlichkeit in der Verwendung des Begriffes „Entsakralisierung“ und warnt vor Experimenten, die vorschnell unternommen werden. Das klingt nach einer sehr konservativen Einstellung, ist aber im Zusammenhang mit einer Konzeption zu sehen, die sich schwer in dem Schema konservativ oder progressiv unterbringen lässt.

In der Analyse der heutigen Situation stellt Mühlen fest, dass die Wurzel aller Religiosität, nämlich der Wunsch sich faszinieren zu lassen, immer noch im Menschen vorhanden ist. Das ist für ihn der Ausgangspunkt, um eine Theorie zu bilden, in der echte Sakralisierung gefordert und falsche abgelehnt wird. Entscheidend ist dabei, dass in Mühlens Sicht Faszination und Sakralisierung innerlich zusammenhängen.

Fasziniert werden wir immer dann, wenn wir etwas Außergewöhnliches, Nicht-Alltägliches erleben. Dies widerfährt dem Menschen des 20. Jahrhunderts aber auf vielfältige Weise. Er lässt sich faszinieren von den Spitzensportlern des Hochleistungssports, von den Stars in Film und Fernsehen, von großen politischen Führern, von Astronauten und Schönheitsköniginnen. Die Veranstaltungen, auf denen diese Menschen herausgestellt werden, tragen kultischen Charakter. Es ist längst erkannt, dass damit neue Formen der Heiligenverehrungen geschaffen wurden. Menschen werden aus ihrer Umwelt ausgesondert. Sie genießen einerseits eine große Bewunderung, andererseits begegnet man ihnen mit ehrfürchtiger Scheu. Mühlen stellt fest, dass das Faszinierende immer zugleich anzieht und fernhält.

Einen Bereich besonderer Faszination besitzen wir in der Technik. Wir werden von den großartigen Errungenschaften in Atem gehalten. Dabei begnügen wir uns aber nicht mit dem Erreichten, selbst wenn es sich um die Mondlandung handelt. Wir erwarten immer wieder etwas Neues. Allerdings verliert das Neue in dem Augenblick seinen außergewöhnlichen Charakter, wo es erreicht oder überboten wird. Das jeweils Neue übt einen eigenartigen Reiz aus. So fasziniert heute nicht mehr das Frühere und Vergangene, sondern das Zukünftige, das „Noch-Nie-Dagewesene“.

Der Mensch, der sich der Faszination stellt, weiß, dass er selbst begrenzt ist. Aber es steckt in ihm die unausrottbare Sehnsucht, das Grenzenlose und Unbegrenzte zu erfahren. Davon verspricht er sich das Heil im spezifisch religiösen Sinn. Jeder Mensch leidet bewusst oder unbewusst an seiner individuellen Begrenztheit. Er möchte in ein Unbegrenztes eingeordnet werden. Jenes Grenzenlose und Unbegrenzte, das den Menschen von seiner Begrenztheit heilt, ist nichts anderes als das Heilige, als Gott.

Heiligkeit als Zielpunkt aller Faszination wird im Alten Bund nur von Gott ausgesagt. Danach ist Gott der schlechthin Heilige. Heiligkeit ist sein Wesen. Es zeigt sich dem Volke Israel in seiner Geschichte. Zwar ist Gott seinem Volke immer nahe, dennoch bleibt er andersartig und unnahbar. Mühlen schreibt: „(Gott) zeigt sich in seiner radikalen Nähe zum Menschen und seiner Geschichtlichkeit als der absolute Ferne, nicht zu Begreifende. Demgegenüber ist die Schöpfung das schlechthin Unheilige, das Profane. Deshalb kann der Mensch, insofern er Geschöpf ist, die Heiligkeit Gottes von sich selbst her nicht erfahren.“ Sie muss dem Menschen vermittelt werden, d.h. sie muss versinnlicht werden. Das geschieht eben dadurch, dass Menschen, Orte, Handlungen, Räume ausgesondert werden. Ein typisches Beispiel ist die an Moses gerichtete Aufforderung: „Ziehe deine Schuhe von den Füßen, denn der Platz, auf dem du stehst, ist heiliger Boden.“. So werden der besondere Kult eingeführt, die Priester, die Opfergaben und Feste. Diese Aussonderung mit ihrer entsprechenden Faszination hatte keine andere Aufgabe, als die Gegenwart des heiligen Gottes zu vermitteln. Vor allem sollte Gottes Unantastbarkeit sinnenfälliges Erlebnis werden. Alle diese Aussonderungen bezeichnet Mühlen als Sakralisierungen. Sakral ist alles, was auf Gott hin vermittelt. Immer kommt darin zum Ausdruck die Bezogenheit des Geschaffenen auf den heiligen und heilenden Gott.

