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HERBERT LEUNINGER ::: ARCHIV KIRCHE 1970 :::

Schriftauslegung und Predigtgedanken

Apg 10,34-38

Taufe des Herrn (C)
veröffentlicht in:
Heinrich Kahlefeld (Hrsg.) in Verbindung mit Otto Knoch,
Die Episteln und Evangelien der Sonn- und Feiertage,
Auslegung und Verkündigung 6,
Die Episteln, I, Advent bis Sonntag nach Erscheinung,
Lesejahr C, Frankfurt/Stuttgart 1970, S.107-110
INHALT
Durch die Christenheit geht ein mächtiger Impuls auf Universalität hin. Diese Bewegung muß im Rahmen der Entwicklung gesehen werden, die die heutige Menschheit erlebt. Einer ihrer besonderen Aspekte ist das Bestreben, auf weltweiter Ebene zur Einheit zu finden.

Apostelgeschichte 10, 34-38

34 Da begann Petrus zu reden und sagte: Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht,
35 sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist.
36 Er hat das Wort den Israeliten gesandt, indem er den Frieden verkündete durch Jesus Christus; dieser ist der Herr aller.
37 Ihr wisst, was im ganzen Land der Juden geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes verkündet hat:
38 wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm.

I

(1) Jesus Christus als »der Herr aller« ist ein Thema, das bereits am Anfang der Apg mit der Himmelfahrtsperikope angeschlagen wird. Nach der heutigen Schriftauslegung enthält die Vorstellung von dem in den Himmel aufgenommenen Herrn einen wichtigen Aspekt des urchristlichen Osterglaubens. Dieser will nämlich nicht nur bezeugen, daß Jesus lebt, sondern daß er durch seine Auferweckung in ein neues Verhältnis zur Welt getreten ist. Somit sagt Paulus in Kol. 1,16b: ». . . alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen.« Dem Herrn kommt eine universale Bedeutung zu, die Himmel und Erde, Welt und Menschheit, Juden und Heiden umfaßt.

(2) Mit dieser Überzeugung hat es nicht sein Bewenden, denn aus der universalen Stellung Christi erfließt der Auftrag für seine Anhänger, »Zeugen zu sein in Jerusalem, in ganz Judäa und Samaria, ja bis an die Grenzen der Erde« (Apg 1, 8). Erteilt wird der Auftrag im Zusammenhang mit der Himmelfahrt. Damit ist herausgestellt, wie der universale Auftrag der Christen mit der universalen Rolle Christi zusammenhängt.

(3) An sich ist es verwunderlich, wenn die Korneliusgeschichte so viel Wunderhaftes aufbietet, um Petrus das Wort entlocken zu können: »Wahrhaftig, nun begreife ich . . .« An sich gehörte zum Glaubensbestand des Volkes Israel, daß Gottes Heil nur im ersten Ansatz auf dieses beschränkt blieb, in der Zeit messianischer Erfüllung aber allen Völkern zugedacht war. Daher konnte das Neue der christlichen Auffassung weniger in dem Gedanken eines universalen Heiles liegen als vielmehr darin, daß die Zeit für erfüllt betrachtet wurde, in der diese Verheißung verwirklicht wurde.

(4) Die eigentliche Wende vollzog sich daher bei den Christen, als sie das universale Heil mit Christus identifizierten und es von der Bindung an Volk und Gesetz lösten. Hier setzt bei Petrus ein Lernprozeß ein, dessen Bedeutung dem Bekehrungserlebnis eines Paulus nicht nachsteht. Der Blitz, der beide trifft, ist die Erkenntnis, daß Heil nicht an Gesetzlichkeit gebunden ist. Damit wird die Heidenmission zu einem zentralen Anliegen: »Die universale Herrschaft des Herrn muß vielmehr universal bekannt gemacht werden« (Conzelmann).

(5) Es ist der Betrachtung wert, daß zwei religiös so überzeugte Männer wie Paulus und Petrus nur mit Mühe die universale Dimension ihres Glaubens einholen. Gerade letzterer ist nach Auskunft der Apg vor Rückfällen in eine vorchristliche Enge nicht gefeit. Vermutlich liegt hier eine ständige Versuchung für Fromme, die sich und ihresgleichen zum Maßstab setzen. Sie möchten darüber befinden, wem Gottes Heil zukommt oder abzusprechen ist. Es bedarf des göttlichen Anstoßes, um zu der geistigen Weite zu gelangen, »daß in jedem Volk ihm wohlgefällt, wer ihn fürchtet und recht tut« (v 35). Die Auslegungsgeschichte des Cyprian-Wortes »außerhalb der Kirche kein Heil« ist dafür ein trefflicher Beleg. Uns mußte der Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils zu Hilfe kommen.

