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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1967 :::

Katholische Morgenfeier
im Hessischen Rundfunk Frankfurt/M.
1. Hörfunkprogramm
am 23. Juli 1967 um 8:15 Uhr
zum 10. Sonntag nach Pfingsten

Christus – der Kleine Bruder


Orgelvorspiel:
Improvisation, Richard Giez (1)

Lied:
„Singet ein neues Lied“, Hans Leo Hassler
Es singt der kath. Kirchenchor Kriftel unter Leitung von
Franz Pabel (2)

Singet ein neues Lied!
Lobet den Herren und preiset unsern Gott aller Völker
Ehre sei seinem hochheiligen Namen.
An allen Enden tut kund seine Gnade, seine große Güte.
An allen Ende erzählet unter allen Völkern seine Erbarmung;
in aller Welt rühmet ihn,
bringet her dem Herrn Ehre!

Lesung:
Philemonbrief, 1, 8-16

Obwohl ich durch Christus volle Freiheit habe, dir zu befehlen, was du tun sollst, ziehe ich es um der Liebe willen vor, dich zu bitten. Ich, Paulus, ein alter Mann, der jetzt für Christus Jesus im Kerker liegt, ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin.

Früher konntest du ihn zu nichts gebrauchen, doch jetzt ist er dir und mir recht nützlich. Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein eigenes Herz. Ich würde ihn gern bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle dient, solange ich um des Evangeliums willen im Gefängnis bin.

Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun. Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein. Denn vielleicht wurde er nur deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn.

Wenn du dich mir verbunden fühlst, dann nimm ihn also auf wie mich selbst! Wenn er dich aber geschädigt hat oder dir etwas schuldet, setz das auf meine Rechnung!

Ansprache:

Daß im römischen Reich ein Sklave seinem Herrn entlief, war kein ungewöhnliches Ereignis; daß Paulus sich des Flüchtlings annahm, entsprach schon weniger den Gepflogenheiten; wie er sich schließlich bei seinem Freund in Kleinasien für Onesimus verwandte, muß Kenner der damaligen Verhältnisse verwundern. Normalerweise wurde ein wieder aufgegriffener Sklave für sein künftiges Leben in seinen niedrigen Stand dadurch festgelegt, daß man ihm ein Brandmal auf die Stirn setzte.

Für Paulus ist Onesimus endgültig gezeichnet, weil er Christ geworden ist, und dieses Kennzeichen hebt ihn auf die Stufe seines Besitzers. Ist Philemon als Christ dem Paulus Bruder, so ist der Sklave nun Bruder des Apostels und Bruder seines Herrn. „Vielleicht“, so heißt es in dem entsprechenden Briefchen, „ist er deswegen von dir getrennt worden, damit du ihn für ewig behältst, nicht nur als Sklaven, sondern statt des bloßen Sklaven, als geliebten Bruder. Das ist er mir im besonderen Maße, wie viel mehr dann dir.“

Wie trefflich hat Paulus hier der Sklaverei den Garaus gemacht! Wie herrlich, daß wir alle in Christus Brüder sind! Wir sollten nicht so voreilig sein. Ein kurzer Blick auf das Schreiben zeigt, daß Paulus nicht im Sinne hatte, seinem Freund Vorhaltungen zu machen wegen seiner Sklavenhalterei. Im Gegenteil! Als Sklave soll Onesimus seinem Eigentümer zurückgegeben werden. Nur möge von der fälligen Strafe abgesehen werden. So bleibt Onesimus, obwohl Christ, ein Sklave. Und Philemon bleibt, obwohl Christ, ein Sklavenhalter. Sklaverei aber, man mg es drehen und wenden wie man will, ist äußerster Gegensatz zur Bruderschaft.

Wenn Paulus nicht gegen die Sklaverei als solche anging, empfinden wir das heute als Inkonsequenz. Man sucht sie durch die Erklärung zu mildern, daß für Paulus die Wiederkunft Christi unmittelbar bevorstand. So machte er sich überhaupt nicht mehr anheischig, politische und soziale Verhältnisse umzuändern. Für die Zwischenzeit genügt es vollkommen, die grundsätzliche Bruderschaft aller in Christus proklamiert zu haben. Vielleicht trifft aber auch die Erklärung zu, daß Paulus als Kind seiner Zeit die Unvereinbarkeit von Sklaverei und Christentum gar nicht gesehen hat und sie daher nicht brandmarken konnte.

