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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV BUCHBESPRECHUNG 1979 ::: ARCHIV KIRCHE 1979 :::
8. Januar 1979

Buchbesprechung
kath. Theologie und Kirche

HESSISCHER RUNDFUNK
Frankfurt/Main
2. Hörfunkprogramm (HR2)
Redaktion: Norbert Kutschki

Otto Hermann Pesch, (Herausgeber)
EINHEIT DER KIRCHE – EINHEIT DER MENSCHHEIT
Perspektiven aus Theologie, Ethik und Völkerrecht
Freiburg, Basel, Wien 1978, 176 Seiten

Es muß einem schlichten Rezensenten eine diebische Freude bereiten, wenn er unter den Aufsatz eines theologischen Primus „unvollständig“ schreiben kann. Diese zugestanden schulmeisterliche Zensur trifft keinen Geringeren als den Jesuiten Karl Rahner. Die Katholische Akademie Hamburg, eine Minderheiteneinrichtung mit ökumenischem Profil, hatte den Dogmatiker Rahner um seinen Beitrag zum Thema „Einheit der Kirche – Einheit der Menschheit“ gebeten. Mit der Aufgabe, beides miteinander in Beziehung zu setzen, war dieser in seiner schöpferischen Ausgiebigkeit nicht ganz zu Rande gekommen. Genau damit unterstreicht der berühmte Theologe aber indirekt, daß es im kirchlichen Systemdenken eine Leerstelle gibt. Sie zu schließen hatte die Hamburger Akademie in Verbindung mit dem Fachbereich Evangelische Theologie der Universität mit Weitsicht angesetzt. Herausgekommen ist, wie sich das gehört, ein Buch, das den Titel „Einheit der Kirche – Einheit der Menschheit“ trägt und für das Otto Hermann Pesch, kath. Mitglied des Evangelischen Fachbereichs (eine ökumenische Struktur!) als Herausgeber fungiert. Herausgekommen ist aber auch eine Fülle von Anregungen, die das müde Gespräch um die Einheit der Christen aufgrund ihrer Verantwortung der Welt gegenüber beleben könnte.

Neben Rahner und Pesch kommen in dem Band Franz Böckle und Ulrich Scheuner zu Wort. Scheuner stellt die Möglichkeiten und Grenzen der Kirchen im internationalen Geschäft dar, die aber von diesen bei weitem noch nicht ausreichend genutzt werden. Themen, bei denen die Kirchen ein gewichtiges Wort mitzureden haben, sind die weltweite Gerechtigkeit, der Einsatz für den Frieden und die Verwirklichung der Menschenrechte. Nach Scheuner ist die Erwartung, die die Welt, gerade auch die nicht christlich geprägte, immer wieder den Kirchen entgegenbringt, nicht gering. Eine zentrale Aussage des Moraltheologen Böckle geht dahin, daß es eine weitgehende Übereinstimmung von christlicher und humanitärer Ethik gäbe. Daher dürfe die Botschaft des Christentums an die Welt nicht sektiererisch verengt werden. Das Christentum erhebe vielmehr den Anspruch, universale Botschaft für alle Menschen zu sein. Dies könne dann etwa wie im Falle der Abtreibungsdiskussion dahin führen, daß das christliche Ethos eine Platzhalterschaft für wahre, jetzt aber noch nicht erreichbare Humanität übernehmen müsse.

Verantwortung der Kirche gegenüber einer Menschheit, die sich nicht nur nach Einheit sehnt, sondern wie Pesch sagt, durch eine gemeinsame Bedrohung zusammengezwungen wird. Eine „Einheit unter Druck“, eine „Einheit der Einförmigkeit“, das kann aber nicht die angestrebte Einheit sein. Daraus folgt für Pesch: „Wenn die Einheit der Menschheit Gefahr läuft, nur eine zivilisatorische Einheit zu bleiben, in der die Vielfalt der Kulturen untergeht oder zur Folklore denaturiert, dann muß die Kirche darin Anwalt des Menschen sein, daß sie die Einheit der Menschen vorlebt, die die Vielfalt schützt wie ein altes Kleinod..“ Pesch sieht ein Modell kirchlicher Einheit allerdings weniger in einer zentralistisch und uniform zusammengehaltenen Gemeinschaft römischen Stils als im Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf, der immerhin als institutionelle und organisatorische Einheit von Kirchen funktioniert, die sich – vorläufig noch – zum Teil gegenseitig ausschließen. Für Rahner ist mit dem Weltrat der Kirchen zwar noch nicht die Einheit der Kirche gegeben. Für ihn ist er aber ein Beweis dafür, daß zwischen den getrennten Kirchen „eine vorgegebene Einheit geblieben und wirksam ist.“ Er zieht daraus den zumindest für katholische Ohren ungewöhnlichen Schluß, daß die schon vorhandene Einheit der Kirchen nicht so weit von der noch nicht verwirklichten Einheit entfernt sei. Solche Ansichten sind für das Gespräch zwischen den Kirchen so anregend, daß eine „unvollständige“ Rede damit den Rang einer „Unvollendeten“ bekommt.


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