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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE-MIGRATION 1974 :::

Ausländer-Pfarrer in Deutschland

INHALT
Derzeit wirken in ausländischen Gemeinden 470 ausländische Pfarrer aus insgesamt 21 Nationen. Die deutsche Kirche ist dafür verantwortlich, daß dem Ausländer-Pfarrer alle finanziellen, personellen und räumliche Möglichkeiten für seine Arbeit zu Gebote stehen. Ausländer, die länger in Deutschland bleiben, sollen befähigt werden, am deutschen gottesdienstlichen und gemeindlichen Leben teilzunehmen.

HINWEIS
Sendemanuskript für HESSISCHER RUNDFUNK, Frankfurt/M.,
2. Hörfunkprogramm, 15.1.1974 Redaktion Norbert Kutschki

Carlos Rodriguez, der vor zwei Jahren von Malaga nach Frankfurt kam, hatte nicht die geringste Ahnung davon, daß kirchlich gesehen doppelt für ihn gesorgt war. Mit der Tatsache, daß er im Gutleut-Viertel zwischen Hauptbahnhof und Main ein schmales Zimmer bezogen hatte, war er in die Verantwortung gleich zweier Pfarrer gegeben. Vom ersten Tag seiner Ankunft an war sowohl der Pfarrer der St. Antonius-Gemeinde im Westend als auch der spanische Pfarrer zuständig, dessen Gebiet die Stadt Frankfurt und den ganzen Taunus umfaßt.

Den Weg zur Antonius-Kirche hat Herr Rodriguez bisher noch nicht gefunden. Seinen spanischen Pfarrer lernte er anlässlich der Taufe der jüngsten Tochter seines Bruders, der auch in Frankfurt arbeitet, kennen. Seit dieser Zeit hat er sich gelegentlich beim spanischen Gottesdienst sehen lassen, der jeden Sonntag um 12:30 Uhr in der Allerheiligen-Kirche am Zoo stattfindet. Mittlerweile ist er mit Carmen Gonzalez befreundet. Beide wollen demnächst heiraten. So suchen sie Don José im Spanischen Zentrum auf. Verwundert lesen sie am Eingang das Schild: Mision Católica Espanola, Katholische Spanische Mission. „Sind wir denn Heiden?“ fragt Fräulein Gonzales den Pfarrer. Don José, offiziell vom Limburger Bischof als Missionar für seine spanischen Landsleute eingesetzt, versucht den jungen Leuten eine Erklärung zu geben.

Tatsächlich werden die ausländischen Pfarreien als Missionen bezeichnet. Es handelt sich hierbei um eine Organisationsform, die bei der Missionierung entstanden ist. Nach dem Kirchenrecht sollen überall da, wo es zahlreiche Ausländer einer bestimmten Sprache gibt, die noch nicht fest ansässig geworden sind, zusätzlich zu den vorhandenen Ortsgemeinden besondere Missionen gebildet werden. Gebietsmäßig werden sie genau umschrieben. Manchmal decken sie sich mit einer Stadt; bisweilen sind sie so groß wie ein Bundesland. Es gibt sogar Missionen, die in zwei oder drei Länder hineinreichen. So. ist die Bundesrepublik aufgrund der Millionen Ausländer, die hier arbeiten, mit einem Netz von Missionen der verschiedensten Nationalitäten überzogen.

Derzeit wirken in ihnen 470 ausländische Pfarrer aus insgesamt 21 Nationen. Dabei sind die Militär-Pfarrer nicht miteingerechnet. Die größte Gruppe der Ausländer-Pfarrer stellen die Italiener. Es sind 123. Ihnen folgen die Spanier mit 105 Priestern und 80 kroatische Seelsorger aus Jugoslawien.

Eine ähnliche Organisationsform der kirchlichen Ausländerarbeit gibt es auch für die 70.000 evangelischen, ausländischen Christen. Dort sind es 41 Pfarrer oder Prediger aus 12 Ländern. Die nach Hunderttausenden zählenden orthodoxen Christen haben 95 Geistliche aus 7 osteuropäischen Staaten.