Die Inkonsequenz des Paulus ist nicht ohne geschichtliche Folgen geblieben. So konnte sich die Sklaverei bis an die Schwelle unserer Tage halten. Zwar wurde sie unter Einfluss des Christentums humaner, erlosch aber als Einrichtung in Europa erst im 13. Jahrhundert. Um die amerikanischen Kolonien mit billigen Arbeitskräften zu versorgen, führte sie sich ungeniert unter den „allerchristlichsten“ Ländern in einer neuen Form wieder ein, nämlich in der Negersklaverei. Europäer, die sich Christen nannten, haben über 30 Millionen Neger wie das Vieh nach Amerika verfrachtet. Ebenso viele kamen unterwegs um. Erst das 19. Jahrhundert brachte das Ende eines Verhaltens, das der Rede von der Brüderlichkeit der Christen Hohn sprach.

Bei der Brüderlichkeit geht es nicht um eine sentimentale Idee, die dazu verdammt ist, an der harten Realität der Welt zu zerschellen. Auf keinen Fall ist eine schulterklopfende Kameradschaft gemeint. Hier ist ein Prinzip in Umlauf gebracht, nach dem die ganze Gesellschaft umgestaltet werden muss, spätestens in der jetzigen Phase der Menschheitsentwicklung.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit waren die großartigen Parolen der französischen Revolution. Leider kam sie, wie fast alle Revolutionen, nicht ohne Terror, Verfolgungen und Hinrichtungen aus.

Die grässliche Form, in der man sie zu verwirklichen suchte, verschleiert den Blick auf die Bedeutung dieser Bewegung. Sie hat mit ähnlichen Bewegungen, die das Zusammenleben der Menschen auf eine menschenwürdigere Basis heben wollten, tragischerweise das blutige Vorgehen gemeinsam. Sie hat aber auch mit ihnen gemeinsam, daß sie ohne und gegen das offizielle Christentum entstanden ist. Allzu leicht konnten sich die Mächtigen in Staat und Kirche auf die These zurückziehen, daß das Christentum seine Herrschaft nicht nur nicht infrage stelle, sondern mit allem ihm zur Verfügung stehenden Glanz bestätigte.

Es gilt Ausschau zu halten nach den Leitbildern der neuen Zeit. Wir wissen, daß wir eine Bruderwelt, wie Peter Berglar sie in seinem Buch „Die gesellschaftliche Evolution der Menschheit“ nennt, zu errichten haben. Aber die Theorie genügt nicht. Es bedarf der Menschen, die diese Brüderlichkeit in Hochform verwirklichen.

Ein Rückblick in die Vergangenheit der Menschheit ist alles andere als verheißungsvoll. „Eines Tages“, so steht es im ersten Buch der Bibel „als Kain mit seinem Bruder Abel, während sie auf dem Felde waren, einen Wortwechsel hatten, fiel Kain über seinen Bruder Abel her und schlug ihn tot. Nun fragte der Herr den Kain „Wo ist dein Bruder Abel?“ Er antwortete: Ich weiß es nicht. Bin ich denn der Hüter meines Bruders?

Da sprach Gott: „Was hast du getan? Laut schreit zu mir das Blut deines Bruders. So sei denn verflucht, verbannt vom Heimatboden, der seinen Mund auftat, um das Blut deines Bruders aus deiner Hand zu trinken.“

Hiermit ist der Urkonflikt der Brüder aufgezeigt. Die Zwiespältigkeit der Gefühle zum Bruder: Liebe und Hass, Sympathie und Neid, und es bedarf der Autorität der Väter, um zu verhindern, daß sich die Brüder gegenseitig ausrotten. „Bald kommt die Zeit, daß man um meinen Vater trauert“, sagt Esau, der seinem Bruder Jakob zürnt „dann schlage ich meinen Bruder Jakob tot“ (Genesis 27,41). Auch bei den Söhnen Jakobs ist es der Neid, gegenüber dem erwählten Josef: „Her jetzt, wir wollen ihn totschlagen und ihn in die Zisterne werfen, und dann sagen, ein wildes Tier habe ihn gefressen“ (Genesis 37,20). Bruder sein heißt demnach noch lange nicht, dem anderen auch zugetan sein. Nirgends ist Feindschaft größer und erbitterter als unter Brüdern.