II

(1) Es reizt, den kurzen Predigtausschnitt der Korneliusgeschichte in den legendären Zusammenhang zu stellen, in den er durch die Apg eingebettet ist.

Der Gemeinde wäre damit ein schlechter Dienst erwiesen, da die betreffenden Einzelheiten vordergründige Probleme von Wunder und Vision aufwerfen. Auch der »Entmythologisierer «, dem es ein Vergnügen macht, sich hier zu versuchen, entgeht kaum der Gefahr des belanglosen Redens.

(2) Überlegungen, die sich mit dem universalen Heil beschäftigen, können das wirkliche Interesse einer Gemeinde wecken, vornehmlich des jüngeren Teils. Gerade ihm liegt die Beantwortung der Frage, was Herrschaft Christi über alle heute bedeuten mag, sehr am Herzen. Allerdings läßt sich eine Begeisterung im Sinne früherer Missionspredigten nicht mehr erreichen. Die Klage aus den Missionen, die Heimat erlahme in ihrem missionarischen Schwung, ist ein beredtes Zeugnis dafür, daß sich die diesbezügliche Haltung in der Kirche gewandelt hat. Dafür finden Ideen stärkere Resonanz, die ein allgemeines Heil durch eine veränderte Welt proklamieren. Da noch nicht ausgemacht ist, ob mit diesen Vorstellungen die biblische Botschaft verkürzt oder aktualisiert wird, ist ein Mitgehen des Hörers leicht zu erreichen. Jedenfalls sollte ihm zur Kenntnis gebracht werden, daß sich ein gewandeltes Verständnis von Universalität abzeichnet.

III

(1) Durch die Christenheit geht ein mächtiger Impuls auf Universalität hin. Er zeigt sich in allen Konfessionen und Denominationen. Diese Bewegung muß im Rahmen der Entwicklung gesehen werden, die die heutige Menschheit erlebt. Einer ihrer besonderen Aspekte ist das Bestreben, auf weltweiter Ebene zur Einheit zu finden. Zwar wird sie nur unter größten Krisen erreicht, gehört aber zu den faszinierenden Idealen unserer Epoche. Unter diesen Vorzeichen bekommt auch eine universalistische Religion wie das Christentum ganz neue Chancen, zählt doch die vom Geiste Gottes geeinte Menschheit zu den unverzichtbaren eschatologischen Hoffnungen.

(2) Das Konzil, bestrebt alles Gute in der heutigen Gesellschaft anzuerkennen, akzeptiert diesen Drang zur Einheit. Als Sakrament der Einheit ist es sogar der Kirche besondere Aufgabe, diese zu betreiben. Ihre verbindende Kraft liegt nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in der Universalität: Sie zeigt sich darin, daß die Kirche wegen ihrer Sendung an keine spezielle Form menschlicher Kultur oder an ein besonderes wirtschaftliches System gebunden ist. Darin liegt eine Universalität, die ein enges Band zwischen den Verschiedenen menschlichen Gemeinschaften und Nationen bildet (Pastoralkonstitution Nr. 42).

(3) Die Welt ist allerdings gegenüber diesem kirchlichen Angebot skeptisch. Sie hat ihre eigenen säkularen Katholizitäten. Dennoch sollte hier kein Gegensatz gesehen werden. Es gibt gute Gründe, das geistige Fundament der gegenwärtigen Entwicklung als christlich zu bezeichnen. Der Ansatz für die Kirche ist demnach nicht völlig andersartig. Mit genauer Kraft vermag sie sich einer Bewegung zu verschreiben, die allen Grund hat, eine evangelisch eingestellte Kirche zu begründen.

(4) Die besondere Eigenschaft, mit der die Kirche einer auf Universalität eingestellten Welt dienen kann, besteht nach dem Konzil in der lebendigen Verwirklichung von Glaube und Liebe, »nicht aber in irgendeiner äußeren, mit rein menschlichen Mitteln ausgeübten Herrschaft« (Pastoralkonstitution Nr. 42). Nur in lebendigen Gemeinschaften ist diese Realisierung von Glaube und Liebe möglich. Sie sind geradezu eine Vorwegnahme universaler Einheit. Hier herrscht die im Ansatz geglückte Brüderlichkeit, die keinen Menschen ausschließt. Die damit verbundene Erfahrung verzeihungsbereiter Liebe, die Hoffnung auf die allgemeine Herrschaft Gottes, die Überzeugung von der Gleichheit aller Menschen schaffen eine Atmosphäre, in der die Verwandlung der Welt anhebt.


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