Die deutsche Kirche ist dafür verantwortlich, daß dem Ausländer-Pfarrer alle finanziellen, personellen und räumliche Möglichkeiten zu Gebote stehen. um seine nicht leichte Aufgabe zu erfüllen. Hierfür werden vor allem die Kirchensteuermittel eingesetzt, die ja auch von den Ausländern mit aufgebracht werden. Meistens lassen es die zuständigen kirchlichen Stellen dabei bewenden, die äußeren Voraussetzungen für die Ausländerpastoral zu schaffen. Wie der ausländische Priester, der selbst große Schwierigkeiten mit der neuen Umgebung und vor allem auch mit der deutschen Sprache hat, seine Arbeit anfaßt und durchführt, bleibt ihm weitgehend überlassen. Spärlich sind die an sich gewünschten Kontakte des Ausländers zur deutschen Seite hin. Finden gemeinsame Konferenzen statt, so stellt es sich heraus, daß die pastoralen Probleme höchst unterschiedlich sind. Für die deutschen Pfarrer sind es zumeist die Probleme der Mittelschicht, während es sich bei den ausländischen Arbeitnehmern um Menschen handelt, die auf der sozialen Stufenleiter ganz unten stehen.

Daher sind die Ausländer-Pfarrer darauf angewiesen, ihre eigenen Besprechungen zu halten, um die Situation zu analysieren, in der sie hier in Deutschland stehen und arbeiten. Auf einer solchen Arbeitstagung haben die spanischen Pfarrer Anfang 1973 die Feststellung getroffen, daß die traditionellen Methoden der Glaubensverkündigung im Rahmen einer normalen Pfarrei, auch der ausländischen, nicht mehr zeitgerecht sind. Es fehle die direkte Verbindung zur heutigen Lebensrealität. Diese Realität sehe für den Arbeitsemigranten so aus, daß er ständig mit dem Gefühl der Unterlegenheit und Minderwertigkeit lebe. Die vorhandene Gesellschaftsstruktur werde als Einengung und Unterdrückung erfahren. Daher muß nach Meinung der spanischen Priester das Evangelium als eine echte Botschaft der Befreiung dargelegt und auch erlebt werden

Im Grunde deckt sich diese Auffassung mit der Aussage der Synode von Würzburg, dem Spitzengremium der Katholischen Kirche in der Bundesrepublik, daß nämlich missionarische Methoden gefunden werden müßten, da die in der Ausländerpastoral gestellten Aufgaben mit den überlieferten Formen kirchlicher Dienste allein nicht bewältigt werden könnten. Ausgangspunkt einer solchen Methode – und hier bekommt das Wort Mission und missionarisch einen neuen radikalen Sinn – wäre die besondere Lage und die besonderen Werte der Ausländer An einer Stelle wird diese Lage so gekennzeichnet, daß die ausländischen Arbeiter den unteren sozialen Schichten angehören, weithin Diskriminierungen unterliegen und im hohen Maße dem kirchlichen Leben entfremdet sind An positiven Werten wird herausgestellt, das Wachsen eines universalen Bewusstseins, die große Verantwortung gegenüber der Familie und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Die Synode benennt drei konkrete Ziele einer kirchlichen Ausländerarbeit.

  1. Auf dem Hintergrund, daß zahlreiche Ausländer kaum noch einen Bezug zur Kirche haben, sollten diese Arbeiter in ihrer konkreten menschlichen Situation angesprochen und allmählich zu einer menschlichen Reife geführt werden, die sie auch für religiöse Werte empfänglich macht.
  2. Ausländer, die länger in Deutschland bleiben, sollen befähigt werden, am deutschen gottesdienstlichen und gemeindlichen Leben teilzunehmen.
  3. Oberstes Ziel sind Christen, die aus ihrer Objektsituation herausgenommen; ihre Aufgaben in Kirche und Gesellschaft aktiv übernehmen.

Von den Pfarrern, die in der Ausländerarbeit stehen, wird erwartet, daß sie über eine gute pastorale Eignung und Erfahrung verfügen und so flexibel sind, daß sie sich allen Erfordernissen anpassen können. Was das heißt, werden wahrscheinlich nur die ermessen können, die seit Jahr und Tag in dieser Tätigkeit stehen.

Zu der Gruppe mit den längsten Erfahrungen gehören die italienischen Priester. Auf ihrer letzten Jahrestagung in Brescia/Italien haben sie unter dem Thema „Kirche und Arbeitswelt bei den italienischen Emigranten in Deutschland“ versucht, die bestehende Situation zu analysieren. Als Hauptschwierigkeit bei ihrer Arbeit erkannten sie die Tatsache, daß die Kirche – und zwar nicht nur in Deutschland – keinen Zugang zu den Arbeitern gefunden hat. So kennt sie weder deren Situation noch Probleme. Die Folge ist, daß der arbeitende Mensch nicht mehr versteht, wovon die Kirche spricht.