So erweist sich in der Rückschau der Bruder als der Rivale, dessen Angriffs- und Vernichtungsgelüste von oben her in Schranken gehalten werden müssen.

Wo ist der Bruder, der uns Maßstäbe setzt? Er ist unter uns in dem Zukunftsroman Georg Orwells „1984″. Dort wird als Maßstab und Führer eines Kontinents der „Große Bruder“ geschildert. In einer Szene des Romans erscheint auf dem Fernsehschirm sein Gesicht „mit seinen dunklen Haaren und seinem Schnurrbart“, das Ruhe ausstrahlte und mit seiner riesigen Größe fast den ganzen Sehschirm ausfüllte. Niemand verstand, was der große Bruder sagte, es waren nur ein paar Worte der Ermutigung. Worte, wie sie im Kampflärm einer Schlacht ausgestoßen werden. Nicht im Einzelnen unterscheidbar, die aber einfach dadurch, daß sie ausgesprochen werden, die Zuversicht wieder herstellten.“ Gelegentlich steigert sich die Welle der Verehrung bei den Zuhörern von bebendem Flüstern des Einzelnen: „mein Retter“ bis hin zum langsamen und rhythmischen Sprechchor, der die Anfangsbuchstaben wiederholt.

GB, Großer Bruder! Was Wunder, wenn dieser Große Bruder für unfehlbar und allmächtig gehalten wird. Jeder Erfolg, jede Leistung, jeder Sieg, jede wissenschaftliche Entdeckung, alles Wissen, alle Weisheit, alles Glück und alle Tugend werden ihm zugeschrieben. Niemand hat ihn bisher leibhaftig gesehen. Es besteht eine beträchtliche Unsicherheit hinsichtlich des Geburtsdatums. Zweifel tauchen auf, ob es diesen großen Bruder überhaupt gibt.

Wir schrecken mit Recht zurück vor diesem überdimensionalen Bruder. Er schafft keine Gemeinschaft von Geschwistern, sondern einen Termitenhaufen zentral gesteuerter Sklaven. So wird das bisherige Bild des neidischen, rivalisierenden Bruders überblendet vom Bild des diktatorischen und tyrannischen.

Das gesuchte Bild des Bruders will einfach noch keine Konturen gewinnen.

Warm, meine verehrten Hörer, machen wir es uns so schwer mit der Suche nach dem Bruder? Es müsste doch für uns auf der Hand liegen einfach zu sagen, Jesus Christus ist unser, ist der Bruder.

Aber ist es nicht reichlich problematisch von Jesus als unserem Bruder zu sprechen?

Vor nicht allzu langer Zeit bemängelte ein Bischof, dem ein Gebetstext für Kinder vorgelegt wurde, den wiederholt verwandten Ausdruck „Christus – unser Bruder“. Dies sei immer noch ein ungewöhnlicher Titel, daher nicht ohne weiteres verwendbar. Vermutlich kommen die vorgebrachten Bedenken daher, weil man befürchtet, daß dieser Titel eine unzulässige Gleichmacherei betreibe zwischen dem Gottmenschen und uns Menschen. Diese Angst ist befremdlich, aber manchmal von der bisherigen Theologie her verständlich.

Demnach würde Jesus Christus im Grunde einer anderen Welt angehören, auch wenn ständig seine Menschlichkeit betont wird. Das ist übrigens nach Karl Rahner unsere heimliche Irrlehre. Sicher will niemand die Parallele ziehen zwischen Christus und dem Großen Bruder von George Orwell. Mit dem Großen Bruder ist aber zweifellos ein Gegenbild zu Christus aufgerichtet, das indirekt unsere Vorstellungen von Christus einer harten Kritik unterzieht.

Wir müssen einen Wust von unzulänglichen Vorstellungen hinter uns lassen, um zu Christus dem Bruder zu finden. Es hat im Laufe der Kirchengeschichte mannigfach christliche Gemeinschaften gegeben, die sich als Bruderschaften verstanden und kompromißlos das Vorbild Christi verwirklichen wollten. Das heißt, für ihr gemeinschaftliches Leben war ausschlaggebend das Leben, das Jesus unter den Menschen geführt hat. René Voillaume ist Gründer einer solchen Gemeinschaft, die sich nach den Vorstellungen von Charles de Foucauld den Namen KLEINE BRÜDER JESU gegeben hat.