Das Alte Testament ist allerdings nicht mehr bis zu der Auffassung gelangt, dass alles Geschaffene „sakral“ ist, weil alles Geschaffene fähig ist, auf Gott zu verweisen. Wohl gibt es Anzeichen dafür, dass dies für die Endzeit erwartet wird. Beim Propheten Zacharias ist von den Schellen am Geschirr der Pferde die Rede, auf denen stehen wird: „Jahve heilig“; auch die Kochtöpfe werden ebenso heilig sein wie das Tempelgeschirr.

Mit dem Neuen Bund kommt es zu einem entscheidenden Wandel in der Sakralerfahrung. Diesen Wandel beschreibt Heribert Mühlen als „Hominisierung“ d.h. als Vermenschlichung. Er hängt zusammen mit dem Auftreten Jesu und mit der Faszination, die von ihm ausgeht.

Jede Sakralerfahrung schlägt sich nieder in der Faszination durch etwas Außergewöhnliches. Von Jesus wissen wir, dass er seine Zeitgenossen fasziniert hat. Dabei kommen die Menschen zur Erkenntnis ihrer eigenen Sündhaftigkeit. Jesus vergibt Sünden, was nach jüdischem Glauben Gott allein zukommt. Das Alte Testament berichtet immer wieder, dass sich der Mensch, der der Herrlichkeit Gottes begegnet, schuldig fühlt. Wenn dies auch in der Begegnung mit Jesus Christus eintritt, steht er auf der Stufe des „Heiligen Israels.“ Die Evangelien sehen Jesus umgeben von der Hoheit göttlichen Glanzes. Ihre besondere Aussage liegt darin, dass sich das Erlebnis der „Herrlichkeit“ Gottes auf der Person Jesu konzentriert. Die Menschen werden von ihm unwiderstehlich angezogen, wobei ein ehrfürchtiger Abstand gewahrt bleibt. Im gewissen Sinne verbreitet das Auftreten Jesu Furcht und Schrecken, wie sie mit dem Erlebnis göttlichen Glanzes verbunden sind. Aber es überwiegt die Anziehung. Johannes sagt, dass die Menschen die Herrlichkeit Gottes auf dem Antlitz Jesu aufleuchten sahen, aber als Liebe. In dieser Liebe aber hat die Furcht keinen Raum mehr.

Im Alten Bund wird die Heiligkeit Gottes vorwiegend als furchterregend und erschreckend erfahren. Dabei ist es einem menschlichen Mittler wie Moses vorbehalten, der Abstand gebietenden Hoheit Gottes gegenüberzutreten. Diese Hoheit wird dem Gottesvolk in Form von Geboten übermittelt. Die Menschen selbst werden in ihrer Gemeinschaft bestimmt von der Furcht vor dem heiligen Gott. Jetzt leuchtet die Herrlichkeit Gottes als Liebes-Herrlichkeit auf dem Antlitz Jesu auf, ja – und hier liegt das unerhört Neue – auf dem Antlitz des Nächsten. Die ersten Christen haben sich als „Heilige“ bezeichnen können, weil die Herrlichkeit Gottes durch seinen Geist in ihnen gegenwärtig war. Die Vermittlung der Heiligkeit Gottes geht über den Nächsten. Die Menschen sind einander „Mittler“ zu dem unanschaulichen Gott hin. Jeder einzelne kann als „Heiliger“, „Bruder“ und Nächster dem anderen Priester und Gott sein. Mühlen sagt unter dem Gesichtspunkt der Faszination: „Jeder Christ bzw. jeder `Nächste` ist für jeden außergewöhnlich und deshalb anziehend und sich entziehend zugleich.“

