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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1977 :::

DER GEIST WEHT UNTEN

Basisgemeinden und Großkirche

INHALT
Eine lahm gewordene Volkskirche, so denken manche, wird nicht von oben, sondern, wenn überhaupt, nur von unten erneuert. Es müßten sich erst einmal wieder Gemeinden bilden, die ansteckend auf andere wirken und im Schneeballsystem zu einer lebendigen Kirche führen.

HINWEIS
Sendemanuskript für: HESSISCHER RUNDFUNK, Frankfurt/M., 2. Hörfunkprogramm, 22.3.1977
Redaktion: Norbert Kutschki

Die größte Massenorganisation der Welt ist die Kirche. Kein internationaler Gewerkschaftsbund, keine Sportföderation können sich mit ihr messen. Hat die Kirche aber auch einen entsprechenden Einfluß? Nach einer Umfrage, die die Wickert-Institute kürzlich unter 2.066 Interviewpartnern in 344 Orten der Bundesrepublik vorgenommen haben, sind nur fünf Prozent der Bevölkerung der Ansicht, daß die Kirchen gegenwärtig den meisten Einfluß haben. 55 Prozent der Bürger schreiben den Gewerkschaften den meisten Einfluß zu, 39 Prozent dem Staat, 34 Prozent den Parteien. Es folgen die Banken, die Bauern und die Massenmedien. So werden etwa die Landwirte dreimal öfter als die Kirchen für einflußreich gehalten. Eine ernüchternde Bilanz, sowohl für Politiker, die die Kirche fürchten, wie für Kirchenführer, die die große Mitgliederzahl immer wieder ins Feld führen.

Die Kirche, ein Koloß auf tönernen Füßen?! Das Bild entstammt einem Traum des babylonischen Königs Nebukadnezar. Er erblickte darin ein riesiges Standbild. Das Haupt bestand aus purem Gold, Brust und Arme aus Silber, der Leib aus Erz, die Beine aus Eisen; die Füße aber waren teils aus Eisen, teils aus Ton. Der König sah, wie sich ein Stein vom Berg löste, das Standbild an den Füßen traf und es zu Staub zermalmte. Nach der Deutung des Propheten Daniel sollte dem König vor Augen geführt werden, wie sein Reich und alle Reiche der Welt zugrunde gehen und Gott sein Reich aufrichtet, das nie mehr vergeht.

Eine korrekte Bibelauslegung würde es nie zulassen, das Traumgesicht des Herrschers aus Babylon auf die Kirche zu übertragen. Denn die Kirche versteht sich als das von Gott gesetzte Signal dafür, daß die angekündigte neue Welt, das Reich Gottes, im Kommen ist, und die Herren dieser Welt gestürzt werden. Als Signal ist sie nicht die Sache selbst, sondern ein vorläufiges Gebilde. Vorläufig und vergänglich ist sicher jede Form, die die Kirche im Laufe der Geschichte annimmt; sie ist aber besonders bruchgefährdet dann, wenn die Basis tönern ist.

Ein goldenes Haupt garantiert den Bestand nicht. „Die Kirche in der heutigen Form wird sterben, sie liegt in den letzten Zügen.“ Diese Auffassung vertritt der Jesuit Mario von Galli, früherer Konzilsberater und derzeitiger Chefredakteur der in Zürich erscheinenden Zeitschrift „Orientierung“. Seit 300 Jahren sei die Kirche in einer absteigenden Phase, weil sie sich mehr von der Machtpolitik habe tragen lassen als vom Geist der Bergpredigt. Heute sei die Kirche nur noch weitgehend Folklore, sie habe die Ausstrahlungskraft aus den Anfängen verloren. Galli ist davon überzeugt, daß aus dem Tod der Traditionskirche eine neue Daseinsform der Kirche erwachsen wird. Ausgehen wird diese Wiedergeburt seiner Überzeugung nach von den Christen in den Ländern der Dritten Welt.