Oft bringen die Arbeiter ihre großen Vorurteile gegen die Kirche mit nach Deutschland und hier verbinden sie sich mit den Vorurteilen, die unter deutschen Arbeitnehmern gehegt werden. Für viele ist die Kirche nur mehr ein Dienstleistungsbetrieb für Taufen, Heirat und Beerdigung. Ein anderer Teil kommt mit den traditionellen Vorstellungen über die Kirche nach Deutschland und gerät schnell in eine religiöse Krise.

Wie sieht nun der Emigrant seinen Priester? Die Vorstellungen sind unterschiedlich und gegensätzlich. Aus der Heimat kennt er den Pfarrer als Garanten der moralischen und religiösen Ordnung. Gesellschaftlich gesehen gilt er als gemachter Mann. Aufgrund seines Studiums muß er alles wissen und können. Selbst, wenn man ihn kritisiert, erwartet man in besonderen Fällen jede Hilfe von ihm. Seine ständige Verfügbarkeit in traurigen und fröhlichen Situationen gehört auch hier zu den zentralen Erwartungen. Landsleute, die einen näheren Kontakt zu ihrem Pfarrer aufnehmen, stellen fest, daß er kaum noch in das traditionelle Schema paßt. Sie finden ihn offener, besser mit ihren Problemen vertraut und auf der gleichen Stufe mit ihnen stehend. Das akzeptieren sie gern.

Dennoch spüren die Priester, daß sie nur unzulänglich auf ihre Tätigkeit vorbereitet sind. Ihr Studium hat ihnen abstraktes Denken und Reden beigebracht. Durch das Priesterseminar wurden sie von der Familie und der Gesellschaft getrennt. In den alten Pfarrstrukturen lernten sie Prestige – und Machtdenken kennen. Schließlich bevorzugte die Kultur, in der sie groß geworden sind, die gleichgestellten und nicht die untenstehenden Menschen.

Eine kürzlich herausgegebene Studie über die menschlichen und sozialen Probleme der ausländischen Arbeiter hat noch einmal nachdrücklich herausgestellt, für wen die Gastarbeiter-Pfarrer tätig sind, für Menschen nämlich, die gerade in den Ballungsräumen der Großstädte in Ghettos leben. Diese Ghettos sind Konsequenz und Ausdruck einer wirklichen Unterentwicklung in sozialer und kultureller Hinsicht. Ein gegenseitiger Austausch zwischen einer hoch entwickelten Gesellschaft und dieser Minderheit wird als unmöglich angesehen; denn sie ist nicht nur Minderheit von ihrer Nationalität und Sprache, sondern viel mehr von ihrem Entwicklungsstand her.

Piero Bartalesi, Arbeiterpriester in Frankfurt, hält den ständigen Wunsch hinsichtlich der menschlichen Würde voll anerkannt zu werden für die charakteristischste Einstellung seiner Landsleute. „Sie fühlen sich bis zum Papst hin aus unserer Welt ausgeschlossen. Oft haben sie sogar Angst vor uns.“ Bartalesi fordert seine Kollegen auf, sich eindeutig auf die Seite der ausländischen Arbeiter zu stellen. Das würde einen armen Lebensstil zur Folge haben, der sich auf alle Bereiche erstreckt.

In ihrem Abschlußdokument übernehmen die italienischen Missionare, die sich wirklich wie am Anfang kirchlicher Missionierung sehen, die Zielvorstellung des Arbeiterpriesters. Sie wollen mit den Arbeitsemigranten solidarisch sein, die sie als Opfer einer wirtschaftlichen und sozialen Ausbeutung betrachten. Sie bitten alle Kirchen, ihre Kräfte dafür einzusetzen, um die Befreiung und menschliche Entfaltung der eingewanderten Brüder im Sinne des Evangeliums zu fordern und jede Diskriminierung zu verhindern.


Sendemanuskript für HESSISCHER RUNDFUNK, Frankfurt/M.,
2. Hörfunkprogramm, 15.1.1974 Redaktion Norbert Kutschki


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