Die Faszination, in welcher sich Christen gegenüberstehen, kommt von dem Geiste Gottes, der im Menschen ist. Es ist der Geist der Selbstweggabe, der im Kreuz seinen einmaligen Ausdruck gefunden hat. Die Selbstweggabe Jesu ist darin begründet, dass Gott seinen eigenen Sohn weggab. Daran wird deutlich, dass das Wesen Gottes, seine Heiligkeit, in der Weggabe des Eigensten besteht. In seiner Todesstunde hat Jesus seinen Geist, den Geist der Selbstweggabe, an die Kirche weggegeben. Immer da, wo Selbstweggabe in der Nächstenliebe geübt wird, ist Gottes Heiligkeit miterfahren. Die Nächstenliebe verleiblicht und versinnlicht die Gotteserfahrung. Daher sind auch für Jesus Gottes- und Nächstenliebe nicht zwei nachträglich zusammengefügte Gebote, sondern ein einziges Gebot.

Damit ist jeder besondere Opferkult, der Tempel und auch eine eigenständige Priesterschaft überflüssig geworden. „Die innerste Tiefe“, so steht es bei Mühlen, „die innerste Tiefe eines jeden einzelnen ist nunmehr jeder ausgesonderte Kultort, an welchem der Vater `im Geist und in der Wahrheit` angebetet und verherrlicht wird.“ Entsakralisierung heißt dann, dass die Sakralerfahrung des Menschen nicht auf ein kultisches Geschehen begrenzt wird, dass der wirkliche Kult in dem Selbstopfer des Menschen gesehen wird, dass es nicht einer Priesterkaste bedarf, da sich die Christen gegenseitig „Mittler“ zu Gott hin sind.

Im Blick auf die kommende Zeit schreibt Mühlen: „Die Zukunft der Kirche müsste bestimmt sein von der Faszination des Nächsten durch den Nächsten, des Bruders durch den Bruder (Schwester), insofern sie sich aufgrund ihres je eigenen Charisma gegenseitig die lebendige Erfahrung des lebendigen Gottes vermitteln.“ Über das Amt in der Kirche, das nicht einfach aufgegeben wird, heißt es dann weiter: „Das kirchliche Dienstamt ist dann nichts anderes als Dienst an diesen Diensten, brüderlich-subsidiäre Hilfe dazu, dass diese Sakralerfahrung glückt. Jeder repräsentiert vor jedem das anziehend sich entziehende Geheimnis Gottes, jeder ist für jeden außer-gewöhnlich.“

Wenn Sakralisierung auf diesem Hintergrund gesehen wird, kann es natürlich keine völlige Entsakralisierung geben. Dann entfällt aber auch die Aufteilung in einen sakralen und profanen Bereich. Die Welt ist gleichzeitig profan und sakral: profan, weil sie als Geschaffene von Gott unterschieden sind, sakral, weil sie als Schöpfung auf Gott bezogen bleibt und auf ihn hin durchsichtig ist. Pseudosakral ist alles, was sich mit dem Glanz des Absoluten umgibt. Das kann es nach Mühlen auch in der Kirche geben. Entsakralisierung ist daher eine Forderung des richtigen Sakralverständnisses.

Imponierend ist es auf jeden Fall, wie ein Dogmatiker ein Theologisches Schlagwort aufnimmt und unter dem Begriff der Faszination seine Berechtigung und seine Grenze aufweist. Zum Schluß sei ein Satz zitiert, der besonders kennzeichnend für die Theologie Heribert Mühlens ist: „Aller Glanz des Seienden, alle Anziehung in dieser Welt, die von der Kultur, der Technik, dem Mitmenschen ausgeht, ist die Anziehungskraft der Gnade Gottes selbst.“


Sendemanuskript für HESSISCHER RUNDFUNK, Frankfurt/M., 2. Hörfunkprogramm, 15, Juni 1971 – Redaktion Norbert Kutschki


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