Mit Aufmerksamkeit wird seit Jahren eine kirchliche Erneuerung in Lateinamerika registriert. Die soziale Misere dieses Kontinents einerseits und katastrophaler Priestermangel andererseits haben zu erstaunlichen Entwicklungen geführt, die in verschiedensten Formen an der Basis ansetzen. In Brasilien ist diese neue Arbeit mit dem Namen des Erzbischofs Helder Camara verknüpft. Über sein „Unternehmen Hoffnung“ berichtet Heinz-Wilhelm Brockmann, der auf Einladung des Bischofs den Nordosten Brasiliens besuchte. Camara – so Brockmann – spreche immer davon, daß es bei der Hilfe für die Ärmsten unter den Menschen Brasiliens darauf ankomme, dem ganzen Menschen zu helfen. Er protestiere damit gegen eine Entwicklungshilfe, die nur Materielles und nicht auch Ideelles zu vermitteln trachtet. Alle Projekte der Operation Hoffnung verlangen die Mitarbeit und Mitverantwortung der Beteiligten. In den ärmlichsten Hütten bildeten sich Gruppen, die fähig sind, nicht nur sich selbst zu helfen, sondern Initiativen zu entwickeln, die für ganz Brasilien Bedeutung haben. In Europa macht man Camara und einer Kirche, die wie er an der unmittelbaren Not der Menschen ansetzt, den Vorwurf, sie engagiere sich fast ausschließlich für soziale Bereiche. Dabei zeigt sich aber, daß eine Kirche, die sich auf diese Weise einsetzt, von Grund auf, von der Basis her, verändert. Gemeindeleben und Theologie in den Gemeinden, die die soziale und religiöse Komponente miteinander verbinden, sind konkreter und lebensnaher geworden. Die verschiedenen Formen der Basisarbeit sind dabei, so urteilt Brockmann, die Kirche selbst zu verändern.

Eine wachsende Bedeutung mißt der Konzilstheologe Ferdinand Klostermann den Basisgemeinden Lateinamerikas und auch Europas bei. In einer Veröffentlichung „Kirche – Ereignis und Institution“ räumt er ihnen einen breiten Raum ein, Basisgemeinden sind überschaubare Gruppen von Christen, die in eine persönliche Beziehung zueinander treten und das Leben der Gruppe mit ihren Vollzügen der Verkündigung, des Gottesdienstes und der Diakonie in eigener Verantwortung gestalten. Basisgemeinden entstehen neben oder innerhalb der organisierten Großkirche, Für Klostermann bildet sich die Kirche ihrem Wesen nach zunächst immer an der Basis. Eine Verwaltungsstruktur ist noch nicht Kirche.

„Diese entsteht“, so heißt es in seinem Buch, „und ereignet sich vielmehr nur dort, wo die Botschaft Jesu wirklich verkündet wird; wo man das Brot in seinem Namen bricht und wo seine Liebe gelebt und praktiziert wird; und nur hier kann auch konkrete, eine konkrete Situation treffende Verkündigung geschehen, kann konkrete Gemeinschaft, Brüderlichkeit und Liebe erfahren und geübt werden und der Austausch des Glaubens geschehen.“

Optimistisch in die Zukunft blickend rechnet der Autor mit einem Abbau der Volkskirche und der Bildung von Gemeinden, die auf eigenen Füßen stehen, sich selbst erhalten und sich vom Glauben, von der Liebe und vom Engagement derer tragen lassen, die sie bilden. Er zählt die Gemeinde Jesu zu jenen Organisationen, die Freiwilligkeit und Engagement verlangen, ja die ganze Existenz berühren und eine völlige Veränderung des Menschen bewirken, In dieser Gemeinde herrscht prinzipielle Gleichheit und Brüderlichkeit, da über alle der gleiche Geist ausgegossen ist, Dieser Geist an der Basis ist das treibende Element der Veränderung und Erneuerung.