1951 schreibt er in einem Brief an seine Freunde, er befinde sich unter Indianern in Südamerika und bereite den Tag vor, an dem eine Gruppe seiner Brüder nach Peru kommt, um unter den Indianern zu leben. In dem Brief kommt aber auch die Befürchtung zum Ausdruck, die Europäer vermöchten es nicht, wahre Brüder dieser armen und ungebildeten Menschen zu sein. Es könnte sich zu viel Mitleid einschleichen und aus diesem Mitleid Haß gegen die, die die Indianer ausbeuten, schließlich auch noch das Gefühl geistiger und religiöser Überlegenheit.

All dies müsste ausgeschlossen bleiben, sonst liege keine echte Bruderschaft vor. Er fordert von denen, die zu den Indianern gehen werden, daß sie das Bewußtsein vollkommener Gleichheit mit diesen Menschen haben. Mitleid haben und als Bruder lieben ist nach Voillaume ein großer Unterschied. Wörtlich schreibt er: „Der Herr hat niemals, auch nicht dem kleinsten unter den Menschen gegenüber, auch nur den Schatten eines Gefühls von Mitleid des Starken, des Gerechten, des Wissenden gegenüber dem Schwachen, dem Sünder und dem Unwissenden gehabt. Er hat uns geliebt, und mit welch ehrfürchtiger Liebe einen jeden Einzelnen. Wie könnten wir dann das Recht haben unseren schwachen und unwissenden Brüdern gegenüber Gefühle zu haben, die Christus der Menschensohn sich uns gegenüber niemals erlaubte.“ Kurzum handelt es sich hier nicht um eine befohlene Demut, sondern um die Haltung wahrer und universaler Brüderlichkeit.

Niemand kann bestreiten, daß solche Einstellung eine tiefgreifende Umgestaltung der Verhältnisse in der Welt anbahnen würde. Wir erwarten, daß die Kraft dazu uns mit Christus geschenkt wurde. Wir wähnen ihn mitten unter uns, aber legen uns nicht auf eine unzulängliche Vorstellung von Jesus Christus fest. Jede Zeit hat ihre Vorstellung, in der sie Christus begegnet. Uns ist Er wohl am ehesten erfahrbar als „der Kleine Bruder“.

Liedvers:
„Der Herr ist in unserer Mitte, alleluja“
für Vorsänger, Chor und Orgel, bearb. von Franz Pabel
Es singt der kath. Kirchenchor Kriftel unter Leitung von Franz Pabel

Gebet:

Herr, wir sind auf der Suche nach neuen Maßstäben für unsere Welt. Sie kann sich nicht mehr formieren nach den bisherigen Gesetzen derÜber- und Unterordnung. der Unterdrückung und Auflehnung.
Wir bedürfen allgemeiner Gleichheit und Brüderlichkeit.

Chor:
Der Herr ist in unserer Mitte, alleluja!

Wo aber , Herr, sind die Brüder, nach denen wir uns richten könnten?
Es können nicht Kain, Esau oder die Brüder Josefs sein; erst recht nicht die „Großen Brüder“ moderner Diktaturen.
Wo sind die wahren Brüder?

Chor:
Der Herr ist in unserer Mitte, alleluja!

Jesus Christus, Du bist der Gesuchte und Erbetene, Nennen wir Dich „unseren Kleinen Bruder“!
Erfülle die Erwartungen, die wir an Dich knüpfen, und übertrage Deine Brüderlichkeit auf uns!

Chor:
Der Herr ist in unserer Mitte, alleluja!

Orgel:
Nachspiel, Richard Giez


(1) Richard Giez, Kirchenmusikdirektor, war Organist an der St. Antoniuskirche im Frankfurter Westend. Dort war Herbert Leuninger zwischen 1961 und 1967 Kaplan.

(2) Franz Pabel, Kirchenmusikdirektor, war Leiter des Kirchenchores der Pfarrei St. Vitus in Kriftel am Taunus. Hier war Herbert Leuninger Pfarrer zwischen 1967 und 1970.


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