„Mit dem Geist Jesu,“ sagt Klostermann, “ ist ein eigenständiges, dynamisches, kreatives, spontanes, vorwärtsdrängendes, alle Gewohnheiten unter Umständen sprengendes, umwälzendes … Prinzip in der Kirche wirksam geworden.“

Tatsächlich? Walter Kasper stellt in einer Schrift „Kirche – Ort des Geistes“ eine regelrechte „Geistvergessenheit fest, Der Enthusiasmus der frühen Kirche habe wegen seiner Risiken dazu geführt, daß der Geist immer mehr an die Institution der Kirche gebunden worden sei, man habe ihn gezähmt. So sei die charismatische (sprich: begeisterte) Dimension weithin verdeckt durch die übermächtigen hierarchischen Strukturen, Danach war Begeisterung nur etwas für den Anfang. Im 13. Jahrhundert glaubte der Abt Joachim von Fiore, daß das Zeitalter des Sohnes, d.h. der hierarchischen Kirche durch ein drittes Zeitalter, das des Hl. Geistes, abgelöst werde. Das richtige Anliegen des als Ketzer eingestuften Abtes sei verdrängt worden. Dabei müsse die Kirche immer wieder neu den Schritt vom Buchstaben und von den bloßen institutionellen Strukturen zum Geist hin vollziehen. Soweit Professor Kasper. Ein Rezept, wie das vor sich gehen könnte, bietet er in diesem Zusammenhang nicht,

Bei einer Umschau in unseren Breiten fällt es schwer, daran zu glauben, das Zeitalter des Hl. Geistes sei zwischenzeitlich vielleicht doch in der Kirche angebrochen. Das Vertrauen auf Strukturen – wenn auch veränderte – wiegt vor gegenüber dem Vertrauen auf den Geist. Es besteht ein Mißverhältnis zwischen der Geschäftigkeit des ausgebauten kirchlichen Apparates und der Unbeweglichkeit der untersten Verwaltungsebene, d.h. der Pfarreien. Die Führung will die Basis auf Trab bringen, denkt oder agiert dabei aber weitgehend in den gleichen Kategorien der Absicherung und Besitzstandswahrung wie diese.

Vereinzelte Pioniertrupps unter eigenwilligen Kommandeuren bezweifeln, daß die Kirche wie eine Armee von der Generalität in Marsch gesetzt werden kann. Eine lahm gewordene Volkskirche, so denken sie, wird nicht von oben, sondern, wenn überhaupt, nur von unten erneuert. Es bilden sich erst einmal wieder Gemeinden, die ansteckend auf andere wirken und im Schneeballsystem zu einer lebendigen Kirche führen. Hauptverfechter einer solchen Strategie ist Paul Weß, Pfarrer einer Wiener Großpfarrei. Vor gut zwei Wochen hat er seine Vorstellungen in Eschborn bei Frankfurt unter dem Thema (es ist gleichzeitig auch ein Buchtitel) „Gemeindekirche – Zukunft der Volkskirche“ erläutert. Die Pfarrei Eschborn hatte zu einem Gemeindeforum eingeladen. Vorausgegangen waren zahlreiche Kontakte zu anderen Pfarreien über die Grenzen der Bundesrepublik hinweg. So kamen Vertreter aus Österreich, der Schweiz und Luxemburg, aber auch aus etwa dreißig deutschen Pfarreien, um Gemeindeerfahrungen neuen Stils auszutauschen. Das Gros der Teilnehmer verfügte allerdings nicht über nennenswerte weiterführende Erfahrungen, es konnte teilhaben und sich vielleicht inspirieren lassen. Die Pfarrei Wien, Machstraße und die Christkönigsgemeinde Eschborn standen als Modelle im Vordergrund.

Der Wiener Pfarrer weiß, daß viele Katholiken das eigentlich Christliche im gewöhnlichen kirchlichen Leben nicht mehr finden und nach Gruppen und Bewegungen Ausschau halten, die sich außerhalb der Strukturen der Volkskirche bilden. Auf diese Weise werde aber die Volkskirche nie zu einer Gemeindekirche. Weß läßt solche Gruppen – und hier verengt sich sein theologisches Urteil – nicht als Gemeinden im vollen Sinne gelten. Sie seien höchstens gemeindeähnlich. Bei ihm gehört es für eine Gemeinde in der Kirche dazu, daß sie sich hinsichtlich des Gottesdienstes, der Verkündigung und der Sakramentenspendung für alle Katholiken eines Sprengels verantwortlich fühlt. Sein neuer Ansatz liegt aber darin, dass mitten in einer konventionellen Pfarrei eine oder mehrere Gemeinden entstehen sollen. Sie werden von Menschen gebildet, die sich in einer verbindlichen Glaubensentscheidung auf die Gemeinde eingestellt haben. Sie treten damit gleichzeitig in eine enge persönliche Beziehung der Liebe und Freundschaft zu den anderen etwa 17.000 Gemeindegliedern. Eine derartige – bewußt als „geschwisterlich“ bezeichnete – Intensivgemeinde gibt es seit drei Jahren in der Machstraße im Rahmen einer Pfarrei von etwa 17.000 Katholiken. Weß‘ Blick in die Zukunft: sein Leitbild von Gemeinde überträgt sich auf andere Pfarreien, wird vom Bistum übernommen und löst schließlich in der Gesamtkirche die volkskirchliche Struktur ab.

Das zweite Grundsatzreferat auf dem Gemeindeforum hielt der Pfarrer der gastgebenden Gemeinde, Heinz-Manfred Schulz. „Die Weltkirche ist auf den Kopf gestellt“, sagte er, „sie müsste wieder auf die Füße gestellt werden.“ Er knüpfte an die Urkirche an, die nicht von oben her strukturiert war, sondern von der Basis her. Die Gemeinde, das war die Kirche. Die einzelnen Gemeinden hätten sich zusammengefunden und einen Bund geschlossen. So definierte Schulz in Übereinstimmung mit der Tradition die Kirche als den Liebesbund von Gemeinden, die untereinander in einem vielfältigen Glaubensaustausch stehen. Dazu muß es aber lebendige Gemeinden geben, in denen zwischen den Mitgliedern ein reger Austausch von Glaubenserfahrung gepflegt wird. Der Geist Gottes ist allen gegeben. „Vergessen wir das Wort ‚Laie’ und gebrauchen wir es nie mehr,“ schlug Schulz vor, „im Glauben gibt es keine Laien, da sind wir alle Fachleute.“ So kann er auch auf die zahlreichen Fachleute der Glaubensverkündigung in Eschborn und auf die vielfältigen Formen des Erfahrungsaustausches verweisen. Ausführlich beschrieben hat er sie in seinem jüngsten Buch unter dem Titel „Gemeinde als lebendige Katechese“. Durch die intensiven Gesprächskontakte entsteht in der Gemeinde ein dichtes Netz gegenseitiger – und nicht nur unverbindlicher – Beziehungen. Das Gespräch innerhalb der Gemeinde setzt sich fort nach außen, in die Zivilgemeinde hinein, in den ökumenischen Bereich, in die Gesellschaft und nicht zuletzt in die Kirche. Es ist bezeichnend, daß die Idee eines Gemeindeforums durch internationale Kontakte entstand, und nicht, wie es nahe gelegen hätte, durch Verbindungen mit den Nachbargemeinden.

Das Gemeinsame von Eschborn waren die Auffassungen, daß die Kirche auf Gemeinden basiert und nur sie die Füße darstellen, auf denen die Kirche sicher steht, daß kein Auszug aus der Volkskirche geplant wird, sondern deren Veränderung durch allmähliche Übertragung des Gemeindemodells auf die Pfarreien. Allerdings gehörten zu den Teilnehmern des Forums, die mehr im Hintergrund blieben, Vertreter eines anderen Gemeindetyps und -konzepts, des der sogenannten Integrierten Gemeinde Münchener Provenienz. Sie verstehen sich zwar als Teil der Gesamtkirche, halten indes die Volkskirche als solche für nicht reformierbar. Aber auch sie setzen auf Ansteckung bzw. Flächenbrand. Bei nüchterner Einschätzung der Lage ist weder in diesem noch in dem anderen Fall die Ansteckungs- oder Brandgefahr sehr groß.

Diese Beurteilung kirchlicher Erneuerungsstrategien ändert dennoch nichts an der positiven Bewertung des Eschborner Gemeindeforums, das unabhängig von seiner Wirksamkeit modellartig sichtbar machte, wie Gemeinden und der Bund der Gemeinden funktionieren könnten.


Sendemanuskript für: HESSISCHER RUNDFUNK, Frankfurt/M., 2. Hörfunkprogramm, 22.3.1977
Redaktion: Norbert Kutschki


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